Glockenschmiede öffnete ihre Tore

Wolfgang Ullrich demonstriert in Ruhpolding hochkonzentriert, wie nach getaner Arbeit das Werkzeug noch geschliffen wird. Foto bichler

Ruhpolding - Im Rahmen des Deutschen Mühlentages, an dem sich bundesweit über 1000 Wind- und Wassermühlen beteiligen, öffnete auch die historische Glockenschmiede in Ruhpolding ihre Pforten und gewährte den Besuchern einen Einblick in die Handwerkstradition vergangener Zeiten.

Die Glockenschmiede ist wahrlich ein historisches Kulturdenkmal und gehört zu den noch wenigen bestehenden Hammerschmieden in Bayern. Gleich hinter dem Eingangsbereich auf dem Museumsgelände liegt das historische Hammerwerk, in dem zur Blütezeit des Schmiedehandwerks neben Kuhglocken auch zahlreiche Werkzeuge geschmiedet wurden. Darüber hinaus zieren viele technische Aufzeichnungen, zahlreiche im Original aufbewahre Werkzeuge und Arbeitsmittel und Feuerstellen die Räumlichkeiten.

Besonders beeindruckend liest sich die historische Familienchronik mit dem ersten Eintrag aus dem Jahre 1686. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Glockenschmiede im Besitz der Familie Grübl. Mitte des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts führte Max Grübl senior die Geschichte der Einrichtung fort. Nach dem Kauf des Anwesens im Jahr 1857 begann er die bestehende Hammerschmiede weiter auszubauen und zu modernisieren. Neben Kuhglocken wurden nun auch äxte, Sensen, Schaufeln und Messer gefertigt.

Sein Nachfolger Max Grübl junior musste mit Beginn des Zeitalters der Mechanisierung einen rapiden Umsatzrückgang verzeichnen und reagierte mit einer breiten Palette an Werkzeugen, wodurch er in der umliegenden Region viele neue Kunden gewinnen konnte. Er war es auch, der aus Traditionsbewusstsein Ende des 19. Jahrhunderts damit begann, eine Familienchronik anzulegen. Anfang der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts trat Fritz Grübl das Erbe der Schmiede an und führte die vielfältigen Produkte seines Vorgängers fort. Mit seinem Tod im Jahre 1960 endete der Hammerwerksbetrieb. Um dem drohenden Verfall der Schmiede zu verhindern, ließ seine Witwe Sophie Grübl die nötigsten Reparaturen vornehmen und konnte sie somit samt Inventar erhalten. Heute führen Tyrenna und Wolfgang Ullrich den Betrieb der historischen Hammer- und Glockenschmiede fort.

Im Rahmen einer Führung in der Hammerschmiede ging Tyrenna Ullrich unter anderem auf das Schmiedehandwerk ein, welches um das 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebt hatte und im Ruhpoldinger Tal seit altersher heimisch war. 1826 gab es im Miesenbacher Tal 13 Schmieden, am Ende des 19. Jahrhunderts waren es nur noch sechs Hammerschmiede, die nach und nach der Industrialisierung zum Opfer fielen.

Die Schmiede im Miesenbacher Tal standen in hohem Ansehen, berichtete Tyrenna Ullrich. Wer bei dort arbeiten wollte, musste zunächst seine Kraft bei einer Prüfung, dem so genannten "Hammerkuss", unter Beweis stellen. Dabei galt es, einen schweren Hammer mit ausgestrecktem Arm und nur einer Hand langsam und bedächtig für ein möglich leises Auftreffen auf dem Amboss niederfallen zu lassen, was einen gehörigen Kraftaufwand erforderte. Da zeigte sich schon, wer das Zeug zum Schmied hatte und wer nicht.

Das Schmieden ist eine Methode der Metallbearbeitung, bei der das Rohmaterial Stahl bis zur Rotglut bei 800 bis 1100 Grad Celsius erhitzt wird. Die Schmiede sagen umgangssprachlich "erwärmt" dazu, dabei erweicht es und kann auf dem Amboss in die gewünschte Form gehämmert werden, wie Wolfgang Ullrich nachfolgend demonstrierte. Geschmiedete Schaufeln wurden bis in die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts unter dem Schwanzhammer gebreitet. Wie das in der Praxis aussah zeigten Wolfgang Ullrich und Sohn Martin Ullrich bei einer Vorführung. Die meisten in der Glockenschmiede erzeugten Geräte wurden nach ihrer Fertigstellung noch geschliffen, erklärte Wolfgang Ullrich und führte die Besucher mit dem geschmiedeten Fertigprodukt in die Schleiferei, in der sich ein großer durch Wasserrad betriebener Schleifstein befand. Mit seinem Körpergewicht, rittlings auf einem hölzernen nach allen Seiten beweglichen Brettchen sitzend, drückte Ullrich das Werkstück gegen den rotierenden Stein und vollendete sein Werk in der "Schleif". bjs

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