Stilles Ende nach vielen ersten Schreien

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Die Frauenklinik im Harras. Was mit der Immobilie passiert, ist noch offen. Foto berger

Prien - 15.000 Babys haben in der Priener Frauenklinik ihren ersten Schrei getan. Jetzt wird es still in der Dr.-Siebert-Straße 5. Die traditionsreiche Fachklinik schließt heute.

Der Betrieb ist nicht mehr wirtschaftlich, sagt ärztlicher Leiter und Geschäftsführer Dr. Matthias Lehnert.

Im Flur geht eine Schwangere auf und ab, die schon leichte Wehen hat. Die Hebamme bespricht mit dem Chef die Lage - auch nach 15.000 Geburten keine Routine, sondern die Sorge um das Wohl von Mutter und Kind. Acht Patientinnen sind im Haus. Wenige Tage vor dem 30. Juni deutete kaum etwas darauf hin, dass die Frauenklinik am heutigen Dienstag schließen wird. Der Betrieb läuft bis zum letzten Tag.

Bereits Anfang des Jahres hatte Dr. Lehnert seine 35-köpfige Mannschaft auf das Ende der Klinik vorbereitet. Das "Streichkonzert" im Krankenhaus-Bedarfsplan hätte auch sein Haus getroffen, einige der 31 Betten hätten aufgegeben werden müssen. "Lieber aussteigen als ersticken", umschreibt der Frauenarzt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung den schweren Entschluss.

1961 war sein Vater Dr. Horst Lehnert aus Berlin nach Prien gekommen, weil es weit und breit keinen richtigen Frauenarzt gegeben habe. Er eröffnete seine Klinik zunächst in der Seestraße 90 - 92. Jahre später bot die Gemeinde das Grundstück in Harras an. 1967 wurde der Neubau eröffnet - die "Baby-Ranch", wie sie wegen ihres Eingangstores genannt wurde.

Die Klinik lief gut, sodass Anfang der 80er Jahre nach Norden und Osten erweitert und der heutige Komplex fertig wurde. Seit 1991 führt Dr. Matthias Lehnert als Leiter das Erbe seines Vaters fort.

15.000 Babys kamen bis heute dort zur Welt. Nicht wenige Frauen, die hier entbunden haben, sind inzwischen Großmütter, nachdem ihre Töchter an gleicher Stelle Nachwuchs bekommen haben.

Die Frauenklinik wird zwar oft zunächst mit Geburten verbunden, ist aber weit mehr als eine Entbindungsstation. Das beweist die Zahl von 60.000 Operationen, die laut Dr. Lehnert dort durchgeführt wurden. "Von der Zeugung bis zum ,Facelifting'" reichte die medizinische Bandbreite. Beispielsweise erfolgte die erste künstliche Befruchtung im Chiemgau 1986 im Keller der Frauenklinik. Auch mit der ersten "normalen" Drillingsgeburt, also einer Entbindung von drei Babys ohne Kaiserschnitt, machte das Haus vor rund 40 Jahren Schlagzeilen.

Weil nicht nur die Geburtenzahlen rückläufig sind - im Spitzenjahr 1990 half die Frauenklinik 476 Babys auf die Welt -, sondern auch die Belegärzte immer weniger Patientinnen haben, weil die meisten Frauen aus finanziellenm Erwägungen nur noch unvermeidliche Operationen durchführen lassen, wurde ein wirtschaftlicher Betrieb in den vergangenen Jahren immer schwieriger und jetzt unmöglich.

Dankbar sind Dr. Lehnert und seine Frau Cari dem Personal, das zuletzt schon auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtete und angesichts der schwierigen Lage "durch große Flexibilität" wesentlich dazu beigetragen habe, dass der Klinikbetrieb bis heute weitergehen konnte.

Während das medizinische Fachpersonal, das etwa die Hälfte des Mitarbeiterstabs ausmacht, gute Chancen hat, schnell anderswo eine adäquate Stelle zu finden, weil erfahrene Fachkräfte gesucht sind, dürfte es für viele der übrigen nicht so leicht werden, sich beruflich umzuorientieren.

Was mit der Immobilie passiert, ist noch völlig offen. "Es gibt verschiedene Optionen, die wir prüfen", sagt Cari Lehnert. Bis zum Jahresende soll eine Entscheidung fallen.

Ihr Mann, der seine Praxis in der Hochriesstraße und das angegliederte Kinderwunsch-Zentrum für künstliche Befruchtungen weiterführen wird, kommentiert das "Aus" seiner Klinik so: "Der Klapperstorch braucht einen neuen Landeplatz."

von Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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