VHS Prien: Deutsch fürs Leben

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Im Dialog lernen sie mit kleinen Kärtchen in der Hand bei der VHS die Feinheiten der deutschen Sprache: Damir aus Kroatien, Liubov aus Russland, Radu aus Rumänien, Kimberlee aus Jamaica, Emily aus Kenia und Linda aus dem Kosovo (von links).

Prien -  Integration - ein Wort, das ständig durch die Nachrichten und die Köpfe geistert. In der Priener VHS kann man sehen, dass es durchaus nicht an Wille mangelt, wie einige behaupten.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Chiemgau-Zeitung:

Deutsch fürs Leben

Spätestens mit Thilo Sarrazin und seinen Thesen hat die Integrationsdebatte in Deutschland wieder Fahrt aufgenommen. In Prien forderte jüngst der CSU-Vorsitzende Andreas Becker eine offene Debatte über die mangelnde Bereitschaft vieler Ausländer, sich zu integrieren. Aber es gibt auch die positiven Beispiele, wie ein Besuch beim Integrationskurs der Volkshochschule beweist.

"Egal, wo man lebt - man muss die Sprache können." Für die junge Türkin im Seminarraum der VHS ist das eine Selbstverständlichkeit. Sie folgte vor wenigen Jahren ihrem Mann nach Deutschland, der hier eine Firma hat. Ihr fallen spontan mehrere gute Gründe aus dem Alltag ein, warum sie freiwillig beim Integrationskurs an der VHS an drei Vormittagen pro Woche die Schulbank drückt, zum Beispiel "wenn ich mit meinen beiden Kindern zum Arzt muss oder ihnen bei den Hausaufgaben helfen will".

Die Türkin ist eine von 15 Teilnehmern des mittlerweile dritten Kurses dieser Art in Prien. Sie kommen aus aller Herren Ländern - aus Singapur, China, Kenia, Rumänien, Russland oder Jamaica. Ein Teil muss den Kurs machen, um dauerhaft in Deutschland bleiben zu dürfen, aber über die Hälfte der Teilnehmer hat sich freiwillig angemeldet.

Dass Deutsch keine leichte Sprache ist, bestreitet im Gespräch mit der Redaktion keiner der Kursteilnehmer im Alter zwischen 24 und 50 Jahren. Genauso einmütig berichten sie auch darüber, wie freundlich und offen sie in Prien und anderen Orten in der Umgebung aufgenommen worden sind. Die einen sind erst vier Monate hier, andere schon mehrere Jahre.

"Ich brauche den Kurs, denn ich will hier studieren und arbeiten", erklärt eine junge Russin ihre Motivation. Sie ist ihrem "Traummann" an den Chiemsee gefolgt. Auch ein junger Mann aus Kroatien lernt bei der VHS die Sprache, um beruflich bessere Perspektiven zu haben. Ein Rumäne sucht für sich und seine junge Familie eine bessere Zukunft. Schnell die Sprache der neuen Heimat zu lernen ist für ihn ein erster wesentlicher Schritt, diesen Traum wahr werden zu lassen. "Ich will die Leute verstehen", sagt er - wie die meisten anderen Kursteilnehmer schon in gutem Deutsch, das sie sich seit September vergangenen Jahres angeeignet haben.

Das ist ein Verdienst von Beatrix Eglinger und zwei weiteren Lehrerinnen, die sich den Unterricht teilen. Damit sie den Neubürgern die Sprache beibringen dürfen, brauchen sie eine besondere Genehmigung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

"Absurd hoher Verwaltungsaufwand"

Überhaupt sind die bürokratischen Voraussetzungen für solche Integrationskurse sehr komplex, berichtet VHS-Vorsitzender Rudi Eberhardt. Trotz des "absurd hohen" Verwaltungsaufwands und vergleichsweise hoher Kosten - erst ab zehn Teilnehmern kann ein solcher Kurs kostendeckend durchgeführt werden - herrscht in der Vorstandschaft Einigkeit darüber, dass dieses Angebot "ein wichtiger und notwendiger Beitrag zur Gesellschaftspolitik" ist und deshalb weitergeführt werden soll. Demnächst beginnt in Prien der vierte VHS-Kurs dieser Art.

Sie bedürfen langwieriger und umfangreicher Vorbereitung. So dauert es Eberhardt zufolge schon drei Monate, bis Teilnahmeanträge vom BAMF bearbeitet werden. Zuvor müssen die Interessenten umfangreiche Unterlagen vorlegen. Weil sie die zu einer Zeit beschaffen müssen, wo sie noch nicht oder kaum Deutsch können, werden sie dabei vom Jugendmigrationsdienst des Katholischen Jugendsozialwerks und von der Migrationsberatung der Diakonie unterstützt.

Vor dem Start des derzeit laufenden Kurs gab es zwischendurch sogar eine dreimonatige Sperrfrist, weil Eberhardt zufolge die notwendigen Mittel nicht zur Verfügung standen. "Die VHS Chiemsee musste daher vier Teilnehmer wieder nachhause schicken. Die finanziell tragbare Durchführung war gefährdet. Wir entschlossen uns trotzdem, den Kurs zu beginnen." Weil die Gelder meist mit Verzögerung fließen, muss die VHS die Kosten vorfinanzieren - mehrere tausend Euro im Monat.

Es scheint sich auch beim dritten Kurs dieser Art auszuzahlen. Die Teilnehmer sind auf dem besten Weg, die Abschlussprüfung zu bestehen und so eine entscheidende Voraussetzung zur Einbürgerung in der Tasche zu haben.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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