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Urteil

Salafistenprediger Sven Lau muss fünfeineinhalb Jahre in Haft

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Falsch beraten – Geld zurück

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Traunstein/Chiemgau - Eigentlich wollte ein Ehepaar aus dem Chiemgau nur seine Versicherungsverträge überprüfen lassen. Am Ende hatte das Paar sämtliche Ersparnisse in den Sand gesetzt.

Hilfe gab es jetzt vor Gericht.

Der Kauf einer Eigentumswoh-nung war das Ziel eines Ehepaars aus dem Chiemgau. Als ein Finanzberater im Mai 2006 die Unterlagen des Paares überprüfte, hatte er einen Rat: Sie sollten ihre Lebensversicherungen kündigen und das Geld bis zum Wohnungskauf in einen Prozesskostenfonds investieren

Die Idee für solche Fonds stammt aus den USA: Die Finanzierung von Rechtsstreitigkeiten gegen Erfolgsbeteiligung. Wer einen Prozess vor Gericht führt, braucht Geld für Anwälte, Sachverständige und Gebühren. Viele Privatpersonen können sich deshalb einen Rechtsstreit gar nicht leisten. Hier soll der Prozesskostenfonds einspringen. Er finanziert Prozesse mit einer hohen Gewinnaussicht und wird – im Erfolgsfall – am Ergebnis beteiligt. Diese Beteiligung soll auf die Anleger des Fonds umgelegt werden

Das Risiko eines solchen Fonds ist hoch: Geld gibt es nur im Erfolgsfall. Die Anlage gilt deshalb als hochspekulativ. Die Zeitschrift „Finanztest“ warnte bereits Anfang 2006 vor diesem Geschäftsmodell. Anleger könnten ihr Geld komplett verlieren, so die Finanzexperten der Stiftung Warentest schließlich Anfang 2007.

Von dieser Einschätzung erzählte der Finanzberater dem Chiemgauer Ehepaar freilich nichts. Die beiden hatten ihr Geld bislang nur in Lebensversicherungen und Bausparverträgen angelegt. Mit Aktien oder Fonds hatten sie überhaupt keine Erfahrung – dafür vertrauten sie ihrem Berater. „Wir haben an seinen Aussagen nicht gezweifelt,“ so der Ehemann.

51000 Euro investiert

So investierte das Paar am Ende nicht nur das Geld aus den Versicherungen, sondern auch einen ausbezahlten Erbteil in zwei solche Fonds – insgesamt 51 000 Euro. Erst zwei Jahre später erfuhr das Ehepaar, dass sie sämtliche Ersparnisse in eine hochspekulative Anlage gesteckt hatten, bei der ein Totalverlust möglich ist. Mittlerweile mussten die Fonds - gesellschaften selbst Probleme einräumen. Der Vorstand einer Fondsgesellschaft wurde abgelöst, transferierte vorher aber offenbar noch Millionen in die Schweiz. Er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Manche dieser Fonds haben nie Einnahmen erwirtschaftet.

Der Ehemann aus dem Chiemgau fühlte sich falsch beraten und zog deshalb vor das Landgericht Traunstein. Er wollte eine Rückabwicklung der Beteiligung. Der Berater habe ihm gegenüber erklärt, die Anlage in einen Prozesskostenfonds sei nicht risikoreicher als das Geld zur Sparkasse zur bringen und die Risikobeschreibung sei nur eine Formsache. „Es sagte mir, ich soll den Emissionsprospekt nicht lesen, das würde mich nur grundlos verunsichern“, so der Kläger. Es versicherte, er hätte nie in die Fonds investiert, wenn er um das hohe Risiko gewusst hätte.

Der Berater erklärte vor Gericht, er habe ordnungsgemäß über die Risiken informiert und verwies auf ein unterschriebenes Protokoll und eigene Aufzeichnungen.

Auch habe der Kläger um das Risiko wissen müssen. Das Gericht schlug sich allerdings auf die Seite des Klägers. Eine Beratung muss demnach dem Wissensstand, der Risikobereitschaft und dem Anlageziel des jeweiligen Kunden gerecht werden. Diese Grundsätze sah die Richterin hier verletzt. Der Berater habe gewusst, dass das Ehepaar eine Eigentumswohnung kaufen wollte und bislang nur in sehr sichere Formen investiert habe. Diese fehlende Risikobereitschaft habe der Berater nicht berücksichtigt. Eine fachgerechte Beratung müsse auch auf das individuelle Wissen des Kunden ausgelegt sein. Dies sei hier nicht der Fall, weil das Ehepaar keinerlei Erfahrungen mit Aktien oder unternehmerischen Beteiligungen gehabt habe. Zudem hatte das Gericht massive Zweifel, ob der Berater die Risiken richtig dargestellt habe. Er reiche nicht aus, allge- mein auf das Risiko eines Totalverlustes hinzuweisen.

Für den Berater ist das Urteil doppelt bitter: Er muss den Klägern den gesamten Anlagebetrag plus Zinsen zurückzahlen und erhält dafür die Fondsanteile, die wohl wertlos sind. Ob das Ehepaar tatsächlich sein Geld wiedersieht, ist aber noch offen. Der Berater hat mittlerweile Berufung eingelegt.

Die Siegsdorfer Rechtsanwältin Isabell Gabl, die den Kläger vertreten hat, weiß, dass derartige Fonds im Chiemgau fleißig vertrieben wurden. Ihr sind gleich mehrere ähnlich gelagerte Fälle bekannt. Derzeit bereitet sie die nächste Klage vor.

Klaus Kuhn/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © pa

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