Demokratie-Start auf Herrenchiemsee

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Dr. Walter Holzapfel bei seiner Rede aus Anlass des 60. Jubiläums des Verfassungskonvents an historischer Stätte im Spiegelsaal des Neuen Schlosses auf Herrenchiemsee. Die Ansprache des letzten lebenden Zeitzeugens gilt bis heute als herausragender Beitrag zur Würdigung des Grundgesetzes.

Pittenhart/Herrenchiemsee - Nur wenigen Bürgern ist bewusst, dass die Grundlagen für das vor 60 Jahren verabschiedete Grundgesetz im Landkreis Rosenheim gelegt wurden - beim Verfassungskonvent 1948 auf Herrenchiemsee.

Die Erinnerungen an die dortige Arbeit, die bis heute die Basis der stabilen deutschen Demokratie darstellt, pflegt der einzige noch lebende Zeitzeuge: Dr. Walter Holzapfel aus Pittenhart.

Dr. Walter Holzapfel (86) kann mit Recht von sich sagen, so gut wie jedes Wort, das im Plenum des Verfassungskonvents im Alten Schloss auf Herrenchiemsee gesprochen wurde, festgehalten zu haben: Denn der damals 24-Jährige schrieb als Landtagsstenograf mit, diktierte die Aufzeichnungen danach in die Schreibmaschine. Die Protokolle und der Abschlussbericht bildeten die Arbeitsgrundlage für den parlamentarischen Rat, der daraus das 1949 verabschiedete und bis heute gültige Grundgesetz erstellte.

Warum wurde ausgerechnet in Bayern der Grundstein für die Verfassung gelegt, die als eine der besten der Welt gilt? Holzapfel nennt als wichtigsten Grund die Tatsache, dass die Einladung des bayerischen Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) an die Vertreter der damaligen elf westlichen Bundesländer in den drei westlichen Besatzungszonen einen "idealen Ort" für den Konvent vorschlug: das von der Außenwelt isolierte Herrenchiemsee. Deutschland lag in Schutt und Asche. Der Neuanfang in den Ruinen war von den Sorgen um die vielen noch nicht heimgekehrten Kriegsgefangenen, von Hunger und Wiederaufbaubemühungen, Währungsreform und der Aufarbeitung des Nazi-Terrors geprägt.

Herrenchiemsee im Spätsommer 1948: Das war, so erinnert sich Holzapfel, eine "Insel der Seeligen". Unbeeinflusst von den erschwerten Bedingungen im gebeutelten Nachkriegsdeutschland, ohne Presse und Außenkontakt, der nur über zwei Telefone möglich war, konnten die 30 Regierungs- und Verfassungsexperten und ihre Mitarbeiter die rechtlichen Grundlagen für ein neues, freies, demokratisches Land legen. "Die Stimmung war einmalig gut", erzählt Holzapfel, "schließlich kamen Politiker und Verfassungsexperten zum ersten Mal nach dem Krieg zusammen, um Deutschlands Zukunft aktiv zu gestalten". Viele Diskussionen, Sitzungen in Arbeitsgruppen und Debatten im Plenum haben nach Holzapfels Angaben den Konvent geprägt. Größere Streitpunkte habe es jedoch nicht gegeben. "Der Rahmen war schließlich vorgegeben: Es sollte ein neuer föderalistischer Staat entstehen."

Offen blieb bis zum Schluss nach Holzapfels Informationen lediglich die Frage, ob dieser Föderalismus sein Gesicht über einen Senat der Weisen oder einen Bundesrat mit Vertretern der Länderregierungen erhalten solle. Bis heute freut es den 1951 als Juristen ins bayerische Wirtschaftsministerium gewechselten und dort 1982 als Ministerialdirigent ausgeschiedenen Holzapfel, dass das damals als Provisorium erarbeitete Verfassungswerk noch immer Bestand hat. "Das Grundgesetz war als vorübergehende Lösung gedacht - bis zum Zusammenschluss mit Ostdeutschland. Dass die Wiedervereinigung so spät kommen würde, damit hat damals keiner gerechnet." Die Blockade von Westberlin durch die Sowjets hatte zwar schon begonnen, doch dass es sogar zum Bau einer Mauer und zur jahrzehntelangen Teilung komme könnte, sei unvorstellbar gewesen.

Unter den Vertretern der westlichen Bundesländer sei vielmehr eine Aufbruchstimmung zu verspüren gewesen. Diese habe sich auch auf die Mitarbeiter des Alten Schlosses ausgewirkt: Für die Beherbergung der Kommissionsmitglieder räumten sie ihre Personalräume. "Manch einer vom Personal hat zwei Wochen lang in der Badewanne geschlafen", erinnert sich Holzapfel schmunzelnd. Block und Stift, Diktiergerät und Schreibmaschine bestimmten den Arbeitsalltag bis spät in die Nacht. "Zum Schluss kamen alle ein wenig in Zeitdruck", erinnert sich Holzapfel an die letzten Tage, in denen die Ausarbeitung des Abschlussberichtes, der "Blaupause" für das Grundgesetz, anstand. "Ich denke gerne an diese Tage zurück. Es waren bedeutende Stunden für die Zukunft unseres Landes. Ich freue mich, dass ich die Erinnerung so lange bewahren und wachhalten konnte", betont der Pittenharter.

Heute ist der 86-Jährige ein gefragter Zeitzeuge - bei Historikern, bei Auftritten vor Schulklassen oder als Redner bei Veranstaltungen zum Jubiläum des Konvents und des Grundgesetzes. Denn aus der Zeit des verfassungsrechtlichen Neubeginns, die mit großen Namen wie jenem von Anton Pfeiffer (CSU), dem damaligen Leiter der bayerischen Staatskanzlei und engagierten Vertreter einer weitgehenden Eigenstaatlichkeit der Länder, und dem SPD-Rechtspolitiker Carlo Schmid verbunden ist, kann nur noch Holzapfel persönlich berichten.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

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