„Freiheit ist das Einzige was zählt“

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Furchtbare Erinnerungen an die DDR: Ina Scholz mit ihrer Stasi-Akte.

Rosenheim/Landkreis - ...heißt es in einem Lied von Westernhagen. Ein „freier Mensch sein“ - was für uns heute selbsverständlich ist, war für die DDR-Häftlinge ein Traum, der in Erfüllung ging. **Zum Special**

Lesen Sie hier den Bericht aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

DDR - ein Leben in Moll

„Die einen haben geweint, andere haben laut geschrieen. Manche aber sagten gar nichts, blickten nur ängstlich zu Boden. Ich selbst dachte nur eins: Jetzt bin ich frei!" Zehn Monate war sie in DDR-Haft.

Rosenheim/Landkreis - Nach der schlimmsten Zeit ihres Lebens konnte Amanda S. (Name von der Redaktion geändert) zusammen mit einem Bus voller anderer DDR-Häftlinge in den Westen ausreisen. Das war am 29. September 1983: "Ein Tag, den ich nie vergessen werde." Unvorstellbare Szenen müssen sich im Bus abgespielt haben, als nach stundenlanger Fahrt Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der ehemalige DDR-Unterhändler, bei einem plötzlichen Stopp in einem Waldstück zustieg. "Wir hielten den Atem an, denn wir waren ja noch vor dem Grenzübergang. Was passiert nun mit uns?" Doch Vogel habe nur allen "viel Glück" gewünscht. "Da war klar: Es geht in die Freiheit", sagt die heute 48-jährige Amanda S., die jetzt im Landkreis Rosenheim lebt. Vogel sei dann wieder ausgestiegen und mit seinem Auto von der Straße abgebogen. Der Bus setzte seine Fahrt fort.

Unterwegs beobachteten sie, dass da noch ein zweiter Bus war. Auch der kam schließlich über die Grenze. "Wir fielen uns am nächsten Parkplatz alle in die Arme. Ehepartner sahen sich unter Tränen erstmals nach vielen Jahren Stasi-Haft wieder. Es war unbeschreiblich." Aber auch bittere Nachrichten kamen ans Licht. Eine Frau traf ihren Mann endlich wieder, doch mit der Wiedersehensfreude war es bald vorbei: Sie musste ihm berichteten, dass der halbwüchsige Sohn Tage zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Wenige Stunden nach seinem Tod hatte sie die Nachricht erhalten, dass ihre Ausreise genehmigt sei und sie binnen sechs Stunden die DDR zu verlassen habe. Amanda S.: "So hat sie ihren Sohn nie mehr gesehen und ihn nicht beerdigen können." Heute, nach vielen Jahren der Nachforschung und in Zusammenarbeit mit der Gauck-Behörde, haben die Eltern Gewissheit: "Der Bub ist absichtlich auf dem Gehweg überfahren worden." Sein Grab kennen sie bis heute nicht.

Im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck (unten) war Amanda S. eingekerkert.

"Diese Frau hatte ich im Frauengefängnis Hoheneck kennengelernt. Unter uns politischen Gefangenen herrschte große Solidarität. Wir haben uns emotional unterstützt, wo es ging", erinnert sich die 48-Jährige. Und das war auch nötig. "Es gab Frauen, die mussten ihre Kinder zur Zwangsadoption freigeben oder sich gegen ihren Willen scheiden lassen." Amanda S. war 18 Jahre alt, als sie erstmals einen Ausreiseantrag stellte. Natürlich sei ihr und der Familie klar gewesen, dass sie mit harten Konsequenzen zu rechnen hätte und die Stasi sie abholen würde. "Aber ich konnte die ständigen Repressalien nicht mehr ertragen. Ich wollte aufrecht durchs Leben gehen." Sie war eine sehr gute Schülerin, dennoch durfte sie kein Abitur machen und nicht studieren. "Das war zu viel." Sie hatte wie so viele andere Ausreisewillige gehofft, dass der bittere Kelch der Verhaftung an ihr vorüber gehen würde. "Wir alle träumten vom schnellen Freikauf. Ich war jung, ohne Anhang. Da sollten meine Chancen gut stehen." Doch es kam anders. "Nachts um vier Uhr, nach der Ablehnung meines Antrags und meiner postwendend erneuten Antragstellung, kamen Männer von der Stasi und holten mich ab."

Dann begann eine Zeit, über die Amanda S. nicht im Detail sprechen kann. Immer wieder kommt im Interview die Erinnerung an ihre fensterlose Zelle hoch, Tränen schießen ihr in die Augen. "Ich saß zwei Monate in Stasi-Einzelhaft. Das war nicht von Pappe", sagt sie nur. Sie wurde eine Nummer, ohne Würde, ohne menschliche Ansprache. "Nach einigen Tagen verlor ich völlig die Orientierung und wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war." Immer wieder habe sie Schritte auf dem Flur vor ihrer Zelle gehört, manchmal gingen sie vorbei, manchmal brüllte ein Wachmann: "Nummer eins, fertig machen und mitkommen." Dann sei sie an der Reihe gewesen zum Verhör. Schließlich sei der psychische Druck so groß gewesen, dass sogar ihre Regelblutung ausblieb. Mit Drohungen gegen die Familie und stundenlangen nächtlichen Verhören ohne Pause versuchten die Mitarbeiter der Staatssicherheit, die junge Frau zum Reden zu bringen. "Ich wollte unbedingt ausreisen und hatte mich zur Begründung auf die Schlussakte von Helsinki berufen, die die DDR ja unterschrieben hatte. Sie wollten von mir die Quelle wissen, aus der ich meine Kenntnisse hatte. Doch nie hätte ich die Informanten verraten." Nach zwei Monaten kam sie für weitere vier Monate in eine Zweierzelle, dann die Anklage und das Urteil: Zweieinhalb Jahre Haft wegen "unerlaubter Nachrichtenübermittlung".

Die Zustände im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck , einer ehemaligen Burg aus dem 13. Jahrhundert, seien katastrophal gewesen. "20 Frauen stand eine einzige Toilette zur Verfügung. Es gab nur drei Waschbecken mit eiskaltem Wasser." Der Umgang unter den Frauen sei sehr unterschiedlich gewesen. "Da waren richtige Kriminelle mit uns politischen zusammen. Eine ungute Mischung." Doch dann kam der 13. September. Plötzlich sollte sie mitkommen. "Ach du Sch..., dachte ich." Aber dann hieß es: "Transport!" Da wusste sie, dass ihre Abschiebung bevorstehen musste. "Denn von Hoheneck kommst du sonst nicht vorzeitig weg." Nach weiteren 16 Tagen ging es für Amanda S. , die nach den Torturen der Haft noch 38 Kilo wog und gesundheitlich sehr angeschlagen war, Richtung Westen. "Ich bekam neben meinem Entlassungsschein aus der DDR-Staatsbürgerschaft auch eine Urkunde über die Haftentlassung, allerdings mit zwei Jahren auf Bewährung. Welch Irrsinn der DDR-Bürokratie."

Heute ist Amanda S. wütend auf die verbreitete "Ostalgie": "Ich kann diese Verklärung der verheerenden Zustände in der DDR nicht verstehen. Schreckliche Typen waren damals an der Macht, wirklich sehr böse Menschen." Zur gleichen Zeit, im gleichen Land machte Ute B. (Name geändert) ganz andere Erfahrungen. "Ich gehörte zu den Angepassten, das gebe ich offen zu. Ich hatte zwei Kinder, da musste ich spuren." Sie habe ein Leben wie viele andere DDR-Mitbürger geführt: Fähnchen schwenken, wenn es befohlen war - zurück in die vier Wände, wenn es möglich war. Das war immer eine Gratwanderung. Bei einer Bewerbung wurde sie nach ihrer Staatsbürgerschaft gefragt. "Deutsch", antwortete sie spontan. "Das war natürlich völlig daneben. 'Angehörige der Deutschen demokratischen Republik' wäre richtig gewesen." Zum Glück sei dann nur "Unreif" auf der Beurteilung gestanden. Dann der Mauerfall. "Endlich frei", so die heute 55-jährige, "war mein erster Gedanke!"

Auch Yaser Abed Al Hag (39) erinnert sich gut an seine Studienzeit in der DDR. "Als Austauschstudent hatte ich neben Ostmark immer etliche Dollars. Ganz ehrlich, ich lebte wie die Made im Speck", sagt der Jordanier, der heute in Rosenheim lebt, rückblickend. Die Wende sei für ihn eher die Wende zum Schlechteren gewesen. "Das Stipendium wurde gestoppt, aus Geldmangel musste ich letztlich mein Medizinstudium aufgeben" Heute arbeitet Abed Al Hag als Krankenpfleger in Rosenheim.

Positive Erinnerungen an die DDR hat auch Antje Rauch (32), die in Leipzig auf der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) war. "Ich liebte die Leichtathletik. Als Kind hat es mir an nichts gefehlt, der Sport hat mir viel Freude gemacht. Es war eine schöne Kindheit. Allerdings - ich war zur Wende erst zwölf Jahre alt." Etliche Schikanen und viele Nachteile musste Ina Scholz in Chemnitz ertragen. "Meine Eltern waren aus Überzeugung nicht in der Partei, und auch wir Kinder waren in keiner Jugendorganisation. Wir wussten, dass uns das verdächtig machte." Sie seien zur Vorsicht, zum Misstrauen erzogen worden. "Verraten konnte dich der beste Freund." So verschwand ihr Bruder, der als 17-jähriger mit Freunden im Suff DDR-Fahnen von einer Datscha heruntergerissen hatte, für Monate in Stasi-Haft. "Er kam als ein anderer zurück. Der Vater meiner besten Freundin hatte ihn verpfiffen."

Als sie erfuhr, dass ihr eigener Ehemann jemanden "hingehängt" hatte, da wollte sie es zunächst gar nicht glauben. "Mit Systemkritikern gingen die Mächtigen in der DDR nicht zimperlich um. Das wussten wir alle. Ihnen drohte Schlimmes. Fuß- und Fingernägel ausreißen war eine beliebte Foltermethode. Sie wuchsen ja wieder nach, und so merkte es niemand." Schließlich gab es keinen Zweifel mehr am Verrat ihres Mannes. "Da war meine Liebe tot und meine Ehe zu Ende."

Von Sigrid Knothe

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