Breitbrunner verärgert über radikales Vorgehen der Gemeinde 

Streit um Heckenschnitt: Ist das "Vandalismus und Schikane"?

Die Hecke von Lucas Sommer wurde von der Gemeinde Breitbrunn zurückgeschnitten. Der Besitzer ärgert sich über die radikale Vorgehenseweise. 
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Die Hecke von Lucas Sommer wurde von der Gemeinde Breitbrunn zurückgeschnitten. Der Besitzer ärgert sich über die radikale Vorgehenseweise. 

Breitbrunn - Eine Hecke als Corpus Delicti, ein maschineller Rückschnitt von Seiten des Bauhofs und ein verärgerter Grundstücksbesitzer in Breitbrunn. Lucas Sommer sollte seine Hecke, die in den Gehweg ragte, stutzen. Weil er der Aufforderung der Gemeinde jedoch nicht ausreichend nachkam, wurde diese selbst aktiv. Das Ergebnis sorgt für geteilte Meinungen. 

Dass Hecken oder Sträucher über Grundstücksgrenzen hinaus auf Straße und Gehweg wachsen ist keine Seltenheit - auch nicht in der Gemeinde Breitbrunn am Chiemsee. Lucas Sommer ist Besitzer einer solchen Hecke und ärgert sich in einem Video auf Facebook über einen Radikalschnitt der Gemeinde. "Radikalschnitt ist dabei noch freundlich ausgedrückt, wenn mit einem Mulchgerät anstatt mit einer Heckenschere gearbeitet wird. Die ausführenden Gemeindemitarbeiter zweifelten bei ihrem Bauhofchef die korrekte Ausführung mit dem Mulchgerät auch an und plädierten auf den Gebrauch einer Heckenschere", unterstreicht Sommer.


Thomas Wagner, Geschäftsleiter der Gemeinde Breitbrunn, positioniert sich zu der Aktion: "Wir appellieren grundsätzlich im Amtsblatt an die Eigentümer, jene Bäume, Sträucher und Hecken, die auf Gemeindegrund ragen zurückzuschneiden, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten", erläutert er gegenüber rosenheim24.de. "Viele Bürger kommen der Bitte nach, einige brauchen aber auch eine Extra-Aufforderung." 


So wie Lucas Sommer? Mehrfach habe die Gemeinde Sommer angeschrieben und ihn aufgefordert, seine Hecke zu stutzen. Selbst persönliche Gespräche sollen nichts geholfen haben. Der Breitbrunner habe aufgrund des Vogelschutzes - in der Hecke befindet sich ein Nest - nicht radikal schneiden wollen, die Gemeinde vertritt jedoch die Auffassung, es habe im vergangenen halben Jahr durchaus Möglichkeiten gegeben, außerhalb der Brutzeit einen Schnitt anzusetzen. Mit dem Wuchern der Hecke im Frühjahr sei es dann laut Wagner beinahe unmöglich gewesen, mit einem Kinderwagen auf dem angrenzenden Gehweg spazieren zu gehen. 

Rechnung über 300 Euro von der Gemeinde 

Die Ansicht der Gemeinde teilt der Betroffene indes nicht: "Im Herbst 2019 landete ein Schreiben im Briefkasten, woraufhin ich im September zusammen mit meinem Nachbarn die Hecke gestutzt habe. Als ich im Januar diesen Jahres angeredet wurde, verwies ich auf Frost. Im Frühjahr brachte ich die Hecke wegen des Vogelschutzes lediglich in Form, einen Radikalschnitt wollte ich ab dem 1. Oktober ohnehin vollziehen damit ich meinen Teil für die Verkehrssicherheit und der Befriedigung der Gemeinde beitragen kann, woraufhin die Gemeinde bereits Ende Mai jedoch selbst aktiv wurde."

Das Ergebnis: abgefräste Äste, ein unsauberer Schnitt, ein ungeschütztes Vogelnest und eine Rechnung an Sommer über 300 Euro für den Zuschnitt. Inzwischen hat Sommer einen Gutachter eingeschaltet, der das Vorgehen des Schnitts beurteilen soll. Sowohl den Schnitt durch Sommer als auch das Vorgehen der Gemeinde sei jeweils von Zeugen beobachtet worden, untermalt der Breitbrunner. Ihn ärgert nicht, dass die Gemeinde selbst Hand angelegt hat, sondern in welcher Art und Weise seine Hecke geschnitten wurde. Das letzte Schreiben der Gemeinde habe den Absatz enthalten: "Sollten Sie innerhalb der Frist die Anpflanzung nicht zurückgeschnitten oder beseitigt haben, wird die Ersatzvornahme von einem Lohnunternehmen im Auftrag der Gemeinde für Sie kostenpflichtig durchgeführt." Sommer dazu: "Das hier ist Vandalismus und Schikane. In anderen Grundstücken wuchern Bäume und Sträucher weit in die Straßen und meine Hecke wird aufs Gröbste gehäckselt wegen 20 Zentimetern. Ich hoffe, dass sie sich wieder erholt. Optisch ist das eine Katastrophe." 

So sieht die Hecke von Lucas Sommer aktuell aus. Ein paar Meter weiter vorne im Bild ist der ursprüngliche Zustand zu erkennen, dort beginnt das Grundstück des Nachbarn. 

"Eine Firma hätte es sicherlich schöner geschnitten", räumt Wagner, der Geschäftsleiter der Gemeinde, ein. "Wir haben Sommer nahegelegt, er darf eine Firma beantragen, wenn er keine Zeit zum selberschneiden hat. Doch auch hier kam keine Reaktion und deshalb sahen wir uns gezwungen zu handeln." Sommer wiederum unterstreicht, er habe durchaus mit der Heckenschere zurückgeschnitten soweit es für ihn auf Berücksichtigung des Vogelschutzes vertretbar gewesen sei. Er verlangt zumindest, dass die Gemeinde die abgerissenen Äste händisch wieder in Form bringt, aus Sorge vor Krankheiten wie Pilzen, die sonst an den offenen Stellen leichtes Spiel hätten. Des Weiteren würde der Gehweg Sommer zufolge selbst nach gemulchtem Zustand nicht ordentlich genutzt werden, Fußgänger lieber auf der Straße gehen. Der Hecken-Clinch in Breitbrunn - er ist wohl noch nicht zu Ende. 

Ihre Meinung ist gefragt: 

Heckenschnitt: Was das Bundesnaturschutzgesetz sagt

In Paragraph 39, Absatz 5 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) ist seit 2010 bundesweit einheitlich festgelegt, dass Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September nicht abgeschnitten oder auf den Stock gesetzt werden dürfen. Haben sich Vögel einen Nistplatz in Hecke oder Baum gesucht, muss das Vorhaben ebenfalls zurückgestellt werden. Denn nach Paragraph 39 Absatz 1 ist es verboten "Lebensstätten wild lebender Tiere und Pflanzen ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören". Verstöße gelten als Ordnungswidrigkeit und können mit einer Geldbuße bis zu 10.000 Euro geahndet werden.

Die Verbote des Paragraphen 39 des Bundesnaturschutzgesetzes gelten jedoch nicht, wenn die Maßnahmen der Gewährleistung der Verkehrssicherheit dienen und nicht zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werden können. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann sich eine Genehmigung von der Naturschutzbehörde einholen. Jederzeit erlaubt sind laut Bundesnaturschutzgesetz schonende Form- und Pflegeschnitte zur Beseitigung des Zuwachses der Pflanzen. Spitzen, die seit dem letzten Rückschnitt an der Hecke nachgewachsen sind, dürfen also laut Gesetzgeber abgeschnitten werden. 

mb

Quelle: rosenheim24.de

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