Fast 180 Haushalte heuer Tafelkunden

Prien/Bad Endorf - Fast 180 Haushalte aus haben heuer schon das Angebot der "Chiemgauer Tafel" in Anspruch genommen. Klaus Stöttner (CSU) half nun bei einer Ausgabe mit.

In der "Alten Post" und in Bad Endorf werden jeden Freitag zum symbolischen Preis von einem Euro Pakete mit gespendeten Lebensmitteln an Bedürftige verteilt.

Bei der Ausgabe im Caritas-Zentrum Prien packte jetzt CSU-MdL Klaus Stöttner mit an, um sich selbst ein Bild zu machen. "Rollentausch" nennt sich die bayernweite Aktion von Wohlfahrtsverbänden, in der Politiker die Perspektive wechseln. Für den Landtagsabgeordneten hieß das: Semmeln, Brot, Käse, Nudeln und andere Lebensmittel des täglichen Bedarfs an Menschen auszugeben, denen schlicht das Geld nicht reicht, um über die Runden zu kommen.

Davon gibt es auch in und um Prien nicht wenige, obwohl Stöttner die Vorbehalte aus seiner politischen Arbeit kennt. Kollegen aus der strukturschwachen Oberpfalz sprechen da schon mal über die "reichen Oberbayern", erzählt Stöttner nach der Essensausgabe im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

Auch ihn machen die Zahlen nachdenklich, mit denen die Priener Caritas-Leiterin Regina Seipel und Tafel-Organisatorin Andrea Büttner aufwarten. Derzeit versorgen die unentgeltlichen Spenden von Lebensmittelläden und Bäckereien 170 Personen in 110 Haushalten. Die Zahl schwankt im Jahresverlauf, ein Teil der Tafelkunden greift nur über einen begrenzten Zeitraum in einer akuten Notlage auf das Angebot zurück, zum Beispiel bei vorübergehender Arbeitslosigkeit.

Fester Stamm von Bedürftigen

Aber es gibt auch einen festen Stamm Bedürftiger, von denen wiederum einige seit Start der Tafel vor bald acht Jahren jeden Freitag kommen. Bei 26 Kunden reicht laut Büttner trotz Beruf das - oft sehr niedrige - Einkommen nicht aus, um sich und eine Familie zu ernähren. Darunter sind zum Beispiel Alleinerziehende, die nur Teilzeit arbeiten können.

Nicht wenige sind zusätzlich zum Niedriglohn auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Auch hier hilft die Caritas, die sich dank zahlreicher Spenden auch in Prien noch eine allgemeine soziale Beratung leisten kann und mit ihrem Landkreis weiten Netzwerk auf viele Spezialisten für individuelle Problemstellungen zugreifen kann, wie Kreisgeschäftsführer Erwin Lehmann berichtet. Ein Antrag auf ALG II umfasst Seipel zufolge 40 Seiten. Viele sind da bürokratisch ohne Hilfe schlichtweg überfordert.

71 Priener Tafelkunden sind Rentner, deren Altersbezüge so gering sind, dass sie ohne zusätzliche Hilfen nicht über die Runden kommen können.

Finanzielle Notlagen gibt es auch im Raum Prien, der gemeinhin als wohlhabend gilt, in dem aber auch die Lebenshaltungskosten vergleichsweise hoch sind. Nicht wenige kommen zum Beispiel zur Beratung in die "Alte Post", wenn ihnen die Nebenkostenabrechung für die Mietwohnung ins Haus flattert und sie nicht wissen, wie sie die bezahlen sollen.

Etwa 30 Personen aus dem Dekanatsbereich müssen nach Angaben von Sandra Schergen von der Schuldnerberatung der Caritas jedes Jahr Privatinsolvenz anmelden, weil ihnen die Schulden über den Kopf gewachsen sind. Und das sind nur die, die bei der Caritas Hilfe suchen.

Die Priener Tafel kann auf ein stabiles Netzwerk von Lebensmittelspendern und ein Team von 55 ehrenamtlichen Helfern zurückgreifen. Allein ein Dutzend wird freitags bei der Ausgabe in Prien und Bad Endorf gebraucht, etwa genau so viele am Tag davor, wenn die Spenden abgeholt, sortiert, in Kühlschränke verstaut, Salat gewaschen und einiges mehr erledigt werden muss.

Die Ehrenamtlichen sind überwiegend im Rentenalter, aber auch Jüngere packen mit an. Büttner fällt die Geschichte von dem jungen Mann ein, der durch die freiwillige Arbeit wieder Struktur in sein Leben und Selbstvertrauen bekam, eine Ausbildungsstelle fand und in diesen Tagen eine feste Stelle bei einer Rosenheimer Behörde antreten wird.

Stöttner erkennt "Milch-Mangel"

Eine Schwachstelle hat das Kontingent, hat Stöttner bei seinem "Rollentausch" gleich erkannt: "Es gibt zu wenig Milch." Der Abgeordnete will deshalb gleich die regionalen Erzeuger kontaktieren.

Nach seiner guten Stunde an der Ausgabetheke nahm sich der Abgeordnete viel Zeit, um mit den Caritas-Mitarbeitern über das vielschichtige Thema Armut zu diskutieren und Anstöße für die politische Arbeit mitzunehmen.

In einem Punkt konnte Stöttner Entwarnung geben. Nachdem vor Monaten ein Finanzamt in Mecklenburg-Vorpommern von Bäckereien, die dort an Tafeln spendeten, für diese Gaben Umsatzsteuer einforderte, war der Aufschrei groß. Inzwischen hat der Bundestag bereits das entsprechende Gesetz soweit angepasst, dass Lebensmittelspenden weiter steuerfrei an abgegeben werden können. Die Zustimmung des Bundesrats ist Stöttner zufolge nur noch eine Formalie.

Die bundesweit inzwischen 900 Tafeln und ihre 1,5 Millionen Kunden - Tendenz weiter steigend - werden es mit Erleichterung vernehmen.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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