"Ein Hausarztvertrag für alle Patienten"

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Dr. Melanie Kretschmar-Klein und Dr. Martin Metz sind zwei der Sprecher des "Hausärztekreises Traunstein".

Seebruck - Die AOK habe, wie es in einem Schreiben heißt, den Hausarztvertrag aber kündigen "müssen", weil die Ärzte den Ausstieg aus dem gesetzlichen Kassensystem betrieben hätten.

"Der AOK-Hausarzttarif war eine Erfolgsgeschichte": So heißt es in einem Hochglanz-Flyer, den die Krankenkasse in diesen Tagen an alle ihre Versicherten verschickt hat. Darüber herrscht Einigkeit zwischen der AOK und den Hausärzten, die bei einem Pressegespräch im "Hafenrestaurant" in Seebruck über die aktuelle Situation informierten. Die Ärzte würden nichts lieber wollen, als wieder dorthin zurückzukehren. Aber: Die AOK habe, wie es in besagtem Schreiben heißt, den Hausarztvertrag kündigen "müssen", weil die Ärzte den Ausstieg aus dem gesetzlichen Kassensystem betrieben hätten.

Dies wird nun von den Medizinern etwas anders dargestellt. Dr. Wolfgang Lang aus Ruhpolding schilderte den Hergang. "Problemlos und gut" habe sich auf der Basis der Hausarztverträge arbeiten lassen, sagte er. Damals sei den Hausärzten pro Patient und Vierteljahr von der AOK aus dem Gesundheitsfonds bis zu maximal 85 Euro gezahlt worden. Die anderen Versicherungen schlossen sich weitgehend diesem Hausarzt-Vertragsmodell an, zahlten allerdings um neun Euro weniger.

MdL Klaus Steiner und Gesundheitsminister Markus Söder (von links) in Wildbad Kreuth.

Und dann kam der Vorgang, der den Ärzten heute noch die Zornesröte ins Gesicht treibt. Dr. Lang: "Dann hat die AOK gesagt, wir wollen auch neun Euro weniger zahlen. Und sie hat uns dann einfach von einem Tag auf den anderen dieses Geld abgezogen, das uns aufgrund der Verträge zugestanden wäre." Bayernweit hätten die Ärzte damit, praktisch ohne Vorankündigung, 38 Millionen Euro weniger verdient - und das "auch noch rückwirkend", wie Dr. Bernd Bjarsch aus Seeon ergänzte. Und Dr. Ernst Schraube fügte an, dass diese Summe etwa 15 Prozent des Gesamtvolumens betrage.

Die Ärzte hätten daraufhin der AOK angeboten, tatsächlich auf die neun Euro zu verzichten, unter der Voraussetzung, dass die AOK mit den Ärzten einen Vertrag abschließt, der - wie in Baden-Württemberg - bis zum Jahr 2015 gültig bleibt. Damit wollten die Ärzte Planungssicherheit erreichen. Aber, so Dr. Lang in seiner Schilderung des Hergangs: "Die AOK hat auf das Angebot nicht reagiert, es gab keine Verhandlungen."

Daraufhin entwickelte sich in der Ärzteschaft, die ja nicht streiken darf, die Idee, aus dem gesetzlichen Kassensystem auszusteigen, um damit die Möglichkeit zu bekommen, "auf Augenhöhe" mit den Kassen zu verhandeln. Dieser Ausstieg beziehungsweise Umstieg in ein geändertes System wurde aber von der Mehrheit der Ärzte abgelehnt, woraufhin die Kassen trotzdem ihrerseits den Hausarztvertrag fristlos gekündigt haben. Und seitdem herrsche weitgehend Funkstille. Mittlerweile bekommen die Ärzte jetzt pro Patient und Vierteljahr eine deutlich reduzierte Pauschale gegenüber den ursprünglichen Hausarztvertragszeiten.

Dabei wären die Ärzte, wie immer wieder betont wurde, auch mit der reduzierten Summe von 76 Euro durchaus zufrieden. Vor allem gehe es einfach um Planungssicherheit, um eine Perspektive für die Zukunft, nicht zuletzt darum, Hausarztpraxen finanziell so auszustatten, dass sich für die jetzt 130 Ärzte im Landkreis, von denen 25 Prozent über 60 Jahre alt sind, auch Nachfolger finden lassen. Denn mit der jetzt gezahlten Pauschale müsse daran gedacht werden, Personal abzubauen, auch die Bereitschaft zur Ausbildung von Azubis nehme dadurch deutlich ab.

Dr. Martin Metz aus Übersee ist einer der Sprecher der losen Vereinigung der Hausärzte im Landkreis, die sich "Hausärztekreis Traunstein" nennt. Er stellte fest: "Wir sitzen nicht hier, um zu jammern. Es geht allein um die Frage, wie jetzt und in den nächsten zehn Jahren die hausärztliche Versorgung auf dem Land sichergestellt werden kann. Wir wollen dafür sorgen, dass die Patienten, die uns sehr ans Herz gewachsen sind - und denen auch wir sehr ans Herz gewachsen sind - weiter betreut und versorgt werden können, auch von unseren Nachfolgern. Darum kämpfen wir im Augenblick."

Dr. Melanie Kretschmar-Klein aus Traunstein nahm den Faden auf: "Wir sind 365 Tage und 24 Stunden pro Tag erreichbar. Wir machen auch Hausbesuche, ob bei Regen, Wind oder Schnee - und das machen wir alle gerne. Die ganze Familie wird von uns betreut, vom Säugling bis zur Großmutter, vor allem auf dem Land."

Auch die Palliativversorgung schwerstkranker und sterbender Menschen sowie die Behandlung chronischer Schmerzpatienten gehöre mehr und mehr zum Aufgabenspektrum der Ärzte, wie auch die Begleitung von Familien in ihrer Trauer. "Wir bleiben nicht stehen in unseren Leistungen", betonte Dr. Kretschmar-Klein. Von daher hätten die Patienten Vertrauen zu ihren Hausärzten und das lasse sich auch durch die jetzige Situation nicht erschüttern. So seien zahlreiche Patienten bereit, die von den Ärzten vorformulierten Schreiben an die AOK zu schicken. In der Praxis von Dr. Lang beispielsweise hätten dies schon an die 150 Patienten getan.

Dies sei ein kleiner Schritt, Druck auf die AOK aufzubauen, nachdem vonseiten der Versicherung derzeit nach wie vor keine erkennbare Bereitschaft zum Verhandeln bestehe. Enttäuscht sind die Ärzte auch über Gesundheitsminister Markus Söder: Er solle jetzt doch zu seinem Wort stehen, sagte Dr. Kretschmar-Klein, das er einmal geäußert habe, nämlich: dass der Erhalt der hausärztlichen Versorgung wichtig sei. "Im Moment tut er allerdings alles dagegen."

Dennoch bemühen sich die Hausärzte auf allen Ebenen, auch im Landkreis Traunstein, den Kontakt mit der Politik zu halten und zu verstärken. So habe der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner, von den Ärzten schon mehrfach kontaktiert, bei der Klausurtagung der Landtags-CSU in Wildbad Kreuth, wie er in einer Pressemitteilung versicherte, mit Gesundheitsminister Dr. Markus Söder über die Zukunft der hausärztlichen Versorgung diskutiert und die Sorgen der Hausärzte herausgestellt. Dies sei besonders auch auf eine Bitte der Traunsteiner Hausärzte hin geschehen. Dabei habe Söder betont, dass es jetzt kurzfristig darum gehe, für die Hausärzte wieder eine "stabile und faire Gesprächsgrundlage" mit den Kassen herzustellen, um zu neuen Verträgen zu kommen.

Das wäre genau das, was die Ärzte wollen. Dabei betonen sie immer wieder, dass es nicht zuletzt auch wesentlich darum geht, Hausarztpraxen eine Grundlage zu geben, die auch für junge Ärzte interessant und wirtschaftlich darstellbar sei. Beispielsweise haben in der Stadt Traunstein, wie es hieß, bereits zwei Hausärzte aufgehört, ohne Nachfolger zu finden. Dr. Metz: "Derzeit wollen junge Ärzte so eine Praxis nicht mal geschenkt."

Und damit ist noch eine andere Thematik verbunden. Die niedergelassenen Ärzte haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld für ihre Praxen gezahlt und die dafür aufgenommenen Kredite vielfach noch nicht abgezahlt. Ein Verkauf ihrer Praxis ist für viele ein wichtiges Stück Vorsorge fürs Alter, die in der aktuellen Situation aber nicht realisierbar scheint.

Eine positive Auswirkung der jetzigen Situation, so Dr. Rainer Kardatzki aus Altenmarkt am Schluss des Gesprächs, liege darin, dass die Hausärzte im Landkreis "in den letzten Jahren zusammengewachsen" seien wie noch nie. Dr. Bjarsch: "Unser mittelfristiges Ziel ist ein einheitlicher Hausarztvertrag für alle Patienten mit allen Kassen."

Chiemgau-Zeitung

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