Mein Brieffreund, der Todeskandidat

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Papierene Hoffnung: Das Bild zeigt Briefe und zwei Porträts von Albert Jones, die der Todeskandidat aus seiner Zelle in San Quentin/ Kalifornien an Martin Both geschickt hat. Der Mann aus Bad Endorf führt die Korrespondenz seit zwei Jahren – Jones’ Stimme hat er noch nie gehört.

Bad Endorf/San Francisco - Der 40-jährige Martin Both aus Bad Endorf schreibt Briefe an einen Mann ohne Zukunft: Albert Jones, Häftling in Kalifornien, ist zum Tode verurteilt. Was treibt Both an?

Der Chiemgauer Martin Both

Hellgrüne Blätter, dunkle, feuchte Erde. Im Frühjahr, als in seinem Garten die Radieschen sprießen, macht Martin Both, 40, ein Foto. Er schickt es ans andere Ende der Welt, an seinen Freund Albert Jones, 47, in eine kahle Gefängniszelle im härtesten Knast Kaliforniens. Ein Stück Natur für Häftling K-23800, den Todeskandidaten. Fast ein Jahr ist das her, und heute sitzt Both, gestreiftes Shirt, braunes Haar, in seiner Küche am Holztisch. Es ist still in seinem Haus in Bad Endorf, der eine Sohn ist im Kindergarten, der andere in der Schule. An einer Magnettafel hängt eine Weihnachtskarte mit einem Foto. Es zeigt einen Schwarzen mit krausem Haar in blauer Gefängniskluft. Er lächelt, um den Hals trägt er ein Kreuz: Albert Jones, seit 16 Jahren Todeskandidat, seit zwei Jahren Brieffreund von Martin Both. Hey Martin, merry Christmas.

„Ich hoffe, dass ich Dich ermutigen kann.“

Martin Both hält eine Kaffeetasse in seiner Hand, blaues Blümchenmuster, die Katze schleicht um seine Beine. „Ich weiß, dass Albert kein Heiliger ist“, sagt er leise. Aber um Schuld geht es nicht bei dieser Brieffreundschaft zwischen ihm, dem Familienvater aus dem Chiemgau, und Jones, dem Häftling aus Los Angeles. Er will seinem Freund etwas zeigen: Da draußen ist jemand, dem du wichtig bist.

Vor zwei Jahren liest der Journalist Both einen Artikel, es geht um „Lifespark“, eine Schweizer Organisation, die Briefkontakte zu Gefängnisinsassen vermittelt, auch zu Todeskandidaten. Both will es wissen, aus erster Hand: Wie ist das Leben in der Todeszelle? Er meldet sich bei „Lifespark“, muss sich vorstellen, wird überprüft. Dann schicken ihm die Schweizer einen Namen, eine Adresse. Mr. Albert Jones, # K-23800, San Quentin State Prison, California, USA.

Am Abend des 13. Oktober 2010, einem Mittwoch, setzt sich Both an seinen Computer, damals lebt er noch in Wiesbaden. Er tippt seinen ersten Brief, zwei Seiten lang, an einen Unbekannten. „Ich will weniger wissen, warum Du ins Gefängnis gekommen bist“, schreibt er. „Ich will erfahren, was es bedeutet, dort zu sein. Was es für Dich bedeutet.“ Und: „Ich hoffe, dass ich Dich ermutigen kann. Ermutigen, Deine Würde nicht aufzugeben.“

Eine 12 Quadratmeter große Welt

Albert Jones, ein großer, durchtrainierter Mann, lebt mit 209 Todeskandidaten in San Quentin. Das Gefängnis thront wie eine Burg an der Bucht von San Francisco. Albert Jones hat eine Einzelzelle, 12 Quadratmeter, so groß ist seine Welt. Vier bis fünf Mal die Woche darf er raus, in Handschellen, der Wächter mit Waffe ist immer dabei, die Gruppen werden nach Banden getrennt. Im Hof Nummer 3 spielen die Häftlinge Basketball, Schach, Domino. Drei Mal die Woche darf Jones duschen, nach fünf Minuten drehen sie ihm das Wasser ab. Der Speiseplan ist eintönig, damit Jones wenigstens beim Essen Abwechslung hat, kauft Martin Both ihm Lebensmittel, die der Häftling vorher auf einer Liste ankreuzt: Donuts, Kekse, Kaffee, Mozarella-Sticks, Erdbeer-Eis. Zwei Mal im Jahr geht das, öfter nicht. „Da wird einem bewusst, wie frei das eigene Leben ist“, sagt Both.

"Doppelmord" trifft heile Welt

Warum Albert Jones zum Tode verurteilt ist, weiß er anfangs nicht. Er will es erst mal gar nicht wissen. Erst später schaut er in die Akte von Jones: Doppelmord.

Martin Both hat einmal geglaubt, er kann die Welt zu einer besseren machen, wenn er Pfarrer wird. Er wächst im katholischen Chiemgau auf, studiert in Köln, besucht das Priesterseminar. Doch er hadert mit der Institution Kirche, sattelt um auf Philosophie. Als Journalist leitet er ein Wein-Magazin, gibt Bücher heraus, lebt in Wiesbaden.

Weil seine Kinder in der Nähe der Großeltern aufwachsen sollen, die in Prien am Chiemsee leben, zieht er vor einem Jahr wieder nach Oberbayern. Mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen, vier und sechs, wohnt er in einem umgebauten Baugeschäft, zwei Stockwerke, alter Dielen-Boden. Im Gang stehen zwei rote Spielautos und bunte Stiefelchen. Heile Familienwelt, wie sie sein Freund, der Todeskandidat, niemals hatte.

Martin Both weiß inzwischen viel über das Leben von Albert Jones. Der wächst auf in einem Ghetto in Compton, einer Stadt im Großraum Los Angeles. Dort muss man sich als junger Schwarzer nur zwischen zwei Dingen entscheiden: den „Crips“ und den "Bloods“. Das sind zwei verfeindete Straßenbanden. Jones geht zu den „Bloods“.

Im Dezember 1993, da ist er 28, endet sein Leben in Freiheit. Jones wird verhaftet, gemeinsam mit einem minderjährigen Freund. Sie sollen in das Haus eines Rentner-Ehepaars in Kalifornien eingebrochen sein, die beiden gefesselt, ausgeraubt und erstochen haben. Sie machen ihnen den Prozess, und am 20. September 1996 fällt das Urteil für Jones: Todesstrafe.

Ist das Urteil ein Irrtum?

Seitdem sitzt er in seiner Zelle, dort betet, liest, meditiert er. Fast der einzige Kontakt zur Außenwelt: Briefe aus Bayern, Briefe nach Bayern. Die meisten Briefe von Jones klingen zuversichtlich. „Hello my friend, how are you and your familiy doing today? I hope and pray well, as for myself I’m very much blessed and staying strong.“ Auf Deutsch: „Hallo mein Freund, wie geht es Dir und Deiner Familie heute? Ich bin voller Hoffnung und bete, denn ich bin gesegnet und bleibe stark.“ So geht fast jeder Brief los, den Albert Jones an Martin Both schreibt, meistens in Handschrift auf liniertem Papier, leicht nach rechts geneigt. Manchmal tippt er sie auch mit seiner Schreibmaschine. Schon im ersten Brief beteuert er: „Ich habe dieses Verbrechen nicht begangen.“

Both wolle darüber nicht urteilen, sagt er. „Ich kann ihn nicht freisprechen.“ Aber Zweifel hat Both schon. Der Hauptbelastungszeuge im Prozess, der Jones am Tatort gesehen haben will, hat seine Aussage vor einer Weile zurückgezogen. Neu aufgerollt wird der Fall aber nicht. „Das verstehe ich nicht“, sagt Both. „Da muss doch was passieren.“ Denn selbst wenn Albert Jones nie hingerichtet wird, das Leben im Knast ist „kein Witz“, wie er seinem deutschen Freund schreibt.

Martin Both merkt den Briefen an, wenn es seinem Freund schlecht geht. Wörter sind durchgestrichen, wenn er erzählt, dass fünf Insassen, die er gut kennt, nächstes Jahr die Vollstreckung droht. Die sonst ordentliche Handschrift ist krakelig, als Albert Jones ihm einmal schildert, wie das war, als sein Mitinsasse Stanley „Tookie“ Williams 2005 zu Tode gespritzt wurde. Williams, wegen vierfachen Mordes verurteilt, hatte die Crips-Bande mitgegründet, im Gefängnis aber der Gewalt abgeschworen.

Viele Prominente setzten sich für ihn ein, doch Gouverneur Arnold Schwarzenegger lehnte sein Gandengesuch ebenso ab wie wenig später der Oberste Gerichtshof der USA.

"Ein Todesurteil verletzt die Menschenwürde"

Viele Todeskandidaten nehmen Drogen, um das Leben ohne Perspektive zu ertragen. Albert Jones hat Martin Both. „Du siehst, wie wichtig Du für mein Leben bist“, steht in einem Brief. Both richtet ihn auf, schreibt ihm vom deutschen Grundgesetz, zitiert den ersten Satz, in dem steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. „Und Du kannst Deine Würde nicht verlieren, egal wer Du bist oder was Du getan hast.“ Ein Todesurteil, sagt Martin Both, verletze die Menschenwürde.

Ungefähr alle drei Wochen kommt Post aus Kalifornien, Martin Both liest sie, grübelt, hadert, lacht. Er weiß nicht, ob es stimmt, was Albert Jones ihm schreibt. Aber er glaubt ihm. Und er antwortet ehrlich. In dem kleinen Laden an der Hemhofer Hauptstraße gibt er die Briefe auf, manchmal schaut jemand neugierig. Inzwischen sind schon ein paar Dutzend Briefe hin- und hergegangen. Und Fotos. Martin schickt Bilder von seiner Frau, seinen Kindern, vom Segelausflug mit Freunden auf dem Chiemsee, vom Garten. Bilder aus der Freiheit.

Die Familie im Chiemgau

Anfangs hatte er ein schlechtes Gewissen. Inzwischen weiß er: Diese Bilder helfen Albert Jones. Die Boths aus dem Chiemgau sind zu einer Familie für ihn geworden, obwohl sie nicht einmal wissen, wie ihre Stimmen klingen – sie dürfen nicht miteinander telefonieren.

Albert Jones hat niemanden mehr, bis auf seine Schwester, die aber den Kontakt nicht hält. Und ja, er hat eine Tochter, aber die will nichts von ihm wissen. Über sie schreibt er Martin Both oft. Es tut ihm weh, dass es ihr egal ist, dass er sterben soll. „Du hast für mich so viel mehr getan als die meisten in meiner Familie“, steht in einem Brief an Martin Both.

Voriges Jahr zu Weihnachten hat Jones ein buntes, selbst bemaltes Tischtuch geschickt. In der Mitte ein Kreuz, darum lauter Herzen, links die amerikanische, rechts die deutsche Flagge. In den Ecken wieder vier Kreuze, darauf die Namen von Martin Both, seiner Frau und seinen Söhnen. Auf einem Herz steht „Albert“, auf einem anderen: „Family is # 1.“ Die Familie ist die Nummer eins. Und in der Mitte: „Gott segne uns.“

Irgendwann, vielleicht noch in diesem Jahr, will Martin Both nach San Francisco fliegen und Albert Jones besuchen. Wenn alles gut läuft, sind sie dann nur noch durch eine Glaswand getrennt, nicht mehr durch 9500 Kilometer. Sie werden sich in die Augen blicken, der Familienvater und der Todeskandidat. Und hören, wie die Stimme des anderen klingt.

Carina Lechner/Münchner Merkur

Letzte Worte aus der Todeszelle:

Letzte Worte aus der Todeszelle

Quelle: rosenheim24.de

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