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Gstadt - Der Erfinder der Blindenschrift, Louis Braille, wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. Am Samstag wurde ihm zu Ehren die "Tour de Braille" veranstalt.

Es war eine Tour im wahren Sinne des Wortes: Beteiligt waren Gemeinden rund um sowie auf dem Chiemsee mit vielfältigen Aktionen für die ganze Familie.

Rund um den Chiemsee haben am Samstag Einheimische und Gäste die Blindenschrift erlebt und die eigenen Sinne sensibilisiert. In den Gemeinden am bayerischen Meer gab"s eine Vielzahl von Veranstaltungen. Initiator des Aktionstages, der "Tour de Braille", war die Gemeinde Gstadt.

Tour de Braille

Die Kommunen beteiligen sich am Projekt "Tourismus für alle am Chiemsee": Seit einem Jahr erheben sie Daten zur gesamten touristischen Servicekette und schaffen neue barrierefreie Angebote für Alt und Jung, für Familien und Singles, für Menschen mit Behinderungen. Die Arbeitsgruppen in den Gemeinden setzen sich für die Barreifreiheit in ihren Orten ein. Um die Menschen noch mehr für dieses Thema zu sensibilisieren, initiierte die Gemeinde Gstadt nun einen Aktionstag. Den Anlass gab der 200. Geburtstag von Louis Braille. Trotz des herrlichen Spätsommerwetters hielt sich jedoch das Interesse der Einheimischen und Gäste an den Veranstaltungen in Grenzen.

Der Aktionstag begann im Naturpark Hofanger in Gstadt. Bürgermeister Bernhard Hainz hieß eine Reihe von Ehrengästen und mehrere Chiemseebürgermeister willkommen. Christine Degenhart, die Leiterin des Projektes "Tourismus für alle", erklärte, die Gemeinden am Chiemsee hätten sich zum Ziel gesetzt, ihre Orte für alle Menschen barrierefrei zu gestalten. Geplant sei, dass die Kommunen eine gemeinsame touristische Servicekette bilden und barrierefreie Angebote kreieren. An dem wunderschönen Ausflugstag war der Ansturm auf die Chiemseeinseln besonders groß. Viele Fahrgäste nutzten das Angebot, am Dampfersteg in Gstadt und in Prien-Stock Fahrscheine in Blindenschrift zu erwerben. Mit dem Bild auf der Rückseite, das auf eine Ausstellung über die Braillsche Schrift hinwies, waren sie sogar für die Fahrt zur Frauen- und Herreninsel ermäßigt.

Die Organisatoren des Aktionstages bedauerten es sehr, dass nur 20 Personen den hochinteressanten Vortrag über die Blindenschrift und ihre Bedeutung im Kloster auf der Fraueninsel besuchten. Referent war der blinde Friedrich Gerlmair aus Rosenheim. Er hat den Blindenbund für Südostbayern gegründet und - erst kürzlich - im Rahmen der Neugestaltung der Bahnsteige in Rosenheim mitgewirkt. Mit Beispielen, bei denen die Zuhörer auch mitwirken durften, führte Gerlmair sie in die Systematik der Blindenschrift ein. Er schilderte deren Entstehung. So sei der damals dreijährige Franzose Braille nach einem Unfall erblindet. Eine Holzleiste mit in Tapetennägeln geformten Buchstaben, die ihm sein Vater zum Spielen gegeben habe, sei dann der Ursprung für die Entstehung der Blindenschrift gewesen.

Laut Gerlmair bestehen die einzelnen Buchstaben und Zeichen aus Punkten, die in dickes Papier eingeprägt sind. Die Voraussetzung, die Blindenschrift lesen zu können, sei ein guter Tastsinn, so der Referent weiter. Ihm zufolge beherrschen von den rund 16000 Blinden in Bayern nur rund 20 Prozent diese nicht leichte Schrift. In vielen Veranstaltungen am Chiemsee stand am Samstag die Blindenschrift im Mittelpunkt. Etwas ganz Besonderes gab"s unter anderem im Königsschloss auf der Herreninsel. Eine Gruppe mit zehn Personen erlebte eine Führung von Johanna Binder teils mit verbundenen Augen. Binder, die sich darauf besonders vorbereitet hatte, nahm sich für ihre Ausführungen die doppelte Zeit. Die Größe der drei besuchten Räume und deren Materialien konnten die "Blinden" danach recht gut beurteilen.

Ein weiterer Höhepunkt - und gleichzeitig der Abschluss des Aktionstages - war die Eröffnung einer Ausstellung von Josua Reichert in der Tenne des früheren Bauernhofes auf dem ehemaligen Campingplatz in Gstadt. Mit 28 Werken führt er ein in die Blindenschrift. Zugunsten des Projektes "Tourismus für alle" wurden drei Plakate in mehreren Ausführungen versteigert und zum Höchstgebot verkauft. Die Ausstellung ist bis 26. September, täglich von 14 bis 16.30 Uhr zu sehen. Bürgermeister Hainz nahm die Eröffnung zum Anlass, das Team für die Vorbereitung der "Tour de Braille", Irmi Schlemer, Karin Seidl, Christine Degenhart und Peter Heinrich, für dessen unermüdlichen, ehrenamtlichen Einsatz zu loben und überreichte Blumen.

th/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © Rosemarie Ammelburger

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