Mögliche Folgen von Corona: Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen

Trotz Lockdown - Arzt: „Soziale Kontakte im Rahmen der Regeln sollen stattfinden“

Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick
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„Social Distancing ist kein schöner Begriff. Denn es geht eigentlich um eine physische Distanzierung“, so Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick.

Bernau – Am Montag, 2 November, ist der „Teil-Lockdown“ in Bayern in Kraft getreten. Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick in Bernau, spricht mit rosenheim24.de über die Auswirkungen von Corona und den Lockdown auf die Psyche des Menschen. 

„Corona kann deutliche Folgen auf die Psyche haben. Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen können ausgelöst oder verschlechtert werden“, erklärt Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick, gegenüber rosenheim24.de.

Trotz Corona-Lockdown: Arzt empfiehlt soziale Kontakte

Gerade die soziale Isolation, Angst vor Jobverlust, finanzielle Verluste, Perspektivlosigkeit, Ängste zu erkranken oder dass Angehörige erkranken seien dafür verantwortlich. „Soziale Isolation ist ein ganz klassischer toxischer Stressfaktor. Social Distancing ist daher auch kein schöner Begriff. Denn es geht eigentlich um eine physische Distanzierung“, schildert Menke. Abstand ist sinnvoll und wichtig, soziale Interaktionen können und sollen aber auch auf einem anderen Weg stattfinden – etwa per Skype oder Telefon.

Jeder Mensch habe eine gewisse Verwundbarkeit – eine Vulnerabilität. Bei einem ist sie höher, bei anderen etwas niedriger. Auf diese wirken nun die äußeren Stressoren ein. „Wenn man jetzt schon eine Depression hat, kann hierdurch natürlich eine deutlichere Verschlechterung ausgelöst werden“, so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sollte eine Person anfällig für Depressionen sein – etwa durch genetische Varianten oder Vererblichkeit – könnte tatsächlich leichter eine Depression entwickelt werden.

Corona und der Lockdown verschärft die Situation

Es gibt Komponenten, die uns vor Stress schützen. Darunter zählt das Treffen mit Freunden und Familie, Sport oder auch gesunde Ernährung. Die Corona-Pandemie schränkt all diese ein und wurde durch den Lockdown im November nochmal verschärft. „Es fällt jetzt nicht nur die Kompensation weg, sondern es kommt erheblich neuer Stress, wie die Angst vor einer Erkrankung, dazu“, erklärt Menke. Auch der Punkt, dass niemand weiß, wie lange die Corona-Pandemie noch dauert – also eine gewisse Endlosigkeit – spiele eine Rolle.

Die aktuellen Einschränkungen seien für die ganze Bevölkerung besonders schwierig. „Wichtige Verhaltensmuster, die die psychische Verfassung stärken können, fallen weg. Besonders Kinder wird erzählt, dass Kontakt nicht gut ist“, schildert der Arzt die Probleme. Auch für Personen, die auf Nähe angewiesen sind, seien die Abstandsregeln eine Katastrophe.

Menke: „Zugang zu Hilfsangeboten wirklich schwieriger“

Viele Patienten haben ihm berichtet, dass sie sich zuhause durch Hilfsangebote nicht gut behandelt gefühlt haben. Entweder waren diese gar nicht oder nicht in ausreichender Anzahl vorhanden. Dies habe die ganze Spirale nochmal nach unten gedreht und die Depression bei den Patienten verschlechtert.

„Bedauerlicherweise ist der Zugang zu Hilfsangeboten wirklich schwieriger. Beim ersten Lockdown haben viele Praxen geschlossen. Aktuell haben manche mit Videotherapie angefangen. Das ist aber erst im Kommen“, so der Arzt. Hinzu komme, dass viele erst gar nicht in die Praxis gegangen sind. Sei es aus Bedenken rauszugehen und sich anzustecken oder einfach anderen Leuten zu begegnen. Es sei ein Teufelskreis. „Wenn jemand gar nicht mehr weiter weiß, soll unbedingt ein Arzt kontaktiert werden“, so der Rat von Menke.

Umfrage

Covid-Intensivpatienten stark betroffen

Die Daten in Europa und Deutschland lassen noch keine valide Aussage zu. „Aber in China haben beispielsweise etwa 50 Prozent der Mitarbeiter im Gesundheitssystem aufgrund der massiven Belastung depressive Symptome entwickelt“, berichtet Menke. Rund 30 Prozent der Patienten im Medical Park Chiemseeblick würden unter der Corona-Pandemie leiden. Mindestens die Hälfte aller Covid-Intensivpatienten hätten mit Depressionen oder einer posttraumatische Belastungsstörung zu kämpfen. Nicht nur die Angst zu sterben, sondern auch das Gefühl ausgeliefert zu sein, würde etwas mit dem Menschen machen.

Professor Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien sprach zuletzt von einer nie dagewesenen Situation. Demnach gebe es 80 Prozent mehr psychische Erkrankungen in der Coronakrise.

Bereits jetzt direkte Folgen auf die Psyche durch Corona festgestellt

Inzwischen sind auch bereits direkte Auswirkungen auf das Gehirn und das zentrale Nervensystem durch Corona festgestellt worden. „Es gibt nicht nur Geschmacks- und Geruchssinnstörungen, sondern das Virus greift auch die Psyche über das Immunsystem an“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Folgen wird man allerdings erst später erkennen.

Die Wirkungen von chronischem Stress brauchen Zeit. Neben Depressionen, Angst- und posttraumatischen Belastungsstörungen spiele auch Sucht eine große Rolle. „Viele versuchen sich selbst zu heilen, weil sie viele Symptome nicht erkennen und sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Dann trinken sie immer mehr Alkohol“, so Menke. Aber auch hoher Blutdruck oder Magengeschwüre sind Krankheiten die vom Stress ausgelöst werden können – im schlimmsten Fall sogar ein Herzinfarkt.

Menke: „Corona ist nicht nur eine Lungenkrankheit“

Besonders in der Corona-Krise sollte man darauf achten. „Die psychische Gesundheit sollte besonders im Fokus stehen. Corona ist nicht nur eine Lungenkrankheit, sondern wir müssen die Folgen im Blick haben“, so die Botschaft von Menke. Die Menschen müssten hierfür sensibilisiert werden. Pandemien könnten nämlich auch zu einem Anstieg von Suiziden führen.

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat auch noch einige Tipps für den aktuellen Lockdown. Zwar hält er den körperlicher Abstand für wichtig, aber der Kontakt zu Freunden und Angehörigen soll trotzdem aufrecht erhalten bleiben. „Je mehr Kontakte man hat, desto besser kann man mit so einer Pandemie umgehen“, so Menke. Man dürfe ja auch noch rausgehen und Sport machen. Auch ein geregelter Alltag schafft Sicherheit.

jz

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