Sehnsucht nach menschlicher Nähe

Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Bernau: Wie Heiner Vogl innere Freiheit vermittelt

Die Weihnachtsfeiertage sind für viele Häftlinge in den Justizvollzugsanstalten besonders schwer zu verkraften.
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Die Weihnachtsfeiertage sind für viele Häftlinge in den Justizvollzugsanstalten besonders schwer zu verkraften.

Bernau – Heiner Vogl ist Gefängnisseelsorger an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bernau. Nun, da Weihnachten und Corona zusammenkommen, steht er vor besonderen Herausforderungen. Was die Häftlinge umtreibt, wie er ihnen helfen möchte, und ob er nur für Christen da ist, das erzählt Vogl im Interview.

Weihnachten ohne Freunde und Verwandte, dazu Corona: Wie verkraften die Gefangenen das?

Heiner Vogl: Die Trennung von Verwandten und Freunden ist sicher eine der größten Herausforderungen für die Menschen in Haft. Gerade an Weihnachten bricht bei einigen Inhaftierten die urmenschliche Sehnsucht nach erlebter Nähe auf, die sie in ihrem bisherigen Leben zu wenig erlebt haben. Bei anderen werden viele Erinnerungen an die erfahrene Geborgenheit im Kreis der Familie und der Freunde wach. Diese Erinnerungen sind es, die den Inhaftierten und ihren Angehörigen und Freunden dann die Kraft geben, die Tage gut zu überstehen, weil sie wissen, dass die Trennung nicht für immer ist.

Aber für einige Wochen, Monate, vielleicht Jahre wird sie andauern. Wie kümmert sich die JVA konkret?

Gefängnisseelsorger Heiner Vogl

Vogl: Als Seelsorger nehme ich das besondere Bemühen wahr, dass sich die Justizvollzugsanstalt zusammen mit allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Dienst und den Fachdiensten – aus der Psychologie, Sozialarbeit, Medizin und Bildung – in der schwierigen Zeit von Corona ihren originären Beitrag zur Bewältigung der besonderen Situation leisten. Darüber hinaus erhalten die Inhaftierten Gelegenheit, die Verbindung zu Freunden und Verwandten über wöchentliche Telefonate und über Video-Meetings aufrecht zu erhalten. Dies stellt für die Inhaftierten eine große Erleichterung dar.

Und wie reagieren Sie als Seelsorger?

Vogl:Als Seelsorger bemühe ich mich, den Inhaftierten wie auch den Angehörigen zu vermitteln, dass es um die innere Freiheit geht, wie es uns das christliche Menschenbild lebendig vorstellt. Es lässt den Menschen wirklich frei sein und setzt sich damit ab gegen die durch die besonderen Lebensumstände aufgezwungene Unfreiheit, wie zum Beispiel das Leben mit einer Behinderung, wie auch Ausgangsbeschränkungen während der Coronazeit oder Inhaftierung. Ich möchte die Ängste und Sorgen der Menschen in der JVA Bernau konkret wahrnehmen können. Ein Ziel meiner Arbeit ist es, den Menschen Mut zu machen und ihnen eine Hoffnungsperspektive auf eine bessere Zeit hin zu geben, die wir uns alle wünschen. Durch Gedankenaustausch in den Gruppen, reflektierte Einzelgespräche aber auch durch gelebte Rituale wie die Gottesdienste an den Weihnachtsfeiertagen kann dies konkret umgesetzt werden. Viele Häftlinge nehmen diese Angebote an, die übrigens im ganzen Jahr stattfinden.

Wird Ihr Angebot auch von anderen Glaubensrichtungen genutzt, etwa von Muslimen?

Vogl: Selbstverständlich steht mein Seelsorgeangebot in der JVA Bernau jedem Inhaftierten offen. Wir beiden Seelsorger stehen in ökumenischer Verbundenheit; auch Menschen anderer Religionen und Muslime fragen immer wieder nach, ob sie an den Angeboten der Seelsorge teilnehmen können, was mit Ja beantwortet wird. Das interkonfessionelle Miteinander der vielen verschiedenen Religions- und Volksgruppen sehe ich gerade hier im Gefängnis immer wieder als große Chance, Vertrauen aufzubauen und gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung zu bewirken. Ein Auftrag, der sehr nachhaltig ist und auch weit über die Haftzeit hinaus wirken kann.

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Ihr persönliches Wort zum Fest?

Vogl: Weihnachten ist nicht nur ein Fest der Liebe, sondern auch der Freude darüber, dass Gott Mensch geworden ist. In diesem kleinen Kind Jesus, das zu uns kommt, können sich die Menschen, die nicht unserem gesellschaftlichen Bild von Erfolg, Reichtum und Leistung entsprechen, wiederfinden. Das ist gerade für Menschen in Haft sehr wichtig, die sich ihrer „Kleinheit“ und „Unbedeutendheit“ bewusst sind und sich oft im Schatten des Lichtes der „Großen“ sehen. Als Gegenentwurf ist uns in Jesus Christus die Liebe Gottes sichtbar geworden, nachvollziehbar und nachlebbar, auch im Kleinen.

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