Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Interview-Serie mit Pflegekräften aus Bernau

„Es darf einfach sein, wie es ist“: Das leisten die Pfleger im Chiemseehospiz

Pflegerin Tanja Pillmeier
+
Pflegerin Tanja Pillmeier

Bernau am Chiemsee - „Was?! Du arbeitest im Hospiz?! Das könnte ich ja niemals!“ – diesen Satz hören viele Fachkräfte aus dem Palliativbereich, wenn sie von ihrem Beruf erzählen. Deshalb haben wir nachgefragt, was sie dazu bewogen hat. In dieser Serie geben fünf Pflegekräfte aus dem Chiemseehospiz berührende Einblicke in ihre Arbeit. Tanja Pillmeier gibt im Interview Auskunft:

Pressemeldung im Wortlaut:

Frau Pillmeier, können Sie uns etwas darüber erzählen, wie es dazu kam, dass Sie in einem Hospiz arbeiten? 

Das Interesse am Palliativbereich ist bei mir schon sehr früh losgegangen, weil mein Vater früh gestorben ist. Er hatte ein Zungengrundkarzinom und zu der Zeit war die Versorgung noch nicht wirklich schön. Das war dann optisch grausig und schmerztherapeutisch auch fraglich. Heute haben wir Schmerzpumpen und Ports und können schnell helfen. Und damals war es mir schon ein Bedürfnis, in diesem Bereich etwas zu verändern, sodass betroffene Menschen nicht dahinvegetieren müssen. Diese Zustände wollte ich anders gestalten.

Damals wurden die Patienten auch noch viel angelogen, wenn sie „palliativ wurden“. Das Wort „Tod“ wurde nicht einmal ausgesprochen und man wusste immer nur ein bisschen was. Ich finde aber diese Portion Ehrlichkeit ganz wichtig – außer natürlich, jemand möchte es nicht wissen. Beruflich war ich lange im ambulanten Bereich tätig und wollte damals mit einer Kollegin auch eine Art SAPV (*Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung – mobiles Hospizteam) gründen. Leider hat es dann aus strukturellen und finanziellen Gründen nicht funktioniert, aber ein Anliegen war mir das schon immer. Und dann arbeitete ich auf einer Palliativstation und dann hier ins Hospiz.

Und wie würden Sie den Unterschied zwischen Ihrer jetzigen Arbeit und Ihren vorherigen Tätigkeiten beschreiben?

Für mich ist der große Unterschied der, dass das der letzte Abschnitt ist und nicht mehr in eine Richtung führt, die in der Medizin als „Heilung“ oder „Genesung“ bezeichnet wird. Es geht im Palliativbereich um das kleine Stück Leben bis zum Schluss und um den eigentlichen Sterbeprozess und gerade in diesem Abschnitt kann ich noch sehr viel Schönes bewirken! Für mich ist es immer wieder eine Bereicherung zu sehen, wieviel Gutes man den Bewohnern und auch den Angehörigen da noch geben kann.

Das war einer der Hauptgründe, warum beruflich ich in diese Richtung gegangen bin. Manchmal kann man sogar gewisse schwierige Themen noch auflösen, aber anwesend sein und den Sterbenden mit seinen guten Gedanken begleiten kann man immer. Und wir hier mehr Zeit für die Bewohner! Auf Akutstation hast du die Möglichkeiten gar nicht, da ist mehr vorstrukturiert und es gibt Abläufe, die so eingehalten werden müssen. In der Früh die Körperpflege, dann Behandlung, Visite, eine feste Tagesstruktur. Und im Hospiz müssen wir das nicht unbedingt einhalten.

Wenn bei uns ein Bewohner z.B. nicht gut geschlafen hat, Schmerzen hatte, dann kann ich ihn in der Früh schlafen lassen, so lange er will! Weil es nicht pressiert, keine Untersuchungstermine anstehen, weil er nirgendwo hinmuss. Es darf einfach sein, wie es ist bzw. wie es die Situation braucht. Und das kann man im Krankenhaus oft nicht.

Viele Menschen fänden den Gedanken, in einem Hospiz tätig zu sein, vermutlich sehr herausfordernd, aber wenn Sie erzählen, klingt es, als würde Sie Ihre Arbeit sehr erfüllen. Können Sie uns darüber noch etwas berichten?

Was ich an meiner Arbeit liebe, sind die Momente mit den Bewohnern oder Angehörigen, wo ich merke: Ich konnte etwas bewirken, was demjenigen guttut. Und sie sind ein Stück zufriedener oder haben weniger Schmerzen oder erleben sogar für einen Moment ein kleines Glücksgefühl. Sei es ein kleiner Witz oder wenn sie mir etwas erzählen, wo ich vermuten würde, dass sie das vor 20 Jahren vor lauter Scham wahrscheinlich nicht getan hätten.

Manche verhalten sich dann nach dem Motto: „Jetzt sterbe ich bald, jetzt ist es auch schon wurscht!“ und dadurch erfährt man auch intime Dinge von ihnen. Es ist schlimm genug zu wissen, dass der Tod mit seiner Endgültigkeit sehr nahe ist und das an einem Ort, der einem zunächst fremd ist. Natürlich hat das auch Auswirkungen auf das persönliche Leben und viele möchten ihre verbleibende Zeit sinnvoller und bewusster nutzen. Und die Bewohner gestalten hier ihre Zimmer selbst und bringen ihren eigenen „Spirit“ mit und das finde ich wunderschön, wenn man das noch ermöglichen kann. 

Können Sie uns von einer Begleitung erzählen, in der Sie das Gefühl hatten – wie Sie es sagen – „etwas zu bewirken“?

Wir hatten einmal eine Bewohnerin, zu der hatte ich einen sehr guten Draht, weil wir beide im Internat auf der Fraueninsel waren. Wir haben uns geduzt und sie hat mir gesagt: „Weißt du, ich weiß ja, dass ich sterbe, aber meine Kinder checken das nicht!“ (lacht). Es ist ja auch nicht leicht für Kinder, wenn ihre Mutter stirbt. Und ich hatte meinen letzten Dienst vor meinem Urlaub und wir haben darüber gesprochen.

Ich habe gesagt, dass ich auf dem Berg eine Kerze für sie anzünden werden und habe mich verabschiedet in dem Wissen, dass sie in vier Wochen wahrscheinlich nicht mehr da sein würde. Darauf hat sie geantwortet: „Ja, wenn du jetzt gehst, dann sterbe ich auch“. Und so war es – sie ist tatsächlich am nächsten Tag gestorben. Und mit ihr habe ich tiefgründige Gespräche über ihren Glauben und ihre Wertvorstellungen geführt. Es war einfach eine Art „Seelenverwandtschaft“ und sie war bereit zu gehen. Wenn wir ihr Vorschläge gemacht haben, was wir noch alles machen könnten, hat sie immer gesagt: „Nein, das brauch‘ ich nicht mehr, ich hab‘ alles erlebt, was ich möchte und es ist gut so, wie es ist“.

Das hat mich wahnsinnig fasziniert, dass man so „aufgeräumt“ sterben kann. Man baut eine richtige Beziehung auf und das ist mir ganz wichtig. Natürlich gelingt es nicht mit jedem Menschen, aber wenn man sich auf den anderen einlassen kann, dann hat man einen Verbindungspunkt zu ihnen, jeder auf seine Art.

Das ist wirklich bewegend und es ist schön, dass Sie diese Möglichkeiten haben.

Ja, und deshalb liegt es mir sehr am Herzen, dass die Hospizarbeit in dieser Form erhalten bleibt und wir den Bewohnern weiter gerecht werden können und die Zeit haben, die Begleitungen so zu gestalten, wie sie es brauchen und wir es können. Und dass wir weiter die Ruhe haben, unseren Bewohnern durch unsere Gestik, Mimik und Anwesenheit zu vermitteln: „Ich bin jetzt für dich da“. 

Pressemeldung Chiemseehospiz Bernau

Kommentare