Fragen bleiben offen

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Roenheim/Bernau - Das Amtsgericht in Rosenheim hat einen 51-Jährigen vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. Er war angeklagt, eine 21-Jährige im November in Bernau bedrängt zu haben.

Das Schöffengericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Heinrich Loeber hatte viele Zweifel an einem beweisbaren Vorsatz.

Was geschah genau am 4. November in Bernau unweit des Abendlokals "Charly's Inn"? Ein klares Bild ergab sich auch nicht in der Verhandlung vor dem Schöffengericht. Die 21-Jährige trat mit Rechtsanwältin Manuela Denneborg als Nebenklägerin auf.

Gegenüber der Polizei hatte der 51-jährige Angeklagte am Anfang jeglichen sexuellen Kontakt bestritten. Die 21-jährige Mutter eines Kindes behauptete, es gäbe eine Augenzeugin des Vorfalles. Erst als die angebliche Augenzeugin eine solche Aussage weit von sich wies, korrigierte die junge Frau diese Aussage.

Für Verblüffung sorgte der Angeklagte, als er zu Prozessbeginn - entgegen seiner bisherigen Darstellung - erklärte, es habe sehr wohl Kontakte gegeben, die über reine Zärtlichkeiten hinausgegangen seien. Allerdings seien sie im beiderseitigen Einvernehmen erfolgt. Die Initiative sei von der Nebenklägerin ausgegangen. Abgebrochen habe er die Streicheleien und Küsse, als ihm selbst die Sinnlosigkeit seines Verhaltens bewusst geworden sei. Anfangs gelogen und die Beschuldigung insgesamt zurückgewiesen habe er, so der Angeklagte weiter, weil er Angst gehabt habe, die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin könne in die Brüche gehen.

Viele Details über die Beteiligten und Personen aus dem Umfeld wurden durch Zeugen der Anklage wie der Verteidigung als Beweis für oder gegen die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Aussagen bemüht. Wie immer bei solch persönlichen Detailschilderungen wurde eine Menge schmutzige Wäsche gewaschen.

Die Sachverständige des Landeskriminalamtes bestätigte, dass an Wange und Bauch der Nebenklägerin DNA-Spuren des Angeklagten festgestellt worden seien. Gerichtspsychologe Dr. Thomas Schwarz bescheinigte dem Angeklagten, dass seine Persönlichkeit und sein Gesamtverhalten in jener Nacht für einen Vergewaltiger absolut untypisch gewesen seien.

In ihrem Plädoyer führte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft aus, dass die Geschädigte den Angeklagten möglicherweise zu Zärtlichkeiten animiert habe. Der 51-Jährige aber hätte erkennen müssen, dass seine intimen Attacken dann unerwünscht gewesen und abgewehrt worden seien. Sein weiteres Tun sei deshalb eine klare sexuell Nötigung gewesen, die mit einer Gefängnisstrafe zwischen einem und fünfzehn Jahren bedroht sei. Weil sich die Tat aber am unteren Rande der Strafbarkeit bewegt habe, beantragte sie eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Rechtsanwältin Denneborg erklärte, dass es ihrer Mandantin - angesichts ihrer intellektuellen Möglichkeiten - unmöglich gewesen sei, über einen so langen Zeitraum eine erfundene Aussagekonstruktion aufrechtzuerhalten. Alleine deshalb seien ihre Angaben hinreichend glaubwürdig.

Rechtsanwalt Stephan Tschaidse dagegen verwies das Gericht auf die Problematik von Zeugenaussagen, die aus den verschiedensten Gründen verschiedenste Wertungen erfahren könnten. Sein Mandant sei das Gegenteil eines typischen Vergewaltigers, alleine seine spezielle Partnerschaftssituation habe ihn anfangs zu dieser Falschaussage gebracht. Darüber hinaus habe er dieses Schäferstündchen von sich aus beendet. Der Rechtsanwalt forderte für seinen Mandanten einen klaren Freispruch von den erhobenen Vorwürfen.

Das Gericht befand, dass sich im Verlaufe der Verhandlung viele Zweifel an einem beweisbaren Vorsatz zur sexuellen Nötigung durch den Angeklagten ergeben hätten. Gemäß dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" sprach ihn das Gericht von diesem Vorwurf frei.

au/Chiemgau-Zeitung

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