Sturmwarnung und 130 km/h auf Herrenchiemsee 

Wirt verärgert über Uneinsichtigkeit: "Lieber sperre ich zu, bevor es mir einen Gast erschlägt" 

Der junge Gastronom Hannes Löhmann appelliert an die Vernunft seiner Gäste im kleinen Restaurant "Boje 5" auf der Herreninsel, wenn Sturmwarnung herausgegeben wird. 
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Der junge Gastronom Hannes Löhmann appelliert an die Vernunft seiner Gäste im kleinen Restaurant "Boje 5" auf der Herreninsel, wenn Sturmwarnung herausgegeben wird. 

Herrenchiemsee - Sturmwarnung am Chiemsee sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Gastronom Hannes Löhmann aber hat in seinem Restaurant "Boje 5" auf der Herreninsel nicht nur einmal mühsame Diskussionen mit den Gästen geführt. Aussagen wie "Das Unwetter zieht eh vorbei" oder "Da kommt nix" möchte er nicht mehr hören, wenn es um die Sicherheit seiner Gäste geht. 

"Der Chiemsee ist unberechenbar, innerhalb von wenigen Minuten kann hier quasi die Welt untergehen", unterstreicht Hannes Löhmann sein Anliegen, das sich auf das Unwetter am Sonntagabend, 28. Juni, bezieht. "Am frühen Abend war es relativ entspannt, von einem Gewitter nichts zu erahnen. Als sich der Himmel allmählich verfinstert hat, war uns dann gegen 19.15 Uhr schon klar, dass da etwas kommt. Ich habe dann den Kontakt mit den noch verbliebenen Gästen an den drei Tischen gesucht und mich auf die Sturmwarnung bezogen. Die Reaktionen aber waren jedoch eher uneinsichtig, obwohl es gerade die einheimischen Gäste besser wissen müssten."


Tornados und Windspitzen bis 70 Knoten 

Um 19.40 Uhr sei es dann "richtig abgegangen" mit Sturmböen und Platzregen. "Man hat nicht einmal mehr den Steg samt Motorboot 30 Meter weiter weg gesehen. Dass es so extrem wird hat niemand gedacht. Wir hatten Windspitzen bis 70 Knoten, was in etwa 130 km/h entspricht. Der ehemalige Bürgermeister der Fraueninsel hat sogar gesagt, so etwas hat er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen am Chiemsee. Die Rede war auch von Tornados, die über die Inseln gefetzt sein könnten, da Bäume in unterschiedliche Richtungen verteilt wurden. Dieser Sturm war definitiv keine Bagatelle", unterstreicht Löhmann im Gespräch mit chiemgau24.de den Ernst der Lage. Gerade auch das Festland in der Chiemseegemeinde Prien hat es gescheit erwischt, hier war die örtliche Feuerwehr 80 Mal im Einsatz

Dieses Video nahm Wirt Löhmann am Sonntagabend von seinem Restaurant "Boje 5" auf der Herreninsel aus auf.


Löhmanns Absicht ist es nicht, irgendjemanden direkt anzusprechen oder in irgendeiner Art und Weise zu verletzen oder anzugreifen. Er hofft, dass er mit seinem Appell seine Gäste "ein bisserl zum Nachdenken" bringen kann: "Wir machen das nicht um die Gäste zu vergraulen oder zu verärgern - aber die Sicherheit geht uns über alles. Und bei Sturmwarnungen habe ich öfter die Diskussion ob jetzt ein Unwetter kommt oder nicht. Gerade ich als junger Wirt könne so etwas doch gar nicht einschätzen. Aussagen wie diese muss ich zwar akzeptieren und auch die Tatsache, dass man oft auf keinen gemeinsamen Nenner kommt. Trotzdem kommuniziere ich mit einem gewissen Nachdruck, dass uns das Wichtigste ist, dass nichts passiert." 

Im Familienbetrieb bewirten die Löhmanns Gäste sowohl im Hotel Luitpold am Priener Hafen als auch auf der Schlosswirtschaft Herrenchiemsee. Die "Boje 5" ist ein kleines Restaurant, versteckt auf der Herreninsel: "Wir sind der einzige Platz am Chiemsee, an denen Touristen den Weg zu uns nicht finden. Wir bewirten nur einheimische Gäste", erläutert Löhmann. Die Öffnungszeiten der "Boje 5" gehen von Donnerstag bis Sonntag von 17 bis 20 Uhr. Bewirtet mit einem Grillbetrieb werden Gäste, die mit mit Privat- und Segelbooten anlegen, inzwischen auch verstärkt Paddler. Wegen den Corona-Auflagen gibt es nur die Hälfte an Tischen, weswegen nur mit Reservierungen gearbeitet wird. 

Ob überhaupt geöffnet wird, macht der junge Gastronom jeweils kurzfristig von der jeweiligen Wetterlage abhängig und kommuniziert das hauptsächlich auf Facebook. "Wir verfolgen Wetterdienste und Unwetterradare aufmerksam und beobachten genau, wie sich die Lage am Chiemsee entwickelt." Sobald Sturmwarnung gegeben wird, lässt Löhmann keinen neuen Gäste mehr herein und bittet die verbliebenen Gäste den Grillplatz so schnell wie möglich zu verlassen. 

Leserfotos: Heftige Unwetter rund um den Chiemsee

Die Gewitterfront am Sonntagabend über dem Chiemsee. © privat
Chieming © privat
Besonders Prien und die angrenzenden Gemeinden hat es bei dem Unwetter am Sonntagabend ziemlich stark erwischt.  © privat
Unser Leser Patrick Wolfram machte das Foto in der Seestraße/Carl-Braun-Straße in Prien am Chiemsee.  © privat
Zahlreiche Bäume wurden bei dem Unwetter am Sonntagabend entwurzelt.  © privat
Unser Leser Patrick Wolfram machte das Foto in der Seestraße/Carl-Braun-Straße in Prien am Chiemsee.  © privat
Zahlreiche Bäume kippten am Sonntagabend auf die Straßen - die Feuerwehr war dadurch im Dauereinsatz.  © privat
Chieming © privat
In Trostberg machte unser Leser Bern Reisinger dieses Foto vom Unwetter.  © privat
Die Gewitterfront hängt bedrohlich über Nußdorf (Chiemgau). © Benjamin Hopf
Unwetter bei Traunreut (Zw. Frühling und Oderberg): Baum entwurzelt und auf Straße gestürzt. Die Feuerwehr musste ran. © Ralf S.
Unsere Leserin Ilona hat dieses Foto kurz bevor das Unwetter am Sonntagabend wütete in Prien aufgenommen.  © Ilona Klauser
Die Lage in Prien am Chiemsee © Sarah Pollich
Die Gartenhütte von unserem Leser Andre in Chieming wurde bei dem Unwetter am Sonntagabend aus dem Boden gerissen - am Ende landete sie sogar auf dem Dach. © Andre Welsch
Die Gartenhütte von Andre aus Chieming landete durch das Unwetter auf dem Dach. © Andre Welsch
Die Gartenhütte von Andre aus Chieming landete durch das Unwetter auf dem Dach. © Andre Welsch
Unsere Leserin Ilona hat dieses Foto im Tannenweg in Prien am Chiemsee gemacht.  © Ilona Klauser

"Die Sicherheit aller steht im Vordergrund. Wir wollen auf keinen Fall, dass hier etwas passiert. Vielleicht sind wir auch ein bisserl zu vorsichtig - es gab bereits Tage, an denen haben wir vorzeitig geschlossen und dabei zog das Gewitter vorbei und es war ein traumhafter Sonnenuntergang auf der Insel. Aber bei Unwetter und Gewitter weiß man eben nie, wo sie runtergehen und ich möchte das nicht verantworten, wenn etwas passiert. In 90 Prozent der Fälle passiert nichts, aber wenn, dann ist das Geschrei groß hinterher und ich dann der Schuldige", unterstreicht der 26-Jährige abschließend seine Intuition. "Lieber sperre ich 30 Mal zu und verdiene nichts an dem Tag, bevor es mir einen Gast erschlägt durch den Sturm.

Seine große Bitte an die Gäste: "Bitte seid in Zukunft so fair und akzeptiert unsere Entscheidungen - wir meinen es auf keinen Fall böse und wollen lediglich, dass alle gesund nachhause kommen." 

mb

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