Delta-Plan schlägt sehr hohe Wellen

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Das Mündungsgebiet der Tiroler Ache in den Chiemsee ist das vielleicht besterhaltene Binnendelta in Mitteleuropa. Seit 1996 steht es unter strengem Naturschutz. In die sogenannte Kernzone darf nur ein genau festgelegter Personenkreis.

Chiemsee - Die Vorschläge von Vogelkundler Dr. Michael Lohmann zur kontrollierten Öffnung des Achendeltas stößt im Abwasser- und Umweltverband (AZV) Chiemsee auf Skepsis, seine Vorgehensweise auf entschiedene Ablehnung.

In der gestrigen Verbandsversammlung distanzierten sich die AZV-Räte einstimmig von Lohmanns Vorstoß und lehnten die Trägerschaft für den vorgeschlagenen Bau eines "Tunnelstegs" ab.

Im Oktober 2010 hatte Biologe Lohmann, ein weithin geschätzter Naturschützer, seine Visionen der Chiemgau-Zeitung erläutert und damit einen Sturm der Entrüstung entfacht. Denn er plädierte nicht nur für eine kontrollierte Öffnung, um Flora und Fauna des Deltas für Naturfreunde erlebbar zu machen. Im Gegenzug stellte er zur Diskussion, das Sperrgebiet rund um die Achenmündung zu vergrößern und bisherige Nutzungen erheblich einzuschränken. Berufsfischer, Jäger, Land- und Forstwirtschaft signalisierten schon kurz darauf bei einer Veranstaltung in Übersee: "Wir lassen uns das nicht gefallen."

Diese Botschaft kam gestern auch aus Stiedering, wo die AZV-Verbandsversammlung mit Bürgermeistern und Gemeinderäten aus den zehn Anliegergemeinden des Bayerischen Meeres tagte. Die klare Absage richtete sich dabei weniger gegen die Vorschläge Lohmanns, vielmehr wurde seine Vorgehensweise scharf kritisiert. Denn der Ornithologe hatte einen Antrag an die Regierung von Oberbayern geschickt und darin auch den AZV als Unterstützer genannt. Die Verbandsräte wussten davon aber nichts.

Entsprechend eindeutig waren gestern die Kommentare. Während AZV-Vorsitzender und Rimstinger Bürgermeister Josef Mayer noch versöhnliche Töne anschlug ("Er ist übers Ziel hinausgeschossen") und von der Einsicht des Überseer Biologen in einem zwischenzeitlichen Schriftverkehr berichtete, sprachen andere Verbandsräte Klartext. Übersees Bürgermeister Marc Nitschke umschrieb Lohmanns Vorgehen neumodisch als "suboptimal" und bemängelte, dass die Klärung von Fragen, die an einem runden Tisch in Grabenstätt gesammelt worden waren, von Lohmann offensichtlich bisher nicht weiterverfolgt worden sei. Gemeinderat Dr. Fritz Hornschuch aus Rimsting unterstellte "volle Absicht" und Konrad Glück, Bürgermeister von Seeon-Seebruck, schimpfte über eine "Unverschämtheit". Bernhard Hainz, sein Amtskollege aus Gstadt, sah es genauso.

"Einer bildet sich was ein und wir machen einen Riesenzirkus. So geht das nicht", stimmte auch Georg Huber, Oberhaupt der Inselgemeinde Chiemsee, in die Schimpftiraden mit ein.

Moderatere Töne schlugen Andreas Dorn (Seeon-Seebruck) und Robert Muggenhamer (Grabenstätt) an. Sie sprachen sich für einen sensiblen Umgang mit und offenen Dialog zu dem Themenkomplex aus.

Erst am Ende, als zahlreiche Verbandsräte ihren Unmut formuliert hatten, relativierte Marlene Berger-Stöckl, die AZV-Umweltbeauftragte, Lohmanns Vorgehensweise etwas. Der hatte seinen Antrag an die Regierung dem AZV vorab zugeschickt - allerdings mitten in der Urlaubszeit im August vergangenen Jahres. Zwei Wochen später schickte der Ornithologe sein Schreiben weiter nach München. Die AZV-Räte waren zwischenzeitlich nicht informiert worden, weil nicht wenige schlichtweg zu dieser Zeit gar nicht da waren. Dass es so nicht gehe, sei Lohmann in einem Brief mit "deutlicher Wortwahl" mitgeteilt worden, berichtete Berger-Stöckl.

Einstimmig billigte die Verbandsversammlung am Ende gestern einen Beschluss, wonach der AZV Lohmanns Vorgehen missbilligt, seine Skepsis gegenüber dessen Vorschlägen zum Ausdruck bringt und dies auch der Regierung mitteilen wird. Priens Bürgermeister Jürgen Seifert und sein Chiemseer Amtskollege Huber hatten dies so beantragt.

Über die inhaltliche Diskussion zum Achendelta und weitere Tagesordnungspunkte der Versammlung, darunter der Haushalt des AZV für das laufende Jahr, berichten wir noch gesondert.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

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