Mücken-Kampf deutlich ausgeweitet

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Chiemsee - 50 Milliarden Stechmücken dürften es nach Schätzungen von Biologen sein, die sich zurzeit am Chiemsee entwickeln. Seit gestern Mittag machen ihnen Experten den Garaus.

Dank erfolgreicher Eilanträge der Gemeinden Grabenstätt und Übersee darf das Bekämpfungsmittel Bti auch auf deren Gebieten eingesetzt werden. Nach dem Hochwasser von Fronleichnam waren viele Uferbereiche des Bayerischen Meeres überschwemmt. Das nachfolgende Sommerwetter bescherte den Mückenlarven perfekte Bedingungen. Nur etwa fünf Tage brauchen sie, bis sie sich zu fertigen Plagegeistern entwickelt haben und zustechen können.

Die Zeit drängte, um eine ähnliche Plage wie zuletzt 2009 zu verhindern. Damals waren vor allem Einheimische und Gäste in Übersee und Grabenstätt entnervt, wütend und zerstochen, weil in ihren Bereichen am Rande des Naturschutzgebiets am Mündungsdelta der Tiroler Ache per Bescheid der Regierung kein Bti eingesetzt werden darf. Mit dem "Bacillus thurigiensis israelensis" werden die Stechmücken seit 1997 am Chiemsee bekämpft, am Rhein sogar schon seit vielen Jahrzehnten.

Mückenbekämpfung am Chiemsee

Erlaubt ist dies bisher am Bayerischen Meer nur einmal im Jahr und auch nicht überall dort, wo großflächige Brutstätten der Mücken sind. Der Abwasser- und Umweltverband (AZV) Chiemsee, der die Einsätze koordiniert, hat zwar nach der Plage des Vorjahres einen erweiterten Antrag gestellt, für den eigens ein teures Gutachten erstellt werden musste. Der Antrag hat die Ausweitung der Bti-Einsatzgebiete und die Option auf mehrere Bekämpfungsaktionen jährlich zum Ziel.

Weil über ihn in München aber noch nicht entschieden wurde, versuchten Grabenstätt und Übersee mit Unterstützung des Landsratsamtes Traunstein und des Gesundheitsamtes gestern Früh per Eilantrag, eine kurzfristige Erlaubnis zum Bti-Einsatz zu bekommen.

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Trotz stundenlanger Telefonate am Montag Nachmittag erschien der Vorstoß zum Scheitern verurteilt. Die Wende brachte offenbar erst ein Krisengespräch im Umweltministerium am Montagabend.

Währenddessen waren die Experten vom Rhein mit zehn Tonnen Bti in einem Kühllaster schon unterwegs in Richtung Chiemsee. Um 11.30 Uhr traf die minus 24 Grad kalte Fracht gestern am Sportplatz neben dem Campingplatz in Übersee am Rödlgries ein. Mitabeiter der Bauhöfe von Übersee und Bernau packten mit an, um das Bti durch eine Art Schredder laufen zu lassen, damit es nicht verklumpt, und in den Spezialbehälter mit 350 Kilo Fassungsvermögen zu verladen, der unten an einen Hubschrauber gehängt wird. Um 12.06 Uhr hob Pilot Wolfgang Folger erstmals ab in Richtung Chieming.

Um 12.46 Uhr bekam AZV-Geschäftsführer Thomas Weimann telefonisch die Vorabinformation, dass die Sondergenehmigung für Übersee und Grabenstätt soeben per Mail in der Verbandszentrale in Stiedering eingetroffen sei. Zehn Minuten später kam ein strahlender Überseer BürgermeisterMarc Nitschke per Rad mit dem Bescheid in der Hand. Die Regierung hatte den Bti-Einsatz auf sogar noch mehr Flächen erlaubt, als vor allem sein Amtskollege Georg Schützinger aus Grabenstätt gehofft hatte. Nur die Kernzone des Naturschutzgebiets und ein kleines Quellmoor mussten ausgespart werden.

Allerdings waren nun noch zwei weitere Probleme zu lösen. Telefonisch wurden mit AZV-Vorsitzendem Josef Mayer die Zusatzkosten von gut 40000 Euro für 180 Hektar (135 auf Grabenstätter und 45 auf Überseer Gebiet) abgeklärt. Die gesamte Aktion wird voraussichtlich knapp 160000 Euro kosten.

Bei 25 Grad im Schatten halfen Mitarbeiter der Bauhöfe von Übersee und Bernau, insgesamt zehn Tonnen Eisgranulat mit Bti in den Spezialbehälter zu verladen, der an einem Hubschrauber hängt.

Weil die Experten vom Rhein, die Bti-Herstellerfirma "Icybac" und die Biologen der "KABS" (Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage), nichts von den Eilanträgen wussten, hatten sie "nur" zehn Tonnen Bti dabei - zu wenig für insgesamt nun 620 Hektar Überschwemmungsgebiete. Also musste "Icybac"-Chef Dr. Norbert Becker einen zusätzlichen Lkw mit vier Tonnen Eisgranulat voll Bti ordern, der sich noch am Nachmittag auf den Weg machte.

Gestern hob der Helikopter bis in den Abend von Übersee und später von Westernach bei Rimsting rund 20 Mal ab, heute Vormittag sollen von Grabenstätt aus die restlichen Flächen beflogen werden.

Dass die gestrige Sondergenehmigung keinen Tag zu spät kam, bestätigten auch die "KABS"-Biologen im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Seit Samstag hatten Dirk Reichle, Olaf Witte und drei weitere Experten hunderte Proben am Chiemsee entnommen und stellenweise über 500 Larven pro Liter gefunden, deren Ansammlungen wie kleine schwarze Wolken in den überschwemmten Wiesen wirkten.

Anhand der ermittelten Populationen und der Größe der überschwemmten Gebiete rechnete Becker die Zahl der Larven, die sich seit Ende letzter Woche am Bayerischen Meer entwickelten, auf 50 Milliarden hoch. Dass nur die Hälfte von ihnen sticht, nämlich die Weibchen, wäre für leidgeplagte Einheimische und Urlauber wohl nicht einmal ein schwacher Trost gewesen.

Vier Fünftel der Stechmücken am Bayerischen Meer gehören zur Art "Aedes vexans", laut Reichle die "klassische Überschwemmungsmücke" und "sehr wanderfreudig". Die kleinen Plagegeister haben einen Aktionsradius von 15 Kilometern. Für Grabenstätter Mücken wäre es also ein leichtes, auch die Priener, Bernauer und Rimstinger heimzusuchen.

Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © tj

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