Chiemsee-Toter: Opa Alois' letzte Reise

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Der Körper von Alois P. aus Tirol wurde bis in den Chiemsee gespült

Chiemsee - Am Muttertag war Alois P. in Tirol verschollen, am Vatertag wurde er tot aus dem Chiemsee geborgen (wir berichteten). Die Geschichte seiner letzten Reise.

Glitzernd treiben die Wellen des Chiemsees im Wind. Sie werden stetig aus den mächtigen Schmelzwassern der Alpenflüsse gespeist. Zwölf Tage lang verbargen die Wellen ein tragisches Geheimnis. Den leblosen Körper eines verunglückten Tirolers trieben die Fluten der Jochberger Ache über 70 Kilometer weit bis zur Kitzbüheler Ache, weiter zur Kössener Ache, zur Tiroler Ache, bis ins Bayerische Meer.

Es war der Leichnam von Alois P. aus Aurach bei Kitzbühel. Am Muttertag ertrank der 86-Jährige im Fluss, am Vatertag wurde er aus dem Chiemsee geborgen.

Dies ist die Geschichte seines Lebens. Und seiner letzten, langen Reise.

Als armer Bergbauernbub ist der Alois in Aurach aufgewachsen. Von klein auf liebt er die wilde Natur, die Tiere und die Berge in Tirol. Der Krieg reißt ihn als blutjungen Burschen in die Ferne. Doch er überlebt, darf wieder zurück in die Heimat. Bald findet er als Waldaufseher bei der Gemeinde eine Anstellung.

„Er war sein Lebtag lang ein fleißiger, braver Mann“, sagt eine gute Bekannte über Alois P.. Bürgermeister Helmut Koidl erzählt: „Er hat sich überall im Dorf engagiert.“

Als Gemeinderat, als Vereinsmitglied im Kameradschaftsbund, als guter Freund. Privat findet der Alois bald sein Glück: Er heiratet seine geliebte Anna. Mit ihr bekommt er zehn Kinder. Das Paar kann über alle Maßen stolz auf sie sein. Denn alle sind hochintelligent und machen tolle Karrieren: Notar, Professor, Ärztin …

Vor einigen Jahren ein schlimmer Schicksalsschlag: Gattin Anna wird schwer krank. Brustkrebs. Alois muss Abschied von ihr nehmen. Kurz danach die gleiche Diagnose bei Alois’ Tochter, einer Pharmazeutin: Auch sie kann den Krebs nicht besiegen. Doch seine große Familie und die Gemeinschaft im Dorf fangen den Alois auf, bald kann er wieder lachen. „Er war immer lustig, ein rüstiger Mann“, beschreibt ihn der Bürgermeister. Alois kartelt für sein Leben gern, beim Watten kennt er alle Tricks. Und er ist leidenschaftlicher Imker. Seine Bienen haben dem Alois über die Jahre unzählige gute Tropfen Honig geschenkt.

86 Jahre alt sollte Alois werden. Bis zuletzt hat er seinen Haushalt allein geführt – er teilte sich mit der Familie eines seiner Söhne ein Doppelhaus. Der Weg von dort zur Jochberger Ache ist nur 100 Meter weit.

Es ist der Abend vor dem Muttertag, als Alois noch einen letzten Buschen Reisig zusammenpackt und mit dem Schubkarren hinunter ans Flussufer schafft. Ist er im Schilf ausgerutscht? Erlitt er einen Schwächeanfall? Kein Zeuge hat es beobachtet. Unbemerkt ertrinkt Alois in den Fluten seines Heimatflusses.

Als sein Sohn den Vater am nächsten Tag nicht zu Hause antrifft, alarmiert er die Polizei. Jeder im Dorf kennt den Alois, voller Sorge wird sofort eine Riesen-Suchaktion organisiert. Ein Hund führt die Helfer schließlich auf Alois’ letzte Spur. Sie endet an der Ache. Hier steht auch der verwaiste Schubkarren. Nun ist der Tod vom Alois so gut wie gewiss. Bürgermeister und Feuerwehrkommandant Koidl: „Wir haben trotzdem alle Ufer abgesucht. Wir haben alles versucht.“

Die Wasserrettung sucht immer weiter flussabwärts, bis nach Schleching. Taucher forschen unter der Gischt eines Wasserfalls in Kitzbühel. Die Kajak- und Schlauchbootfahrer, Wildwasserpaddler – alle helfen suchen. Tagelang.

Alois’ Seele hat den Mann derweil längst ins Jenseits verlassen. Sein Körper aber treibt dahin … Im Schatten des Wilden Kaisers wird er sanft flussabwärts gespült. Er passiert Kitzbühel, Oberndorf, Sankt Johann in Tirol. Bei Kössen fließt das Wasser noch beschaulich dahin.

Dann aber sprudeln die Wellen immer wilder, sie rauschen in die Schlucht Richtung Klobenstein. Die berühmt berüchtigte Entenlochklamm – während hier an der Oberfläche die Wildwasser-Fans im Schlauchboot die Stromschnellen entlangraften, setzt Alois’ Körper seine Reise fort. Mittlerweile hat er die Landesgrenze zu Deutschland überquert.

Nach Schleching wird das Tempo wieder langsamer, der Fluss wird breiter. Am türkisblauen Delta treibt der Körper schließlich in den Chiemsee. Das Bayerische Meer umspült ihn noch viele Kilometer, bis Chieming. Es wird Vatertag.

Ein schwüler Tag. Am Nachmittag blitzt es bereits im Kaisergebirge, dunkle Wolken ziehen aus den Bergen hinaus ins Chiemgau. Nahe des Sportboothafens sieht ein Bootsführer etwas im Wasser treiben. Es ist ein Mensch. Wasserwacht und Polizei bergen ihn.

Bald hat die Polizei den toten Mann identifiziert. Alois P.’s Kinder und Enkel erhalten die traurige Nachricht: Er ist es, sie haben ihn gefunden … Alois’ Bekannte in Aurach sagt kopfschüttelnd: „Am Muttertag sind wir im Dorf noch zusammengesessen, haben Kuchen gegessen und gescherzt. Da war er schon tot.“ Aber es ist gut, dass sie ihn gefunden haben, meint sie. „Wenn die Stunde da ist, ist sie da. Nun kann die Familie abschließen.“

Am Freitag wird Alois in seiner Heimaterde die letzte Ruhe finden. Die Auracher werden für ihren Alois beten. Dann wird seine letzte Reise endgültig zu Ende sein.

Quelle: tz München

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