Demnächst unterirdisch durch Übersee

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Die Schranke hat bald ausgedient.

Übersee - Unterirdisch wird in Übersee alsbald der Verkehr das leidige Nadelöhr Eisenbahn überwinden.

Seit 1928 haben die Einwohner der Chiemseegemeinde in Versammlungen Pläne diskutiert, um mal unter-, mal überirdisch die Gleise, die ihr Dorf trennt, vergessen zu machen. Dies berichtete Bürgermeister Marc Nitschke am Freitagabend in der von rund 150 Interessierten besuchten Informationsveranstaltung im Gasthaus "Hinterwirt". Die letzte derartige Zusammenkunft 1983 habe gar "tumultartig" geendet.

Nicht so die jüngste: In weniger als einer Stunde klärten Kreisbaumeisterin Mechtild Herrmann und Fachleute der betroffenen Firma die Überseer über das "Jahrhundertbauwerk" (Nitschke) auf - ohne Fragen oder Diskussion wurde sich im weiteren Verlauf des Abends dem Bier gewidmet.

Bevor Planung und Bauablauf der missverständlich so genannten "Bahnüberführung", was ja nur für die Züge gilt, vorgestellt wurden, bat Bürgermeister Nitschke seine Mitbewohner um Verständnis für die Widrigkeiten in den nächsten 16 Monaten. Nun aber habe sich eine "große Chance" ergeben, die es zu nutzen gelte. Ähnlich die Worte von Mechtild Herrmann, die seit Jahresbeginn in Sachen Bau im Landkreis Traunstein das Sagen hat: "Ich weiß, dass der Bau mit Einschränkungen zu tun hat, die auch weh tun - aber: Dafür kriegen wir auch etwas, wofür es sich lohnt, zu leiden."

Ungläubig haben manche Überseer auf dieses Schild in Bahnhofsnähe reagiert, berichtete Bürgermeister Nitschke, wollten einfach nicht wahrhaben, dass nun wirklich die Bahnschranken verschwinden.

Anstelle des ebenerdigen beschrankten Gleisübergangs von Feldwieser Straße im Norden und Dorf- beziehungsweise Grassauer Straße im Süden wird zirka 100 Meter östlich davon eine 170 Meter lange Unterführung mit einem separaten, etwas über dem Straßenniveau liegenden Fuß- und Gehweg gebaut, die sowohl unter die Bahnhofstraße als auch die Bahngleise führt. Der wasserundurchlässige Spundwandkasten ist mindestens 4,5 Meter hoch und 14,5 Meter breit. Ein Kreisel südlich der Bahnstrecke Rosenheim-Freilassing trennt den Verkehr entweder auf die Staatsstraße in Richtung Autobahn beziehungsweise Grassau oder die Staatsstraße, die nach Moosen im Osten führt. Der Bahnweg nördlich der drei Gleise ist künftig über eine eigene Straße ab Achenweg zu erreichen.

Die neue Trassenführung ist etwa 800 Meter lang. Für die komplette Maßnahme werden 25000 Kubikmeter Erdreich bewegt, die Verkehrsfläche umfasst 10000 Quadratmeter. In die Planung wurde neben Landkreis und Gemeinde auch der Arbeitskreis "Ortsmitte" eingebunden, um, wie es hieß, ein aus ortsgestalterischer Sicht ansprechendes Gesamtbauwerk zu schaffen.

Die konkreten Planungen laufen seit 2004, der offizielle Startschuss ist am heutigen Montag um 9 Uhr mit dem symbolischen Spatenstich durch Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer, Landrat Hermann Steinmaßl, Bürgermeister Nitschke und einem Vertreter der Bahn (wir berichteten). Bund, Bahn und Landkreis teilen sich zu je einem Drittel die Kosten von etwa 10,4 Millionen Euro, wobei sich die Gemeinde Übersee an dem Kreis-Drittel mit gut einer halben Million beteiligt.

Von Dienstag an wird bis Ende der Woche die Baustelle mit Rodungsarbeiten vorbereitet. Von Mitte März bis Ende Mai wird Erdreich bewegt, bis zum Herbst soll der Kreisel fertig sein, bis November die Brücken für die Gleise. Und die Rampen für die Tunnel sollen bis April 2011 stehen. Die Verantwortlichen hoffen, im Juli nächsten Jahres die "Bahnüberführung" eröffnen zu können.

Autofahrer wie Bus- und Bahnkunden müssen sich auf Veränderungen einstellen. Am augenscheinlichsten ist die sofortige Sperrung der Bahnhofstraße bis zum Frühjahr 2011. Die Planer wollen aber, wie sie ankündigten, versuchen, wenigstens ab Herbst eine provisorische einspurige Fahrbahn einzurichten. In der Zwischenzeit verläuft die Umleitung über Wasen/Almau nach Moosen. Radler erhalten im Süden ein beleuchtetes Provisorium. RVO-Busse halten statt am Bahnhof vor der Volksbank Raiffeisenbank, ab Freitag wird die Haltestelle Tourist-Info/Apotheke nicht mehr angefahren. Mit dem Bau der Anbindung von der Feldwieser Straße zur neuen Trasse soll erst im Frühjahr nächsten Jahres begonnen werden. Wegen der Gleisbauarbeiten muss ab Freitag mit Einschränkungen im Zugverkehr gerechnet werden.

Schrankenwärter Reiner Hoffmann wird demnächst versetzt.

Mit der Schranke verschwinden auch fünf Arbeitsplätze. Einer der Schrankenwärter ist Reiner Hoffmann. Der 58-Jährige, seit 1979 bei der Bahn, stammt aus Chemnitz. 2000 stand er vor der Wahl Westen oder arbeitslos. Er entschied sich für Oberbayern. Was aus ihm wird, weiß er noch nicht. Entweder wird er, wie er mutmaßt, nach München versetzt. Oder in seine sächsische Heimat, wo noch immer seine Famile wohnt.

mt/Chiemgau-Zeitung

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