In den Fußstapfen eines Lausbuben

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Helga Schömmer (rechts) hat viele Bilder Ludwig Thomas in ihrem Ordner, ebenso wie Zitate von und über den Schriftsteller.

Prien - Im vergangenen Jahr drehte sich am Chiemsee alles um Ludwig II. Im Sog der Landesausstellung zum 125. Todestag des Monarchen gab es viele Veranstaltungen - auch in Prien.

Heuer widmet sich eine besondere Führung der Priener Tourismus GmbH (PTG) einem anderen Ludwig: Dem Autor der berühmten Lausbubengeschichten, Ludwig Thoma.

Ludwig und "der vornehme Knabe" Arthur mit seinem Schiffsmodell stehen als kleines Denkmal am "Tatort" Raffenauer Weiher.

Als er vor 145 Jahren in Oberammergau geboren wurde, konnte noch niemand ahnen, wie sehr er als Lausbub seine Mitmenschen auf Trab halten und später durch die Erzählungen über seine Streiche gut unterhalten würde. Dass Thoma auch in und für Prien eine Rolle spielte, lässt sich schon an dem Umstand erahnen, dass das örtliche Gymnasium nach ihm benannt ist.

Der abendliche Rundgang mit Ortsführerin Helga Schömmer beginnt denn auch an einer Stelle, an der Thoma wie sonst nirgends in Prien präsent ist: am Raffenauer Weiher. Dort ist sein Leben auf Informationstafeln skizziert, auf der anderen Straßenseite steht seine Büste neben dem Ludwig-Thoma-Haus. Es gehört heute zum Gymnasium und war im späten 19. Jahrhundert das Hotel "Kampenwand".

Pächterin war sieben Jahre lang (1876 bis 1883) Ludwig Thomas Mutter Katharina, die nach dem früheren Tod ihres Mannes die Familie durchbringen musste. In seinen sogenannten Vakanzen, die man heute Sommerferien nennen würde, heckte Lausbub Ludwig dort einige seiner Streiche aus.

Einer der berühmtesten ist die Episode vom "vornehmen Knaben", dessen Modellschiff Ludwig geradezu explodieren lässt, was dem Knaben Arthur eine blutende Wunde am Kopf einbringt. Geknallt hat es der Überlieferung nach auf dem Raffenauer Weiher, allerdings nicht auf dem Gewässer, das heute so heißt. Das entstand erst im späten 20. Jahrhundert.

Schömmers Recherchen im Vorfeld ihrer Thoma-Führungen haben ergeben, dass der Weiher aus den Lausbubengeschichten wohl ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt nahe eines Bauernhofes lag und eigentlich eine Obstbaumwiese war, die ein früherer Seitenarm der Prien regelmäßig überschwemmte.

Am heutigen Raffenauer erinnert eine Statue, die die Buben Ludwig und Arthur mit einem Schiffsmodell zeigen, an den Streich.

Dieser Friedensengel ist der Ersatz für das Exemplar, das den Prienern den ungeliebten Spitzennamen "Duttenfeiler" einbrachte.

Aber auch andernorts in Prien bringt Schömmer beim 90-minütigen Spaziergang die Teilnehmer auf Thomas Spuren. Ein Schwerpunkt der Führung ist das alte Handwerkerviertel Gries. Kaum dort angekommen, taucht er plötzlich auf wie aus dem Nichts, der Lausbua, mit Trachtenhut und Lederhose (gespielt von Seppi Strohmayer). Ludwig will sich nämlich verteidigen, denn diesen einen Streich, der den Prienern den ungeliebten und wenig schmeichelhaften Spitznamen "Duttenfeiler" eingebracht hat, den lässt er sich nicht in die Haferlschuhe schieben.

Was damals wirklich geschah, erfahren die Teilnehmer bei den nächsten Führungsterminen (siehe Kasten). Ein Friedensengel, dem man sein Entstehungsjahr 1876 nicht ansieht, weil er vor wenigen Jahren aufwendig restauriert wurde, erinnert an diese Episode.

Ist er es wirklich? Nein: Seppi Strohmayer schlüpft beim abendlichen Rundgang in die Rolle des Lausbuben Ludwig.

Nicht nur die Lausbubengeschichten, in denen Prien namentlich nicht explizit genannt ist (aber in Thomas "Erinnerungen" schon), dafür aber zum Beispiel Bernau und Rimsting, belegen Thomas Präsenz, sondern zum Beispiel auch die Geschichte vom "heiligen Hias". Der hieß in Wahrheit Schorschi Paulibl und war ein Schulkamerad des späteren Heimatschriftstellers. Dass der "Hias" nach einigem Auf und Ab schließlich seine Primiz in Prien feierte, wie das Heimatbuch belegt, und so einem Bauern seinen Seelenfrieden bescherte, erzählt Schömmer anschaulich und in einem Bairisch, das auch für Urlaubsgäste unter ihren Zuhörern verständlich bleibt.

Die Ortsführerin geht aber nicht nur auf Thomas lustige Seite ein. Mit vielen Bildern und Fotos zeichnet sie die Lebensgeschichte Thomas und seiner Familie nach und schildert auch die sozialkritische Ader des Autors, der kaum ein Blatt vor den Mund nahm und dem ein Gedicht, gerichtet an die "Sittlichkeitsprediger in Köln", sogar einen mehrwöchigen Aufenthalt im Gefängnis von Stadelheim einbrachte.

Im Vorgarten eines uralten Hauses im Gries, in dem vielleicht auch Thoma einst saß und neue Streiche ausheckte, endet der Rundgang mit Zitaten aus den berühmten Filser-Briefen, die sich in Wahrheit um Georg Eisenberger drehen, genannt der "Hutzenauer", einen damaligen Bürgermeister von Ruhpolding, der sich mit Herz und Hirn für die Landbevölkerung einsetzte.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser