Debatte: Ist Tüttensee ein Meteoritenkrater?

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Das Foto zeigt (von links) Ernst Neugebauer, Sepp Lex und Professor Kord Ernstson, der Boris Berg vom Bayerischen Rundfunk einen soeben gefundenen Trümmerstein hinhält.

Grabenstätt – Die Debatte darüber, ob es sich beim Tüttensee um einen Meteoritenkrater handelt, geht in die nächste Runde. Dr. Michael Rappenglück vom Chiemsee Research Team meint, dass es an dieser Annahme keinen Zweifel gebe.

Aktueller Anlass waren die Besuche der zwei internationalen Experten Professor Dr. Ioannis Liritzis aus Rhodos und Bruce Masse von den National Laboratory in Los Alamos sowie die vor kurzem vorgelegten Untersuchungsergebnisse vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) aus Hof. In dem Gutachten heißt es unter anderem, dass Radiokarbon-Datierungen an Sedimenten vom Kesselboden des Tüttensees zum Teil ein Alter von 12.500 Jahren ergeben hätten. Das würde den gesamten "Chiemgau-Impakt" ausradieren, so der Chefgeologe der LfU, Roland Eichhorn. Die Ergebnisse hätten eindeutig gezeigt, dass die Tüttensee-Vertiefung bereits seit Ende der Eiszeit existiere. Weiter meinte Eichhorn, der Tüttensee sei kein Meteoritenkrater, sondern höchstwahrscheinlich ein Toteisloch.

Demgegenüber ist sich das CIRT-Forscherteam sicher, eindeutige Beweise für einen Meteoriteneinschlag zu haben, erklärte Rappenglück. Dem pflichtete der Vorsitzende des Vereins, der stellvertretende Landrat Sepp Konhäuser, bei. Das "Störfeuer" der LfU kommt nach seinen Worten zu einem Zeitpunkt, an dem der Chiemgau-Impakt wissenschaftlich immer mehr Annerkennung finde.

Rappenglück zufolge belegten archäologische Funde "unwiderlegbar" in der Impakt-Katastrophenschicht den Einschlag viele Jahre nach der Eiszeit, vermutlich etwa 500 Jahre vor Christus: "Die Kriterien für den Chiemgau-Impakt sind erfüllt und so sicher, wie man in der Wissenschaft nur sein kann." Zudem habe Professor Liritzis unabhängig von der Forschergruppe in seinem Labor in Rhodos Gesteinsuntersuchungen vom Tüttensee unternommen und sei zu dem gleichen Ergebnis wie CIRT gekommen, dass es sich hierbei eindeutig um die Folge eines Meteoriteneinschlags handeln müsse.

Dies sei eine "Pressekampagne" des LfU, machte sich der Geologe und Geophysiker Professor Kord Ernstson von der Universität Würzburg und Mitglied der Forschergruppe CIRT Luft. Hier handelt es sich um eine Irreführung der Leser, da die Proben für die Datierung nicht vom Kesselboden stammten, sondern außerhalb des Sees an Land genommen worden seien. Dies gehe bei genauerem Hinsehen auch aus einer Internetpräsentation des LfU hervor. "Der Begriff "Kesselboden" soll dem Leser wohl suggerieren, es handle sich um die Mitte des Sees", ärgerte sich der Professor. Außerdem habe CIRT bereits vor Jahren anhand einer eigenen Gravimetriemessung (Schwerkraft) und Probenentnahmen sowie Daten, die aus einer Seismikmessung (Sedimentecholot) zur Verfügung gestellt wurden, festgestellt, dass in der Uferregion des Sees ungestörte Bodenverhältnisse anzutreffen seien. Das LfU hätte sich bei entsprechender Kommunikation mit dem CIRT viel Arbeit und den überflüssigen Einsatz von Steuergeldern ersparen können. Überhaupt sei es bedauerlich, dass Eichhorn und seine Mitarbeiter "bis auf den heutigen Tag kein einziges Mal hier waren, obwohl immer wieder Einladungen von CIRT erfolgten".

Im Anschluss an die Pressekonferenz folgte mit den Experten Professor Liritzis und Masse, USA, eine Schürfung 600 Meter vom See entfernt. Die Grabung förderte in 40 Zentimeter Tiefe die so genannte Katastrophenschicht mit Trümmergestein (Brekzien) zutage. Es handle sich hier um Auswurfmasse, die unter hohem Druck ausgeworfen und vor Ort gelandet sei, erklärte Kord Ernstson. Wie sonst sei es möglich, dass die Steine zerbrochen seien und dennoch zusammenhalten? Dies könne nur die Folge einer hohen Schockwelle sein. Würden die Steine beispielsweise von Alpenflüssen transportiert worden sein, wären sie längst zerfallen. Damit sei eines der wichtigsten Kriterien eines Impaktes erfüllt, sagte Ernstson. Abgesehen davon gingen heute immer mehr Mythologen davon aus, dass jeder Mythos einen naturwissenschaftlichen Hintergrund habe und auf einem natürlichen Ereignis basiert. So hätten antike Autoren von dem katastrophalen Absturz und der Zerstörung des Sonnenwagens durch Phaethon, Sohn des Sonnengottes Helios berichtet.

kem/Chiemgau-Zeitung

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