Bürgerwirtshaus im Fadenkreuz

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Im Zusammenhang mit der Sanierung sind nach Dafürhalten des CSU-Gemeinderats Leo Segin Steuergelder von einer halben Million Euro "verschwendet" worden.

Übersee - Von "haarsträubenden und nebulösen Dingen" sprach Bürgermeister Nitschke in der jüngsten Gemeinderats-Sitzung, von "Fahrlässigkeit und dem notwendigen Einschalten der Aufsichtsbehörde" sogar einige Gemeinderäte.

Im Zuge von abschließenden Brandschutzmaßnahmen im Bürgerwirtshaus "D'Feldwies" waren nicht nur gravierende Mängel festgestellt worden, sondern auch, dass die Renovierung und der Umbau des Traditionshauses in den Jahren 2003/2004 ohne Bauleitung erfolgt war. Außerdem sollen Sanierungsmaßnahmen in Höhe von 180.000 Euro ohne Gemeinderatsbeschluss vergeben worden sein.

Die Vorgeschichte: Um den überwiegend in Eigenleistung der Feldwieser Trachtler hergestellten Übungssaal im Dachgeschoss hinsichtlich des Brandschutzes ordnungsgemäß abzuschließen, hatte die Gemeinde am 14. Oktober vergangenen Jahres das Architekturbüro "brüderl concept GmbH" aus Traunreut mit der Bestandsaufnahme und Planung beauftragt. Dessen Mitarbeiter stellten schon bei der ersten Besichtigung gravierende Baumängel fest - nicht nur im Dachgeschoss, sondern auch im gesamten Gebäude.

"Das Objekt entspricht in wesentlichen Teilbereichen nicht der Baugenehmigung und dem Brandschutzgutachten", sagte Bau- und Projektleiter Josef Reiter jetzt im Gemeinderat. Nahezu drei Seiten lang war seine Mängelliste. Da war unter anderem die Rede von fehlenden oder zugestellten Fluchtwegen, von nur teilweise oder gar nicht installierten Brandmeldern und deren Zuleitungen sowie von einem falschen Standort der Brandmeldeanlagen. "Es ist unklar, ob die Anlage überhaupt mit all ihren Komponenten funktioniert. Daraus folgt, dass die Anlage komplett neu aufgebaut werden muss", so Reiters Fazit.

Abgesehen davon sind nach den Worten des Projektleiters aber auch Maurer-, Installations- und Trockenbauarbeiten sowie Türeinbauten nicht oder nicht ordnungsgemäß ausgeführt worden. "Offensichtlich wurden Arbeiten von ehrenamtlichen Helfern ohne Rücksprache oder Beisein von einer Fachkraft erledigt."

"Es ist dramatisch, was uns jetzt damit aufgebürdet wird", so die Reaktion von Bürgermeister Nitschke. Vor allem für die Ehrenamtlichen, die tausende von Stunden unentgeltlich am Bau gearbeitet hätten, sei es erschreckend, jetzt mit diesem Sachstand konfrontiert zu werden. Sie hätten sich "praktisch umsonst engagiert und ihre Freizeit geopfert". Abgesehen davon müsse sich die Gemeinde demnächst auf Sanierungskosten von rund 130.000 Euro einstellen.

"Nebulöse Ungereimtheiten" sind Nitschke zufolge auch bei den Kosten aufgetreten. So seien vom damaligen Gemeinderat unter Bürgermeister Franz Gnadl nur 380.000 Euro an Sanierungsmaßnahmen genehmigt, aber 560.000 Euro abgerechnet worden.

Bestürzt reagierten einige Gemeinderäte. "Wir können von Glück sagen, dass bisher nichts passiert ist", sagte Paul Reichl (CSU) angesichts der Bau- und Brandschutzmängel. Vor allem für die Ehrenamtlichen sei die Situation sehr bedauerlich. Wie später auch Alois Huber (CSU) stellte Reichl die Frage nach einer damaligen Bauleitung. Der frühere Gemeinderat und jetzige Zweite Bürgermeister Ludwig Ertl (Freie Bürgerliste, FBL) bestätigte, dass seinerzeit eine interne Konzeptgruppe und keine Bauleitung federführend gewesen ist und auch nur 380.000 Euro beschlossen worden waren.

In einem Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erklärte Bürgermeister Nitschke im Anschluss an die Sitzung, dass das Traunsteiner Planungsbüro "Straßer & Partner" im Jahr 2000, also noch in der Ära des Alt-Bürgermeisters Peter Stöger, mit Voruntersuchungen und Zuschussfragen hinsichtlich einer Sanierung des Traditionshauses beauftragt worden war. Im Jahr 2003, inzwischen war Franz Gnadl Bürgermeister, sei das "Straßer-Konzept" zwar im Gemeinderat vorgestellt, aus finanziellen Gründen aber fallen gelassen worden. Während der gesamten Bauzeit 2003/2004 habe es somit keine koordinierende Bauleitung gegeben.

Der damalige und jetzige Gemeinderat Anton Stefanutti (Bündnis 90/Die Grünen) fand den fehlenden Brandschutz zwar "erschre-ckend" und gab auch die fehlende Bauleitung als "Fehler der damaligen 17 Gemeinderäte" zu. "Doch jetzt Schuldige zu suchen, geht an der Sache vorbei", meinte er. Jetzt sei es entscheidend, in die Zukunft zu schauen und alles schnell und ordnungsgemäß zu erledigen.

Differenzierter sah CSU-Sprecher Oliver Engels die Sache und machte zwei "Baustellen" aus. Hinsichtlich der Baumängel sollte schnellstmöglich Abhilfe geschaffen werden. Was die Fehler der Vergangenheit anginge, machte er den damaligen Bürgermeister Gnadl ver-antwortlich, "der jedoch fairerweise zunächst zu Wort kommen sollte". (Anmerkung: Gnadl war in der Sitzung nicht anwesend).

Einen harten Kurs fuhr Leo Segin (CSU), der das Ganze "ein Desaster" nannte. Zusammen mit den 180.000 ohne Gemeinderatsbeschluss ausgezahlten Euro-Beträgen und den erforderlichen Sanierungen von 130.000 Euro sowie rund 230.000 Euro nicht eingegangener Zuschüsse für die "Feldwies", seien Steuergelder von einer halben Million Euro verschwendet worden. "Der damalige Hausherr hat fahrlässig gehandelt und kann nicht einfach so davon kommen", betonte Segin und beantragte, die Gemeinde-Aufsicht einzuschalten, um die Schuldfrage zu klären.

Das Wort "Verschwendung" wies Stefanutti aufs Schärfste zurück, "weil die Gelder in die Feldwies gesteckt und damit Werte geschaffen worden sind".

Auf die Frage von Erika Stefanutti (FBL), wie künftige Veranstaltungen brandschutztechnisch abgesichert seien, sicherte Nitschke zwei Sicherheitswachen der Feuerwehr als Auflage für die Wirtshaus AG zu. Außerdem solle der Saal mit seinem Fassungsvermögen von 322 sitzenden Personen auf 200 beschränkt werden.

vd/Chiemgau-Zeitung

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