Viele sind spät dran mit Bewerbungen

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Prien - Um sich auf dem umkämpften Ausbildungsmarkt besser zu behaupten, hat die Franziska-Hager-Mittelschule mit allen Neuntklässlern Bewerbungsgespräche trainiert.

2011 werden so viele Jugendliche wie noch nie Bayerns Schulen verlassen. Der doppelte Abiturjahrgang beschert dem Freistaat eine Absolventenschwemme. Zwar wird es dank der erholten Konjunktur wohl deutlich mehr Lehrstellen als in den vergangenen zwei Jahren geben. Aber der Kampf um die Plätze dürfte nicht leicht werden. Um ihre Schützlinge zu wappnen, hat die Franziska-Hager-Mittelschule mit allen Neuntklasslern Bewerbungsgespräche trainiert.

Ein gutes Dutzend Unternehmer, Geschäftsführer, Personalchefs und Ausbildungsleiter probten mit den knapp 100 Lehrlingen von morgen den Ernstfall. In ihren Büros - jeweils ein Tisch und zwei Stühle hinter Trennwänden in der Turnhalle - nahmen sie die Mittelschüler unter die Lupe.

Die jeweils zehnminütigen Gespräche verliefen so unterschiedlich, wie es nur denkbar war. Eine junge Dame "verkaufte" sich so überzeugend, dass der Unternehmer bedauerte, dass sie schon einen Lehrvertrag für 2011 in der Tasche hat - er hätte sie vom Fleck weg engagiert. Kurz drauf beendete ein Personalchef den Dialog mit einem Neuntklassler vorzeitig. "Verschwendete Zeit", fasste er die einseitige Begegnung zusammen.

Aber solche Extrembeispiele waren die Ausnahme. Jens Stadler, Prokurist der Gesundheitswelt Chiemgau (GWC), ist seit acht Jahren regelmäßiger Gast. Damals war das Bewerbungstraining an der Priener Schule unter Federführung der Schulsozialarbeit erstmals auf die Beine gestellt worden. Über die Jahre sind sowohl die Bewerbungsunterlagen als auch die Kandidaten selbst beim Gespräch kontinuierlich und unterm Strich deutlich besser geworden, hat er beobachtet.

Schulsozialarbeiterin Maren Welkener hatte im Vorfeld alle knapp 100 Kandidaten in Vier-Augen-Gesprächen anhand ihrer Mappen gebrieft. Schon in der achten Klasse waren Bewerbungsgespräche im Videotraining geübt und heuer erstmals sogar eine Typberaterin engagiert worden, die jede Menge Tipps für Kleidung und Frisuren gab.

Gleichwohl schlurften am "Tag X" nicht wenige Kandidaten in Schlabber-Jeans zu ihrem Termin. Dieser textile Fehlgriff wird zu besprechen sein, wenn Welkener in Einzelgesprächen Manöverkritik übt. Nach jedem Gespräch hatten die Firmenvertreter dafür eine Checkliste mit ihren Eindrücken ausgefüllt.

Die ganze qualitative Bandbreite der Mittelschüler erlebte auch Peter Ellinger, Marktmanager bei Rewe in Prien. Und er berichtete vom Paradebeispiel einer vertanen Chance - wenn es der Ernstfall gewesen wäre. Ein Schüler hatte eine Mappe mit Knicken in den Unterlagen und Kaffeeflecken mitgebracht. Die wäre als Postsendung postwendend zurückgesandt worden, zu einem Termin wäre es nicht gekommen. Im Gespräch in der Turnhalle entpuppte sich der Kandidat aber als redegewandt, offen und freundlich - da hätte er die Lehrstelle bekommen.

In der Regel waren die Unterlagen aber in Ordnung, berichtete Alexander Klammer von der Hauptverwaltung der Marktgemeinde Prien. Wie anderen Testern fielen ihm aber die zumeist zu schlechten Noten in den Zeugnissen auf. Manche hatten es offensichtlich im Jahr davor, in der achten Klasse, schleifen lassen und mussten nun mit mäßigen Zeugnissen antreten.

Aber nicht nur die Noten entscheiden über Zu- oder Absage. Auch die Beurteilungen im Zeugnis geben den Entscheidern wichtige Aufschlüsse, verrieten einige Firmenvertreter. Positiv fiel Klammer und anderen auf, dass die Bewerbungsschreiben nicht mehr ausschließlich Standardformulierungen enthielten, sondern oft individuell formuliert waren und deshalb auffielen.

Auch die Mappe selbst habe größere Chancen, wahrgenommen zu werden, wenn sie sich aus der Masse abhebt, ergänzte Lorenz Scheck, Ausbildungsleiter bei Hefter. Die große Zahl von Praktikumsbescheinigungen in manchen Mappen lobte Thomas Fischer von der Barmer-GEK Prien.

Trotz der Absolventenschwemme 2011 in Bayern sieht Michael Niedermaier, Ausbildungsberater für den Priener Bereich bei der Agentur für Arbeit (AA) Rosenheim, für die Mittelschüler relativ gute Chancen. Zum einen seien im AA-Bezirk Rosenheim für nächstes Jahr schon weit über 30 Prozent mehr Lehrstellen gemeldet als heuer oder im Vorjahr, als die Konjunktur stotterte. Zum anderen glaubt Niedermaier, dass der doppelte Abiturjahrgang eher zu Lasten der Realschüler gehen wird, weil Abiturienten, die nicht studieren, wohl vermehrt nach klassischen Realschüler-Berufen im kaufmännischen Bereich Ausschau halten werden. Hier fürchtet er einen "gewissen Verdrängungswettbewerb".

Die Mittelschüler haben es vor allem im handwerklichen Zweig weitgehend selbst in der Hand. Und nicht wenige sind dabei, ihre Chance zu verspielen. Denn in den vergangenen Jahren hatten zu diesem Zeitpunkt schon weitaus mehr Neuntklassler ihre Bewerbungen losgeschickt als heuer, berichteten Niedermaier und Welkener.

von Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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