Drogenjagd auf dem Chiemsee Reggae Summer

Die Festivalbesucher holen sich eine kurze Abkühlung.

Übersee - Polizei auf Drogenjagd: Jedes Jahr suchen Fahnder unter 24 000 Besuchern auf dem Chiemsee Reggae Summer Festival nach Drogenkonsumenten. Der Trick der Polizei: Sie ist unsichtbar.

Sofort nach ihrer Ankunft hat es sechs Österreicher kalt erwischt. Endlich haben sie einen Parkplatz auf dem riesigen Gelände bei Übersee (Kreis Traunstein) gefunden, die Sonne scheint, die Stimmung ist prächtig. Neben ihrem Pkw stehend zünden sich die jungen Wiener ihre ersten Joints des Festivalwochenendes an.

Zufällig laufen Markus (24) und Ulf (26) an ihnen vorbei. Markus trägt eine kurze, schwarze Hose, der gebräunte Oberkörper ist frei. Zum Schutz vor der Sonne hat er sich ein T-Shirt um den Kopf gewickelt. Ulf trägt Flip-Flops, kurze Hose, ein Trikot, Hut und Rucksack. Markus und Ulf sind verdeckte Ermittler, Polizisten. Im Rucksack liegen Handschellen und Funkgerät bereit. Sie entdecken die Österreicher, sehen die Joints – und zücken ihre Dienstausweise. Unter dem Auto versteckt finden sie ein Päckchen Haschisch, dazu etwas Speed. Noch bevor die sechs jungen Männer aus Wien auch nur einen Fuß auf das Festivalgelände gesetzt haben, sind sie der Polizei schon in die Falle gegangen.

Der Chiemsee-Reggae-Summer bedeutet für alle Beteiligten eine logistische Mammutaufgabe. 24 000 Besucher, 400 Sicherheitskräfte, 200 Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes, 60 Feuerwehrmänner und 300 mobile Toiletten. Die Polizei will nicht verraten, mit wie vielen Einsatzkräften sie vor Ort ist. „Eine niedrige dreistellige Zahl“ – mehr will Polizeisprecher Franz Sommerauer nicht preisgeben.

Die Ungewissheit ist Teil der Strategie. Viele der Beamten sind in Zivil unterwegs, mischen sich zwischen Campingplatz und Bühne unter die Feiernden. Die jungen Polizisten sind von den Fans nicht zu unterscheiden, laufen in Wickelrock herum, haben tätowierte Rücken und tragen seltsame Hüte. Die Folge: „Das Festival ist in Drogen-Kreisen nicht sonderlich beliebt.“ Seit 2001 leitet Thomas Kirchleitner den Polizeieinsatz auf dem Festival. „Wir haben keine Hinweise, dass groß gedealt wird, die Angst ist immens. Niemand kann sicher sein, wer der Käufer ist.“ Immer wieder gibt sich der 46-jährige Polizeioberrat kämpferisch. „Kontrolldruck ist die beste Prävention“, sagt er. Vor allem dem Alkohol- und Drogenmissbrauch unter den Jugendlichen hat er den Krieg erklärt. „Das Feld gebe ich nicht frei!“

Und sein Engagement zeigt Wirkung. War voriges Jahr das Ausnüchterungszelt noch voll, lag hier bis Samstagabend 2009 noch kein einziger Reggae-Fan. „Letztes Jahr war der Weg zum Eingang noch mit Schnapsflaschen gepflastert, in zwei Stunden haben wir 30 Jugendliche mit über 1,5 Promille aufgegriffen.“ Die Not machte Kirchleitner erfinderisch: Wird jetzt ein Minderjähriger mit mehr als 1,5 Promille aufgegriffen, benachrichtigt die Polizei die Führerscheinstelle. Die muss dann abwägen, ob der Betroffene für den zukünftigen Führerscheinerwerb geeignet ist. „Manchmal ist das das einzige Druckmittel, was wirklich wirkt“, weiß Kirchleitner.

Doch bei der Polizeiarbeit geht es nicht nur um Bestrafung. Spezielle Jugendbeamte beraten die Minderjährigen, <eine Sozialpädagogin hilft vor Ort. So mancher Bub, der auf dem Festival über die Strenge geschlagen hat, würde sich im Gespräch den Beamten öffnen. „Die erzählen dann von der Scheidung ihrer Eltern, von Problemen zuhause, manche brechen in Tränen aus.“ Auf die schwereren Kaliber wartet das volle strafrechtliche Arsenal. Auf dem Gelände eines nahegelegenen Sägewerks hat sich die Polizei eingerichtet. Hier werden Fingerabdrücke genommen, Fotos gemacht. In einem Unterstand werden die Anzeigen abgearbeitet. Auf Bierbänken sitzen Diebe, Drogendealer und Polizisten in Zivil nebeneinander – und sind optisch nicht zu unterscheiden. Insgesamt würde es auf dem Festival aber weit friedlicher zugehen als in so manchem Bierzelt. Markus und Ulf, die im richtigen Leben ganz andere Namen tragen, haben sich längst sprachlich angepasst: „Reggae-Fans sind gechillt.“

Thomas Schmidt

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