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Prien - Der Elektriker paukt mit einem Neuntklassler Mathe, die Ärztin fährt mit ihrem Schützling zum Vorstellungsgespräch und die Architektin übt Bügeln mit einer werdenden Hauswirtschafterin.

Solche Szenen stecken hinter dem Patenprojekt "Jugend in Arbeit". Derzeit kümmern sich 20 erfahrene Ruheständler um Schüler aus Prien und Umgebung. Diese Art der Unterstützung ist gefragter denn je.

Vor drei Jahren hatte der ehemalige Priener Bürgermeister Lorenz Kollmannsberger die Idee. Als langjähriger Vorsitzender der "Rosenheimer Aktion für das Leben", die seit über 20 Jahren Eltern und ihren Kindern in sozialer und wirtschaftlicher Not Hilfe anbietet, wusste er um die Probleme mancher junger Leute. Es ging ihm um Jugendliche, die zumeist ohne eigenes Verschulden aufgrund ihrer schwierigen familiären Situation oder anderer Probleme im Umfeld Gefahr laufen, den Sprung von der Schule ins Berufsleben nicht zu schaffen und sozusagen auf der Strecke zu bleiben.

Im Februar 2007 wurde das Patenprojekt in der Franziska-Hager-Hauptschule aus der Taufe gehoben. Drei Mitarbeiterinnen kümmern sich heute darum, Patenschaften zu schaffen und zu begleiten. Finanziell getragen wird das landkreisweite Projekt von der Sparkassenstiftung Zukunft für den Landkreis Rosenheim.

Kollmannsbergers unzählige Kontakte sind sicher ein Grund dafür, dass gerade in Prien um Umgebung überdurchschnittlich viele Patenschafts-Paare zusammengefunden haben. Über 40 sind es im Sprengel der Franziska-Hager-Hauptschule zwischen Eggstätt und Aschau seit dem Start Anfang 2007. Zurzeit kümmern sich 20 Paten um ebenso viele Jugendliche.

Schulsozialarbeiterin Maren Welkener kennt die möglichen Kandidaten in der Schülerschaft und Cornelia Berchtenbreiter, Mitarbeiterin der ersten Stunde beim Patenprojekt, fädelt die Kontakte ein. Nur wenn der Schüler selbst bereit ist, Hilfe anzunehmen, wird ein passender Pate gesucht. In einem ausführlichen Aufnahmegespräch lotet Berchtenbreiter die spezifischen Probleme der jungen Leute aus und sucht einen passenden Paten. Diese sieht sie als "freundschaftliche Begleiter, die den Jugendlichen den Schubs in die richtige Richtung geben".

Es sind Ruheständler quer durch alle Berufe, die sich in den Dienst der guten Sache stellen - vom Architekten bis zum Maler, vom Arzt bis zum Elektriker und dem Baggerfahrer. Mit einem ungezwungenen Kennenlern-Gespräch, bei dem der gemeinsame Weg vorgezeichnet wird, bereitet die Paten-Betreuerin den Boden. Die Paten und ihre Schützlinge treffen sich dann in der Regel einmal wöchentlich.

Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erzählt Berchtenbreiter beispielsweise von der Architektin, die einem Waisenmädchen mit großen schulischen Defiziten durch gemeinsames Lernen zunächst zu einem Hauptschulabschluss verholfen hat. Auf dem Berufsweg zur Hauswirtschafterin übte die Patin bei sich zuhause mit ihrem Schützling Kochen, Bügeln und einiges mehr. Heute hat die Waise eine Lehrstelle in einem Seniorenheim.

Ein 15-Jähriger mit Migrationshintergrund schaffte dank einer Patin die Mittlere Reife. Auch zwischenzeitliche familiäre Probleme überstand der junge Mann dank der Hilfe seiner Patin und der Betreuerin der "Jungen Arbeit". Innerhalb weniger Monate packte er den "Quali" und die Mittlere Reife. Der Lohn für alle Beteiligten war eine Lehrstelle als Bürokaufmann. Meistens endet die Patenschaft, wenn der Schützling nach einigen Monaten im Berufsleben Fuß gefasst hat. Viele halten aber auch danach noch Kontakt.

Natürlich verlaufen nicht alle Patenschaften programmgemäß. Aber im Zusammenspiel aller Beteiligten kann das Projekt nach knapp drei Jahren eine beachtliche Erfolgsquote von 70 Prozent vorweisen.

Die Paten werden mit den Herausforderungen ihrer Aufgabe nicht allein gelassen. Fünfmal im Jahr trifft sich die Priener Regionalgruppe unter der Leitung von Berchtenbreiter zum Erfahrungsaustausch, genau so oft werden Fortbildungsveranstaltungen angeboten, um den Ehrenamtlichen zusätzliche "Werkzeuge" an die Hand zu geben.

Momentan gibt es laut Berchtenbreiter in Prien und Umgebung einige Jugendliche, die Hilfe brauchen könnten. Aber es gibt nicht genug Paten. Interessenten können sich bei der Betreuerin unter Telefon 0151/51421719 oder per Mail an cb@junge-arbeit-rosenheim.de melden.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Rubriklistenbild: © pa

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