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Erinnerungen an Gefährte aus vorigem Jahrhundert

Lastentransport mit historischen „Chiemsee-Rennern“: Es hat sich ausgeschippert

Einer der letzten „Chiemsee-Renner“ fristet nahe dem König-Ludwig-II-Denkmal an den Schären in Prien sein Dasein. Der Koloss ist ein typisches Chiemsee-Gefährt, wie es auf den Bildern der Chiemsee-Maler zu sehen ist. Der Witterung ausgesetzt, ist es eine Frage der Zeit, wann dieses Relikt endgültig Geschichte sein wird.
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Einer der letzten „Chiemsee-Renner“ fristet nahe dem König-Ludwig-II-Denkmal an den Schären in Prien sein Dasein. Der Koloss ist ein typisches Chiemsee-Gefährt, wie es auf den Bildern der Chiemsee-Maler zu sehen ist. Der Witterung ausgesetzt, ist es eine Frage der Zeit, wann dieses Relikt endgültig Geschichte sein wird.

Der Chiemsee-Renner hat eine lange Erfolgsgeschichte vorzuweisen – heute jedoch ist er museumsreif. Einst transportierte das flache Boot Menschen, Tiere, Kies und sogar Fahrzeuge über das Bayerische Meer. So manche Insel-Anekdote rankt sich um die Erlebnisse mit dem hölzernen Gefährt aus dem vorigen Jahrhundert.

Fraueninsel/Breitbrunn – Der Lastverkehr zur Herreninsel wurde bis vor einem halben Jahrhundert vom Breitbrunner Ortsteil Urfahrn aus mit großen Ruderbooten, den „Rennern“ abgewickelt. Wer sich heute noch gut daran erinnert und viel über die historischen Transportmittel weiß, ist Kaspar Murner, ein früherer Angestellter des Herreninsel-Betriebs: „Während der Zeit des Schlossbaus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, waren die Renner zusätzlich zwischen dem Ziegelsteg auf der Westseite der Herreninsel und Prien-Stock im Einsatz.“

Mitte des 20. Jahrhunderts seien die Lastschiffe mit Motorbooten gezogen worden – oder teilweise sogar an Kursschiffe gehängt. „Da die Anlegestelle in Urfahrn zu seicht für Motorboote war“, so Murners Recherche, „verlagerte sich der Lastverkehr in der Folge nach Breitbrunn-Mühlen. Hier war es windgeschützter und vom Festland aus besser anfahrbar.“

Menschen, Heu und Fahrzeuge an Bord

Transportiert wurde beinahe alles: Personen, Fahrzeuge und auch Kiesfuhren. Auch den Heimtransfer vom Heu der alten Zellnerbauern aus Gstadt von der Feldwies nähe Übersee über den Chiemsee zeigt ein altes Polaroid aus Murners Fundus eindrucksvoll. „Das Beladen eines Renners war meist sehr zeitaufwendig und nicht ungefährlich“, erzählt der Hobby-Historiker, habe man doch die Last über lange Holzläden vom Festland aus auf das Gefährt hieven müssen. Kamen während der Überfahrt auch noch Wind und Wellen auf, so sei viel Kraft und Geschick der Ruderer erforderlich gewesen, um sicher ans Ziel zu gelangen.

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Es gab aber auch andere Verwendungen: Zu Bittfahrten, heißt es in der Gstadter Chronik, „ziehen die Pilger ans Ufer herab, wo ein sogenannter Renner bereitsteht, wohl an die 80 Personen aufzunehmen, das sechs Ruderer durch den See führen“. Und auch zu Fronleichnamsprozessionen wurden Heerscharen von Gläubigen auf und um die Fraueninsel über das Bayerische Meer geschippert. Um einen Renner gut manövrieren zu können, habe es einer eigenen und sehr anstrengenden Ruder-Technik bedurft, wobei vorne bis zu vier und hinten ein Ruderer standen“, erklärt Peter Heistracher, seines Zeichens Bootsbauer auf der Fraueninsel.

„Mit dem Ende der Prozessionen, etwa Anfang der 1970er Jahre, gab es für den Kahn vom Kloster keine Verwendung mehr“, weiß Michael Feßler, Geschäftsführer der gleichnamigen Schifffahrt. Zudem sei für den Lastentransport bereits seit 1968 die Fähre „Kampenwand“ im Einsatz gewesen. „Deshalb kam der Renner zu uns“, bilanziert Feßler. 1987 wurde dieser aus Stahlblech neu aufgelegt.

Bootsbau unter freiem Himmel

Der Insulaner Hubert Niggl, einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen der Fraueninsel, war im Jahr 1948 beim Bau des vorläufig letzten Holzrenners mit dabei, wie im Gespräch mit dem 92-Jährigen hervorgeht. Aus Platzgründen habe die Herstellung des 13 Meter langen und zirka zweieinhalb Meter breiten Lastenkahns unter freiem Himmel stattfinden müssen. „Dafür brauchte es gut zwei Monate“, erinnert sich Niggl. „Im November fanden dann die Bootstaufe und der Stapellauf statt.“

Eine Fronleichnams-Prozession aus den 1930er Jahren fährt im Renner zur Fraueninsel.

Dazu fällt ihm spontan eine Anekdote ein: Der „oide Annal Lenz“ wollte nach der Segnung unbedingt ein Wettrennen zwischen seinem betagten und dem neuen Renner veranstalten. Listigerweise hatten die Kontrahenten dazu einen schweren, mit Kies gefüllten Kübel mit einem Seil am Heck des Täuflings befestigt. „Für uns war somit kein gescheites Vorwärtskommen möglich, bis das Seil abriss“, freut sich der Senior noch heute. Und so gewann der neue Lastenkahn, was später beim örtlichen Wirt ausgiebig gefeiert wurde.

Spektakulär war auch ein Transport, bei dem die alten „Habamers“ Anfang im Jahr 1937 ein kleines, bestehendes Holzhaus mit einem Renner von Prien-Stock auf die Insel befördern ließen, erzählt uns deren Tochter Annemarie Mayer.

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Unimog fiel vom Boot, Familienvater starb

Dramatische Ereignisse gab es im Zusammenhang mit den Chiemsee-Rennern freilich auch. So ertrank im Winter 1954 ein Inselangestellter beim Übersetzen mit dem Renner in seinem Unimog, der auf das Boot geladen war, erzählt Marianne Langl, die Tochter des Verstorbenen. Warum das Gefährt mit dem damals 37-jährigen Familienvater in der Nähe der Herreninsler Kreuzkapelle kurz vor Weihnachten vom Lastkahn kippte, konnte nie abschließend geklärt werden.

Wohl aber, wie das einst so beliebte Gefährt, das wie eine schwimmende Schuhschachtel ausschaut, vermutlich zu seinem Namen kam: Nicht schriftlich, aber mündlich überliefert, so Breitbrunns Dorfarchivar Franz Burghardt, ist folgendes: Wenn die großen Kutter im Verbund wieder einmal von Arlaching bei Seebruck über den See gezogen wurden und dabei ganz langsam vorbei schwammen, scherzte der Volksmund: „Schau, wia´s wieder rennen“.

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