Das Ende eines Gaunerstücks

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Sitzt jetzt in Bielefeld im Gefängnis: Ulrich C. (58), Gründer und Ex-Seniorchef der Akzenta AG.

Neubeuern (OVB) - Seit über zwei Monaten handelt es sich bei drei ehemaligen Bossen der Firma Akzenta aus Neubeuern um eine rechtskräftig verurteilte Betrügerbande. **Dossier Aktzenta**

Umso größer war die Verwunderung im Ort darüber, dass die verurteilten Männer in der Firmenzentrale weiter ein- und ausgingen. Auch von fröhlichen Partys wurde berichtet. Doch damit ist jetzt Schluss. Zwei Ex-Chefs haben ihre Haft angetreten, bei einem dritten früheren Vorstandsmitglied wird die Haftfähigkeit aufgrund einer Krankheit noch geprüft.

Dossier Akzenta

Den 58-jährigen Ex-Seniorchef Ulrich C., Gründer der mittlerweile insolventen Akzenta und Erfinder des Geschäftsmodells, wird man in Neubeuern so schnell nicht wieder sehen - ebenso wie seinen Sohn Alexander (31). Der Vater sitzt auf eigenen Wunsch in Bielefeld im Gefängnis, Alexander C. verbüßt seine Strafe in Landsberg am Lech - das letzte Kapitel eines langen Gaunerstücks.

Finanzmagazine hatten schon kurz nach der Akzenta-Gründung im Jahr 2002 vor den Angeboten des Unternehmens gewarnt. Im Frühjahr 2006 platzte dann die Zeitbombe: Bei einer Großrazzia wurden vier Vorstände festgenommen, Aktenberge beschlagnahmt und das Firmenvermögen eingefroren.

Was jetzt aus der prachtvollen und weiterhin gut gepflegten Firmenzentrale in Neubeuern wird, ist noch offen.

Nach einem Marathon-Verfahren fällte das Landgericht München II weitere zwei Jahre später das Urteil: Im August 2008 verhängten die Richter gegen das Quartett Haftstrafen wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs: Sechs Jahre und neun Monate Gefängnis für Ulrich C., je fünf Jahre für Alexander C. und Oliver B. (44) - nur Christian C. (27), ein weiterer Sohn des Seniorchefs und Drahtziehers, kam mit Bewährung davon. Mit dem Verkauf dubioser Umsatzbeteiligungen seien Schäden in zweistelliger Millionenhöhe verursacht worden, dabei hätten sich die Angeklagten viel Geld zu Unrecht in die eigenen Taschen gesteckt, so die Überzeugung des Gerichts. Ein Urteil, das wiederum erst ein Jahr später Rechtskraft erlangte, als der Bundesgerichtshof (BGH) im August 2009 den Antrag der Ex-Vorstände auf Neuverhandlung als unbegründet zurückwies.

So haben Ulrich und Alexander C. ihre teuren Nadelstreifenanzüge schon abgelegt. Wann auch Oliver B. Sträflingskleidung tragen wird, konnte Eduard Mayer, Leiter der auf Wirtschaftsdelikte spezialisierten Staatsanwaltschaft München II, gestern im Gespräch mit unserer Zeitung nicht sagen. B. klage über gesundheitliche Probleme, die Haftfähigkeit werde derzeit geprüft.

Das ist aber nicht die einzige offene Frage im Akzenta-Desaster. Während Ulrich C. vor dem Haftantritt der Vorladung des Obergerichtsvollziehers folgte und seine Zahlungsunfähigkeit erklärte (früher hieß es: den Offenbarungseid schwor), zeichnet sich ab, dass sich das Insolvenzverfahren über Jahre hinziehen wird. Betroffen sind rund 30.000 Anleger in ganz Europa, von Kleinsparern in der Region, in Südtirol oder im Elsass bis zu Vermögenden in Liechtenstein.

Der Münchner Insolvenzverwalter Axel W. Bierbach hat inzwischen alle Forderungen "eingesammelt". Eine Vollversammlung der Akzenta-Opfer wird am 8. Dezember in Rosenheim stattfinden. Auf welchen Anteil aus der Insolvenzmasse die Gläubiger hoffen dürfen, weiß derzeit niemand.

Rätselraten herrscht auch weiterhin im Neubeurer Rathaus bezüglich einer drohenden Rückabwicklung von Steuern, die von der Akzenta an die Marktgemeinde gezahlt worden sind. Ob und wieviel Geld die Gemeinde Neubeuern wieder herausrücken muss, ist eine weitere unbeantwortete Frage. Pläne für eine künftige Nutzung des Firmengeländes gibt es noch nicht. Die im Toskana-Stil gebaute Traumvilla von Ulrich C. im Ortskern wird derzeit im Internet zum Verkauf angeboten.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

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