Es gibt viel, aber nicht genug Hilfe

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Prien - In Prien gibt es große Kliniken, viele Hotels und Lokale. Deshalb gibt es überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze für Frauen. Das wiederum hat zur Folge...

In Prien gibt es mehr Alleinerziehende als anderswo. Um deren Sorgen und Wünsche ging es in einer Podiumsdiskussion. Ihr Fazit: Es gibt viel Hilfe in Prien, aber oft nicht genug.

Die junge Krankenschwester war vor Jahren nach Prien gekommen. In der Frauenklinik fand sie einen Arbeitgeber, der ihr flexibel entgegenkam und so die Doppelrolle einer berufstätigen Mutter ermöglichte. Als die Klinik schloss, fand die Frau Arbeit in Aschau. Nun ist der befristete Vertrag dort abgelaufen, sie hat trotz intensiver Suche noch nichts Neues gefunden, musste deshalb Unterstützung beantragen. Und weil die begrenzt ist, steht der Umzug mit der Tochter in eine kleinere Wohnung bevor. "Ich brauche einen Kellerraum oder einen trockenen Schuppen, wo ich ein paar Sachen unterstellen kann - und zwar möglichst bis Donnerstag", bat sie im "Alpenblick" um Hilfe.

Andreas Becker, Vorsitzender des veranstaltenden CSU-Ortsverbands und Moderator des Abends, und Zweite Bürgermeisterin Renate Hof notierten sich die Telefonnummer. Ob sie schnell und unbürokratisch helfen können, wird sich zeigen.

Finanzielle Probleme sind wohl mit die größte Schwierigkeit, vor der Alleinerziehende, aber auch immer öfter junge Familien stehen, wie Ulrike Schauberger, Sozialpädagogin der Beratungsstelle von "Donum Vitae" in Rosenheim, beobachtet hat. "Das Geld reicht nicht mehr."

Dass Stundenlöhne unter zehn Euro gerade im gewerblichen Bereich gang und gäbe sind, bestätigte Franz Heuberger, Geschäftsführer des "Jobcenters", der früheren "Arge" der Arbeitsagentur Rosenheim. Allein in Prien seien 116 Alleinerziehende auf Arbeitslosengeld (ALG) II angewiesen und weitere 189 sogenannte Bedarfsgemeinschaften. So nennt das Sozialgesetzbuch "Personen, die besondere persönliche oder verwandtschaftliche Beziehungen zueinander haben und die in einem gemeinsamen Haushalt leben" und sich deshalb "in Notlagen gegenseitig materiell unterstützen und ihren Lebensunterhaltsbedarf gemeinsam decken sollen".

Dass es trotzdem für viele nicht reicht, um über die Runden zu kommen, lässt sich an einer weiteren Zahl ablesen, die Heuberger nannte. Der Markt Prien zahlt monatlich 65000 Euro für Unterkunftskosten von "ALG II"-Empfängern. Die haben nach Beckers Überzeugung noch aus einem anderen als dem finaziellen Grund oft Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. "Es gibt einen Verdrängungswettbewerb durch Ruhesuchende, dem können Familien nicht standhalten." Übersetzt: Kinder seien bei Vermietern oft unerwünscht.

Jedes sechste Kind in Deutschland wird mittlerweile als "arm" eingestuft und "fast die Hälfte der hilfebedürftigen Kinder lebt in Ein-Eltern-Haushalten", informierte Professor Dr. Johannes Schröter, bayerischer Landesvorsitzender des Katholischen Familienbundes.

Die finanzielle Notlage, in die gerade Alleinerziehende oft geraten, hat nichts mit deren Einstellung zu tun, im Gegenteil. Heuberger und Schauberger charakterisierten Mütter, die ihren Nachwuchs allein durchbringen müssen, unisono als "sehr fleißig".

Aber die Doppelbelastung Beruf und Familie sei oft nicht unter einen Hut zu bringen, weil "Arbeitszeiten und Betreuungszeiten nicht zusammenpassen", wie Heuberger von vielen Fällen weiß. Der Ruf nach mehr günstiger und flexibler Kinderbetreuung wurde in der Diskussion immer wieder laut. Der Neubau des "Haus für Kinder/Marquette", den die Marktgemeinde für 2012 anpeilt, könnte ein Schritt in diese Richtung sein, denn dabei soll die Zahl der Krippenplätze auf über 30 mehr als verdoppelt werden.

Zur Entlastung Alleinerziehender gab es verschiedene Vorschläge, darunter einen Babysitterservice, Tagesmüttervermittlung oder die von Omas und Opas zur Kinderbetreuung. Solche Angebote baut derzeit das lokale "Bündnis für Familien" auf. "Das wird aber noch nicht so angenommen", berichtete Hof.

Die Zweite Bürgermeisterin hielt die Fahne Priens als "kinderfreundliche Gemeinde" mit entsprechender Infrastruktur hoch. Dass es zu wenig günstige Wohnungen für Familien mit Kindern gibt, ist Hof bewusst.

Auf den Vorschlag, einen örtlichen "Mietspiegel" zu erstellen, ging sie nicht ein. Eine solche offizielle Feststellung örtlicher Preise wäre eine Grundlage für die Berechnung von Zuschüssen an Alleinerziehende und junge Familien.

Wie schnell eine junge Mutter ohne eigenes Zutun in finanzielle Engpässe geraten kann, schilderte eine junge Frau am eigenen, drastischen Beispiel. Ihr Arbeitgeber ging pleite. Arbeitslos melden kann sie sich nicht, denn dazu müsste sie als "arbeitsfähig" eingestuft werden. Zwar kann sie drei Ausbildungsberufe vorweisen, aber momentan nicht die gesetzlich geforderten mindestens 15 Stunden Kinderbetreuung, um als "arbeitsfähig" zu gelten.

Ab September bekommt sie für ihren zweieinhalbjährigen Sprössling einen Platz an drei Tagen in der Woche in der Spielstube des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF). Dann klappts vielleicht mit einem neuen Job. Vorerst hat sie nur einen Ausweg gefunden, um die Krankenkassenbeiträge nicht selbst bezahlen zu müssen: Sie heiratet demnächst ihren Lebensgefährten.

db/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © pa

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