"CD-Diebstahl" im Klassenzimmer

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
"Hausdurchsuchung": Polizeibeamter Christian Pfaffinger zeigte realistisch, dass nach einem Ladendiebstahl auch daheim beim "Täter" nachgeschaut wird, ob noch weiteres Diebesgut zu finden ist. Schulsozialarbeiterin Songül Schiefer mimte beim Rollenspiel die entsetzte "Mutter".

Prien - Als plötzlich die Tür des Klassenzimmers aufgeht und zwei echte Polizeibeamte hereinkommen, wird es still in der 5b. Zuvor hatten zwei Buben und ein Mädchen einen Mitschüler als Ladendieb ertappt.

Das realistische Theaterstück verfehlte seine Wirkung nicht. Sie war Teil eines Präventionsprojekts der Schulsozialarbeit zusammen mit der Polizeiinspektion (PI) Prien.

Vier Freiwillige aus der Klasse von Karl Wullinger an der Franziska-Hager-Mittelschule hatte Schulsozialarbeiterin Gitti Plank draußen vor dem Klassenzimmer in ihre Rollen eingewiesen. Dominik mimte den Dieb, der im Kaufhaus (ein "Verkaufstisch" in der Ecke des Klassenzimmers) eine CD in seinem Sportbeutel verschwinden ließ, weil er sie unbedingt haben wollte und zu wenig Geld dabei hatte. Ein Verkäufer und ein Kaufhausdetektiv ertappten ihn, brachten den Buben zum Geschäftsführer, der die Personalien aufnahm und bei der Polizei anrief. So weit war die Geschichte für die 26 Fünftklassler als Schauspiel erkennbar.

Als es kurz darauf an der Tür klopfte und PI-Jugendbeamter Christian Pfaffinger mit Kollegin Sandra Wilhelm in voller Montur und mit ernsten Mienen hereinkamen, wurden die Gesichter ernster. Und als Pfaffinger dann Dominiks Mama "anrief", damit sie den Buben abholt, verging auch den letzten Kindern das Kichern. Dass auch der Anruf nur gespielt war, erfuhren sie erst später. Der Beamte spielte seine Rolle so überzeugend, dass sogar Dominik glaubte, er würde tatsächlich bei ihm daheim anrufen.

Zuvor erlebten sie eine verzweifelte und fassungslose "Mutter" (gespielt von Songül Schiefer, Schulsozialarbeiterin aus Rosenheim), mussten mit ansehen, wie ihrem Mitschüler Fingerabdrücke abgenommen wurden, seine "Mutter" ihm Vorwürfe machte, er von der Polizei nachhause gefahren und sein Zimmer durchsucht wurde.

50 Euro Bearbeitungsgebühr durch die geschädigte Firma wurden fällig, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und das Jugendamt informiert - ganz zu schweigen vom (gedachten) peinlichen Getuschel der Nachbarn, als das Polizeiauto bei Dominik vorfuhr.

Die realistische Darstellung eines CD-Diebstahls, wie er samt seiner unangenehmen Folgen für den jungen Täter verfehlte ihre Wirkung nicht. Die entsetzte "Mama" und der Besuch der Polizei daheim bei ihrem Mitschüler samt Durchsuchung seines Zimmers (inszeniert in einer Ecke des Klassenzimmers) waren für die Fünftklassler "das Schlimmste", bekundeten sie nach dem Ende des Kriminalstücks.

"Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg' auch keinem ander'n zu" - diesen Merksatz stellten Pfaffinger und Plank in den Mittelpunkt des anschließenden Gesprächs. "Wer sich an diese goldene Regel hält, hat keine Schwierigkeiten", unterstrich Pfaffinger.

Um seine Botschaft zu untermauern, drehte der Beamte den Spieß kurzerhand um und nahm im Vorbeigehen die Armbanduhr vom Tisch einer Schülerin. "Die gefällt mir, die möchte ich für meine Tochter." Die provokante Begründung verfehlte ihre Wirkung nicht. Natürlich mochte keiner der Schüler, dass ihm etwas einfach weggenommen wird.

In einem (gestellten) Film konnten die Kinder dann noch miterleben, wie es einer 14-Jährigen erging, die der Versuchung einer CD im Laden nicht widerstehen konnte und erwischt wurde. Weil die Jugendliche nicht das erste Mal geklaut hatte, wurde sie vor Gericht zu einer Woche Jugendarrest in einer Einzelzelle verurteilt. Oftmals werden die Täter auch durch Sozialstunden bestraft, berichtete Plank. Ladendiebe müssen dann zum Beispiel im Krankenhaus ihre Tat "abarbeiten".

Das realistische Präventionsprojekt führen Pfaffinger und die Schulsozialarbeit jedes Jahr in den fünften Klassen der Mittelschule Prien und der Hauptschule Bad Endorf durch.

2009 wurden bei der Priener Polizei knapp 100 Ladendiebstähle angezeigt.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser