Wer menschlich pflegt, zahlt drauf

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Prien - Der Diakonieverein hat 2011 mächtig draufgezahlt. Die Pflegeleistungen, die von Kassen vorgegeben und bezahlt werden, reichen für eine humane Pflege einfach nicht aus.

50.000 Euro hat allein der Diakonieverein Prien im vergangenen Jahr draufgezahlt, um das Defizit der ökumenischen Sozialstation zu decken. Denn die streng limitierten Zeiten für einzelne Pflegeleistungen, die von Kassen vorgegeben und bezahlt werden, reichen nicht aus, Patienten nach ihren tatsächlichen Bedürfnissen auf humane Art zu pflegen.

Höchstens sechs Minuten sieht das Sozialgesetzbuch für eine Spritze vor, 3,66 Euro bekommt die Sozialstation dafür. In Wirklichkeit sind nach den Worten von Hans-Jürgen Schuster zehn bis 15 Minuten nötig, "um es einigermaßen menschlich zu machen" - inklusive der ausufernden Dokumentation, die nach Angaben von Susanna da Rugna, einer der beiden Leiterinnen der Sozialstation, inzwischen ein Drittel der Zeit in Anspruch nimmt.

Einen Wundverband zu wechseln, darf per Gesetz maximal sieben Minuten dauern, laut Schuster sind es in Wirklichkeit 15 bis 20 Minuten. Die Kasse des Patienten zahlt 4,35 Euro. Mit solchen Zahlen dokumentierte der Vorsitzende bei der Jahreshauptversammlung des 259 Mitglieder zählenden Diakonievereins im evangelischen Gemeindesaal eindrücklich die Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit in der ambulanten häuslichen Pflege.

Beispielhaft schilderte er einen zurückliegenden Pflegefall von der Fraueninsel, wobei der zeitliche Aufwand der Schiffsfahrten hin und zurück für die Mitarbeiter der Sozialstation nicht angerechnet werden darf. Für dreimal wöchentliches Waschen und Wechseln von Verbänden zahlte die Kasse 20,86 Euro pro Woche. Tatsächlich hätte die Pflege aber wöchentlich 70 Euro gekostet. Also lief Woche für Woche ein Defizit von etwa 50 Euro auf. "Sie können das nie profitabel machen", fasste Schuster zusammen.

Auch da Rugna machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube. "Frustrierend" sei es, wenn sie sich mit einer Krankenkasse "manchmal wegen vier Euro" streiten müsse. Allgemeinarzt Dr. Otto Steiner gab ihr recht: "Die Kassen könnten manchmal ruhig etwas großzügiger sein", zumal die Folge unzureichender Pflege oft lange und teure Krankenhausaufenthalte seien.

Die ökumenische Sozialstation, die 1980 gegründet wurde, betreut von ihrer Zentrale in der Schulstraße aus derzeit rund 100 Patienten im Einzugsbereich von Eggstätt bis Wildenwart. Neun Touren fahren die Mitarbeiter jeden Vormittag, viele von ihnen sind in Teilzeit beschäftigt, um flexibel zu sein und den Wünschen gerecht zu werden, die meist auf Betreuung am frühen Vormittag abzielen. 500000 bis 600000 Euro Umsatz erzielt die gemeinsame Einrichtung von Diakonie und Caritas im Jahr - und sie macht Schuster zufolge wegen der Diskrepanz zwischen festgelegten Sätzen für jede einzelne Leistung und dem tatsächlichen Bedarf jedes Jahr ein Defizit zwischen 25000 und 50000 Euro. Ausgeglichen werden muss es in erster Linie über Mitgliedsbeiträge (beim Diakonieverein 20 Euro pro Jahr) und Spenden.

Dass dies inzwischen offensichtlich immer öfter nicht mehr ausreicht, wurde beim Kassenbericht von Lydia Loos deutlich. Um das Minus aus 2011 aufzufangen, wurde auch ein Sparbrief aufgelöst. Und auch für heuer kündigte Schuster bei der Vorstellung des Haushaltsplans an: "Wir werden einen Sparbrief über 20000 Euro auflösen müssen, um den Haushalt ausgleichen zu können."

Loos warb eindringlich bei der Versammlungsteilnehmer dafür, neue Mitglieder zu werben. Deren Zahl war zwar im vergangenen Jahr relativ stabil, aber in Rimsting hat sie sich halbiert, hat die Schatzmeisterin festgestellt.

Angesichts des finanziellen Aderlasses schlug der frühere Vereinsvorsitzende Erwin Mrotzek vor, es den Diakoniemitarbeitern gleivchzutun, die vor Wochen in Nürnberg gegen die Zustände in der Pflege protestiert hatten. "Wenn wir zur Politik gehen, passiert gar nichts, wir müssen auf die Straße gehen", forderte Mrotzek. Da Rugna wünscht sich einen Schulterschluss der Anbieter ambulanter Pflege. "Das Problem ist, das alle machen, was der medizinische Dienst verlangt."

Die Leistungen von Sozialstation und Diakonieverein nötigten Zweiter Bürgermeisterin Renate Hof höchsten Respekt und ein "herzliches Vergelt's Gott" ab. Wenn mehr Leute wüssten, was die Sozialstation leiste, "müssten die Sammelergebnisse in die Höhe schnellen", spielte sie auf die regelmäßigen Sammelaktionen an.

Andere Themen spielten in der Versammlung nur Nebenrollen. Peter Selensky, Vorsitzender des Diakonievereins Rosenheim und Geschäftsführer der Priener Sozialstation, berichtete, dass Stephanie Staiger, seit 2009 Ansprechpartnerin für "Betreutes Wohnen daheim" und bisher einzige zertifizierte Wohnberaterin im Landkreis, im vergangenen Jahr gut 50 Klienten beraten habe, die Hälfte davon über 80-jährige.

Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth informierte, das die seit Herbst 2011 vakante Stelle der Jugenddiakonin seit Mitte März mit einer Grundschullherinen besetzt ist - allerdings vorerst nur befristet bis zum Sommer.

Wackerbarth warb abschließend für den ökumenischen Inseltag aller Kirchengemeinden rund um den Chiemsee am Pfingstmontag, 28. Mai, auf Frauenchiemsee, in dessen Verlauf auch eine Podiumsdiskussion über "Visionen für eine neue Kirche" stattfuinden wird - unter anderem mti AloisGlück als Präsident des Zentrrealkomitees der Katholiken.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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