Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Interview-Serie mit Pflegekräften aus Bernau

Würdevoll – Liebevoll – Respektvoll: Pflegerin gibt berührende Einblicke in ihre Arbeit

Pflegekräfte Iris Köpp-Wild (links) und Petra Laubhuber
+
Pflegekräfte Iris Köpp-Wild (links) und Petra Laubhuber

Bernau am Chiemsee - „Was?! Du arbeitest im Hospiz?! Das könnte ich ja niemals!“ – diesen Satz hören viele Fachkräfte aus dem Palliativbereich, wenn sie von ihrem Beruf erzählen. Deshalb haben wir nachgefragt, was sie dazu bewogen hat. In dieser Serie geben fünf Pflegekräfte aus dem Chiemseehospiz berührende Einblicke in ihre Arbeit. Iris Köpp-Wild gibt im Interview Auskunft:

Die Pressemeldung im Wortlaut:

Viele Menschen schaudern, wenn es um das Thema Tod und Sterben geht. Wie kommt es, dass Sie sich entschlossen haben, in einem Hospiz zu arbeiten?

Ich habe erst mit 40 die Krankenpflegeausbildung gemacht und dort auch neben der Psychiatrie und der Somatik erste Hospizerfahrungen gemacht.

In der Gerontopsychiatrie war es so, die Patienten sind fast immer alleine in ihren Zimmern verstorben. Da war nur so ein Lava-Licht und kaum keiner ist da reingegangen. Mit Morphin ist so gut wie gar nicht behandelt worden, wenn nur in kleinen Dosen aus Angst oder Unwissenheit. Und das hat mich bewegt. Ich fand das sehr, sehr traurig, wie mit den Patienten umgegangen wurde, die präfinal waren (*also in der Phase kurz vor dem aktiven Sterbeprozess). Das hat mir so wehgetan und so leidgetan. Und viele Kollegen haben gesagt: „Da brauchst du nicht rein, die sterben schon allein“, aber das war nicht mit dem konform, was ich von meinem Praktikum im Hospiz kannte. Ich erinnere mich an einen Patienten von damals, der hatte einen Hodensack, der sah aus wie ein Baseball und der hat keine weiteren Schmerzmittel bekommen. Und ich habe das einfach nicht verstanden. Ich war in der Ausbildung und habe nachgefragt und da hieß es: „Das können wir nicht, er hat ja schon was bekommen“. Und ich dachte: „Ja, aber er hat Schmerzen“. 

Das sind unter anderem Gründe gewesen warum ich mich später dazu entschieden habe im Hospiz zu arbeiten, wenn jemand Schmerzen hat, dann soll er auch was dafür bekommen.

Das klingt nicht nur für die Patienten belastend, sondern auch für das Personal! Wie war denn dann die Arbeit im Chiemseehospiz im Vergleich? 

Hier arbeiten wir so, dass wir zwar die Erkrankung nicht wegmachen können, aber sehr wohl die Symptome lindern. Und wenn jemand Schmerzen hat, dann bekommt er in Absprache mit dem Arzt Schmerzmittel! Und wenn er nochmal etwas braucht, dann ist das so! Er muss keine Schmerzen haben. Und im Krankenhaus gibt es deine Angaben, das Regime und daran hältst du dich. Ein Bewohner leidet doch sowieso schon, unter der Erkrankung, der Situation, den Familienverhältnissen, dann soll er wenigstens nicht noch zusätzlich unter Symptomen leiden. Und wenn ich die beheben kann, dann mache ich das, so gut es geht. Die medizinische Versorgung ist einfach anders! Hier haben wir viel mehr Möglichkeiten und ganz andere medikamentöse Dosen, die wir verabreichen dürfen.

Ich habe weniger Bewohner, die ich dafür intensiver pflege. Ich kann auf sie eingehen. 

Und wie sieht das dann ganz praktisch aus?

Ich bin zum Beispiel leidenschaftlicher Esser! Wenn es zum Abendessen eine Suppe oder Pudding gibt und ich hätte keine Appetit drauf, wäre ich auch wahnsinnig froh, wenn es da jemanden gäbe, der dann sagt: „Komm, ich mach dir mal ein Rührei mit ein bisschen Schnittlauch“. Das mache ich schon mal abends, wenn ich die Zeit habe. Das ist das individuelle Eingehen auf den Bewohner, was ich so sehr genieße. Hauptsache, der Bewohner fühlt sich wohl. 

Ich genieße es einfach, dieses ruhige Arbeiten und auch die Zeit zu haben, sich auch mal ans Bett setzen zu können… Und zu wissen, ich kann da jetzt auch mal verweilen und habe nicht diesen Druck. Für mich ist das ein sehr schönes, angenehmes Arbeiten. Vor allem, wenn ich es vergleiche mit dem normalen Krankenhausalltag. Das wäre für mich nie in Frage gekommen, eine Station mit 20, 30 Patienten und du wirst keinem gerecht… Hier im Hospiz habe ich die Zeit und tolle Kollegen, die dann sagen: „Mach das, geh ruhig, wir kümmern uns um deine anderen Bewohner“. Das kannte ich vorher nicht! Das macht mir unheimlich Spaß – das „kleine Betütteln“, wie ich es nenne. Jemandem etwas Gutes tun! Es ist aber auch einfach nur mal dasitzen… und nichts reden.

Und hier haben wir auch den Kontakt mit den Angehörigen, das macht mir immer Spaß. Unsere Bewohner auch von der anderen Seite kennenzulernen, von dem, was die Angehörigen uns mitteilen.

Sie sagen, dass Sie als Pflegekraft weniger Bewohner versorgen, als auf einer Station im Akutkrankenhaus, und aber intensiveren Kontakt haben. Können Sie uns vielleicht von so einer Begleitung konkret berichten? 

Es gibt so wahnsinnig viele Momente, z.B. wenn jemand Atemnot hat und du bist für den Bewohner da, lässt ihn nicht alleine. Oder wenn jemand sehr traurig ist und weint, da sitzt du manchmal einfach nur da und hälst die Hand. Die Gespärche die geführt werden, es ist einfach ein anderes arbeiten als im Krankenhaus.

Aber auch lustige Momente, wo wir lachen! 

Zum Beispiel hatte eine Bewohnerin einmal eine kleine Wunde Stelle am Steiß und wir mussten sie regelmäßig lagern, manchmal mag sie es nicht ständig gedreht zu werden. Da hat sie zu mir gesagt: „Du Verräterin!“ und ich habe gesagt: „Ja! Nenn‘ mich Judas!“ – und wir haben so gelacht. Klar, es ist alles unheimlich ernst, der ein oder andere ist sich bewusst, dass er in absehbarer Zeit versterben wird, aber dann ist da doch wieder so eine Leichtigkeit bei bestimmten Bewohnern. Wenn es die Situation zulässt dann wird auch gelacht, „Humor ist wenn man trotzdem lacht“.

Einfach mal kurz die Erkrankung beiseitelassen, mal über den Garten reden, mal in Gedanken auch mal woanders sein… 

Oder wir hatten einmal einen Bewohner, der wollte mich gar nicht weglassen. Er hat mir so ein Vertrauen geschenkt in dem Moment. Er lag im Bett und wir haben uns an den Händen gehalten und er hat so fest gedrückt, dass ich mir nicht sicher war, wie lange ich das aushalte. Er hat nichts gesagt, aber er wollte einfach, dass ich ihn nicht alleine lasse. „Dankeschön, Schwester, geh nicht weg“, hat er dann irgendwann gesagt. Ich habe gesagt, dass ich noch seine Tochter anrufen will und habe das dann auch gemacht, weil ich nicht wusste, wie lange er noch lebt. „Ich weiß nicht, ob ich noch da bin, wenn sie kommt“, meinte er dann. Das war ein ganz besonderer Moment. Ich hab echt Tränen in den Augen gehabt! Mit der Familie habe ich am ersten Tag auch etwas geweint, weil sie soviel Dankbarkeit gezeigt haben das wir uns jetzt um den Papa kümmern. Die kamen zu uns und man hat richtig ihre Erleichterung gespürt. Wir nehmen ihnen nicht den ganzen Brocken ab, aber einen kleinen Stein, was aber schon eine ganze Menge bewirkt, dass der Rucksack ein bisschen leichter wird (Tränen in den Augen). 

Eine andere Bewohnerin mit einem Bronchial-Karzinom kam einen Tag, nachdem ich hier angefangen habe. Sie war zwei Monate bei uns und ich habe sie sehr oft betreut. Sie hat mir viel aus ihrem Leben erzählt und zwischen uns gab es diese besonderen Momente, dass wir einfach nur nebeneiandersaßen und nach draußen geschaut haben und unsere Hände gehalten haben. Wenn sie wieder Atemnot hatte, habe ich ihr einfach nur signalisiert, ich bin da, sie ist nicht alleine, und wir haben oft Hand gehalten, oft. Zum Abschied hat sie mir ein Bild geschenkt, und sie hat sich ja abends noch bei mir verabschiedet, bevor sie in der Nacht dann verstorben ist… 

Das sind wirklich sehr berührende Momente, die man sicherlich nicht so schnell vergisst… Und bestimmt auch für Sie persönlich Ausdruck einer ganz besonderen Arbeitsqualität?

Auf jeden Fall! Als ich das erste Mal in Chiemseehospiz kam, war es so, als hätte ich noch niemals irgendwo anders gearbeitet, als ob ich hier schon direkt reingehöre. Und das war so schön! Es war irgendwie so vertraut. 

Es gibt hier die schönen Einzelzimmer, die sehr liebevoll mit Farben eingerichtet sind, die Gemütlichkeit, das Geborgene, die ruhige Atmosphäre hier. 

Als ich noch in der Psychiatrie gearbeitet habe, war ich nach Feierabend oft genervt und angespannt durch die hohe Patientenanzahl die ich betreut habe, die lautstärke, die Erkrankungsbilder um mich herum....und hier bin ich wieder die Ruhigere geworden, die ich eigentlich bin. 

Ich freue mich immer, wenn ich hierherkomme. Ich fahre an den Bergen vorbei und am See, dann mache ich die Tür hier auf, komme hier rein und es ist ruhig, entspannt… Ich bin unheimlich happy, dass ich hier bin, dass ich den Schritt gewagt habe, von NRW nach Bayern zu ziehen um hier zu arbeiten. Es ist einfach ein schönes Arbeiten. Wie soll man das sagen? Würdevoll, liebevoll, respektvoll.

Pressemeldung Chiemseehospiz Bernau

Kommentare