Glücklich - mit Blasen am Fuß

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Wieder zuhause! Schüler und Eltern lagen sich in den Armen.

Prien - Die Füße sprachen Bände. Nicht in schweren Bergschuhen, sondern in leichten, luftigen Schlappen stieg der kleine Tobias in Prien aus dem Zug. Seine Zehen, seine Fersen waren voller Blasen.

Gezeichnet von den Anstrengungen der vergangenen zwölf Tage kam der Bub mit anderen Förderschülern am Donnerstagabend von einer Wallfahrt wieder zurück - gezeichnet von den Strapazen, aber auch stolz und glücklich, die Tour geschafft zu haben. Wie die anderen 21 Mädchen und Buben, die mit ihm Anfang voriger Woche in Urschalling gestartet waren, hatte auch er das Ziel erreicht: die Wieskirche.

Donnerstag gegen 20 Uhr am Bahnhof in Prien: Mit etwas Verspätung fährt der Regionalexpress 30033 aus Richtung München auf Gleis 1 ein. Am Bahnsteig warten viele Eltern, Freunde und Bekannte auf die Pilger. Mitten drin auch Rektor Hans-Jürgen Brandl. Auch er schnappt sich eines von diesen weiß-gelben Fähnchen, die fleißige Hände verteilen, und fängt dann wie die anderen zu winken an, als die Türen aufgehen. Auch ein Transparent ist weithin sichtbar: "Ein herzliches Willkommen unseren Jakobs-Pilgern Urschalling-Wieskirche".

Aus den hinteren Waggons steigen die Heimkehrer aus dem Zug. Es wird laut, die Freude, sich wiederzusehen, ist bei den Kindern ebenso groß wie bei den Mamas und Papas. Viele Erlebnisse, auch spiritueller Art, haben die Förderschüler mit im Gepäck, doch ihren Eindrücken Sprache verleihen können sie kaum - was sie aber bestimmt nachholen werden. Geschafft sind sie schlicht und ergreifend, müde und froh, gleich zuhause zu sein.

Auch der kleine Tobias wird sich jetzt erst einmal erholen. Schon am dritten Tag der Wallfahrt habe er, wie er erzählt, die ersten Blasen bekommen. "An den Zehen hat's angefangen, dann kamen sie auch an anderen Stellen", erzählt er. Doch aufgeben? Nein, das kam für ihn nicht in Frage. Also pflasterte er immer wieder seine in Mitleidenschaft gezogenen Füße zu - und marschierte dann jeden Tag von Neuem drauf los.

Natalie ist auch k.o. Auch für sie war die Tour sehr anstrengend. Am meisten Kraft gekostet habe, wie sie zurückblickt, gleich am zweiten Tag der Aufstieg auf den Wendelstein. Ihr habe vor allem auch die Hitze zu schaffen gemacht, die jeden Schritt in die Höhe noch schweißtreibender gestaltet habe. Später habe sie sich nur zu gern ins Bett gelegt - so wie an all den anderen Abenden. Und so bezeichnet sie in ihrem persönlichen Rückbick vor allem eins als besonders schön: "das Schlafen" - das Ausruhen also, das Erholen.

Solche und ähnliche Geschichten kann jeder der sieben Mädchen und 15 Buben im Alter von elf bis 13 Jahren erzählen, die nach einer langen Tour nun wieder heimgekehrt sind. Sie haben allen Grund, auf ihre Leistungen jetzt stolz zu sein: Insgesamt 200 Kilometer haben sie zu Fuß zurückgelegt (wir berichteten mehrfach). Am Montag voriger Woche waren sie nach einem Gottesdienst in Urschalling aufgebrochen, am Donnerstag dieser Woche erreichten sie ihr Ziel, die Wieskirche.

Herzlich willkommen! Den Pilgern nach all den Anstrengungen einen gebührenden Empfang bereiteten viele Freunde, Verwandte und Bekannte.

Nicht nur die Tag für Tag großen, immer rund 20 Kilometer langen Etappen verlangten ihnen allein schon alles ab, zusätzlich mussten sie auch gegen die Unbilden der Witterung kämpfen. Einmal begleiteten sie Sonne und Hitze, ein andermal Regen und Kälte. Nur am Samstag mussten sie auf ihrer Wallfahrt eine Zwangspause einlegen. Zu stark waren die Niederschläge, an ein Marschieren war nicht zu denken. Doch an all den anderen elf Tagen schnürten sie jedes Mal ihre Bergschuhe. Auch im Endspurt trotzten sie allen Widrigkeiten: Auf ihrer letzten Etappe marschierten sie drei Stunden lang im Dauerregen bis zur Wieskirche.

Nicht nur die Schüler, freilich auch ihre Begleiter, die mit auf der Wallfahrt waren - drei Lehrer, zwei Studenten und ein pensionierter Pädagoge - legen jetzt erst einmal die Beine hoch. So macht auch Georg Weber, der Organisator der Wallfahrt, nun, da er aus dem Zug ausgestiegen ist, keinen Hehl daraus, "etwas müde" zu sein. Aber auch froh ist er. Der Lehrer freut sich, dass alles so gut geklappt hat in den vergangenen Tagen. Was ihn am meisten freut? Keine Frage, super gelaufen ist die Wanderung, weil alle 22 Kinder den "wahnsinnig anstregenden, anspruchsvollen, weiten Weg geschafft" und das Ziel erreicht haben. Natürlich habe sich an all den Tagen dann und wann da und dort schon einmal eine "Sinnkrise" ergeben. Am Ende jedoch habe keiner aufgegeben.

Nicht nur auf eine x-beliebige Wanderung, auf eine Wallfahrt war er mit den Schülern gegangen. Und so freut ihn nun auch etwas ganz anderes: dass die spirituellen Anregungen "auf Widerhall gestoßen sind". Ob er erneut mit Schülern auf Tour geht? Diese Frage kann er jetzt nicht beantworten. Da ist er nun doch zu müde, um etwas sagen zu können.

pü/Chiemgau-Zeitung

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