Bürgermeister Seifert zieht Zwischenbilanz

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Jürgen Seifert ist seit drei Jahren Bürgermeister des Marktes Prien.

Prien - Für Bürgermeister Jürgen Seifert, der 2008 neu in sein Amt gewählt wurde, ist in diesen Tagen "Halbzeit" der Legislaturperiode - und deshalb zieht er nun eine Zwischenbilanz.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Bild, das Sie vor Amtsantritt vom Bürgermeisteramt hatten, und der Wirklichkeit?

Der größte Unterschied liegt ganz klar in der Verantwortung. Arbeitspensum und die Erwartungshaltung sind mir nicht fremd, weil ich schon mehrere Bürgermeister beruflich begleitet habe. Was ganz anders ist, ist der Umgang mit den Aufgaben, wenn man der ist, der letztendlich verantwortlich für die Entscheidungen zeichnet.

Fällt es Ihnen leicht oder manchmal auch schwer, mit Erwartungen und Belastungen des Amtes umzugehen?

Hinter mancher Lösung stecken manchmal Konsequenzen, die belasten und die man deshalb zwangsläufig gedanklich mit nach Hause nimmt. Vieles geht aber leicht von der Hand, wenn wir uns damit nach vorne orientieren und sehen, dass Versprechen gehalten werden können. Als belastend empfinde ich vor allem persönliche Angriffe.

Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, also dem, was Sie als Bürgermeister gern verwirklichen würden und dem, was Sie verwirklichen können?

Ich spüre diese Diskrepanz vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, dass Entscheidungen getroffen werden müssten, weil die Zeit reif ist, und dann, wenn nur Probleme aufgebaut und nicht Lösungen gesucht werden. Dort, wo ich persönlich anders entschieden hätte, bin ich Demokrat genug, ein Mehrheitsvotum zu akzeptieren und umzusetzen.

Oft und fast überall wird über zu viel Bürokratie geklagt. Können Sie das inzwischen bestätigen?

Es gibt überzogene Standards, die niemand braucht und es werden viele Vorschriften geschrieben, die im Kern sowieso beachtet werden. Oft reicht meiner Meinung nach der sprichwörtlich "gesunde Menschenverstand" aus, deshalb versuchen wir in der Priener Verwaltung so unkompliziert und bürgerfreundlich wie möglich zu helfen.

Leidet das Privatleben unter den Verpflichtungen des Amtes?

Ja, für die Familie heißt dies oft auf den Vater und auf den Gatten verzichten zu müssen. Wir sehen uns oft ja nur am Wochenende und gerade da fallen viele Termine und repräsentative Aufgaben an. Aber meine Familie zieht fantastisch mit, unterstützt mich wo es nur geht und wir halten nach wie vor unzertrennlich zusammen - meine "Drei" sind mein größtes Glück und meine große Stärke.

Haben Sie sich in den vergangenen drei Jahren verändert und wenn ja wie?

Ein Stück weit verlässt einen vielleicht schon mal die Leichtigkeit, mit der man früher ab und zu die Füße hoch gelegt hat. Darüber hinaus habe ich viel dazugelernt - vor allem wer`s ehrlich meint und auf wen Verlass ist, auch, dass es viele gibt, die ohne Aufhebens um ihre Person anpacken und sich für andere einsetzen. Deshalb ist es mein Traumberuf, denn in keinem anderen Beruf kann man mit anderen Menschen zusammen so viel umsetzen, wie in diesem.

Wie und wie oft gelingt es Ihnen, abzuschalten?

In der Familie, beim Sport und mit wirklich guten Freunden. Ja, dabei klappt es nach wie vor, aber zugegebenermaßen sehr selten. Ruhige Minuten an den Schären bei einer guten Pfeife genieße ich und lasse dann gerne mal die Gedanken schweifen. Genauso wenn ich in meinem Ruderboot versuche, einen Hecht an den Haken zu kriegen.

Was sehen Sie zur Halbzeit der Legislaturperiode als Ihren bisher größten Erfolg, was als größte Enttäuschung?

Die größte Enttäuschung ist natürlich das "Nein" zum HHKW, vor allem, weil viel Arbeit und Herzblut in dieses Projekt geflossen sind. Der aus meiner Sicht allergrößte Erfolg ist das "Dreiecks-Geschäft" mit dem Landkreis. Damit konnten wir nicht nur den Schulstandort Prien auf Jahrzehnte hinaus sichern, sondern gleichzeitig einen immensen Schuldenberg abbauen und eine Gewerbebrache nutzbringend verschwinden lassen. Darüber hinaus freue ich mich selbstverständlich über die Generalsanierung der Franziska-Hager-Schule und den Bau des Brucker Kreisels - und das alles gelang bei einem grundsoliden Haushalt!

Sind Klima und Arbeit im Gemeinderat so, wie Sie sich das vorstellen?

Wir haben in diesen drei Jahren eine Arbeitsbasis entwickelt, die sich sehen lässt. Es ist beileibe nicht so, dass wir es uns immer leicht machen. Aber jede Diskussion findet sachlich, wenn auch oft kontrovers und sehr kritisch statt. Es läuft sehr gut im Rat und mit der Verwaltung und deshalb profitiert auch ganz Prien davon.

Die politische Lastenverschiebung von oben nach unten wird oft kritisiert. Wie sehr engen Entscheidungen in Bund und Land Ihre Arbeit ein?

Die Vorgaben bei Standards, Aufgaben- und Lastenverschiebungen engen die finanziellen Spielräume der Kommunen immer mehr ein. Im Bayerischen Städtetag engagiere ich mich deshalb für eine Verbesserung der gemeindlichen Finanzausstattung. Im eigenen Haushalt versuche ich über eine Kosten-Nutzen-Optimierung alles zu realisieren, was in der Daseinsvorsorge vom Bürger erwartet wird und unsere Marktgemeinde dringend braucht.

Interview: Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

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