Der Goldjunge und die Schattenkinder

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Frischmilch holen beim Bauern - für die 14 Großstadtkinder eines von vielen spannenden Erlebnissen auf dem Irmengardhof. Stolz zeigen sie mit Ex-Weltklasse-Turmspringer Tobias Schellenberg (links hinten) die Kannen her.

Gstadt - Tief eintauchen. Das kann man mit keinem besser als mit Tobias Schellenberg (33). Daheim in Berlin stürzt sich der ehemalige Weltklasse-Turmspringer jeden Donnerstag mit "seinen" Schattenkindern ins kalte Wasser.

Auf dem Irmengardhof ist hierfür gar kein Sprungbrett erforderlich. Zwei Esel, ein paar Hühner und ein Dutzend Kühe reichen, um die Buben und Mädchen aus der Großstadt tief in eine neue Welt eintauchen zu lassen.

Schattenkinder sind Kinder, die eine schwere Erkrankung, Behinderung oder sogar den Tod einer Schwester oder eines Bruders verkraften müssen. Ihre heile Kinderwelt ist schon früh zerbrochen - und im Alltag kommen sie viel zu kurz, spielen immer nur die zweite Geige. Zu kräftezehrend und zeitraubend ist der Kampf, den Papa und Mama gegen das Schicksal und für das Leben ihres kranken Kindes führen.

Für diese Schattenkinder, auch Geschwisterkinder genannt, schaltet Schellenberg, Olympia-Zweiter in Athen 2004, jeden Donnerstag für 90 Minuten die Sonne ein. Im Schwimmbad an der Landsberger Allee wird gesprungen, gehüpft und durch die Luft geflogen, was die Bretter, der imposante Zehn-meterturm und die Gesetze der Physik hergeben.

Zu bestaunen und zu bejubeln gibt es so ziemlich alles, was kleinen Wasserratten Spaß macht: Hechte, Kerzen, Schrauben, Bauchklatscher und - sie dürfen keinesfalls fehlen - Arschbomben. Es sind kostbare Momente des Glücks. Auf der Tribüne treibt es den leidgeprüften Eltern beim Zuschauen die Tränen in die Augen.

Sich einfach mal fallen und treiben lassen - das gelingt den Donnerstags-Wasserratten auch 650 Autobahnkilometer weiter südlich, auf dem Irmengardhof in Mitterndorf bei Gstadt. Eine ganze Woche dürfen sie in der Oase direkt am Chiemsee die Seele baumeln lassen. Die 14 Buben und Mädchen machen große Augen. Sie genießen die Stille. Für alle ist es der erste "Urlaub" ohne Eltern. Für viele die erste Ferienreise überhaupt. Für manche sogar das erste Mal, dass sie der Großstadthektik entkommen.

Den Irmengardhof hat die Björn-Schulz-Stiftung zu einer Ferien- und Nachsorgeeinrichtung für Familien mit schwerst oder unheilbar kranken Kindern umgebaut. Das Haus und die idyllische Umgebung sollen Betroffenen die Chance eröffnen, zur Ruhe zu kommen, Abstand zu gewinnen, Mut zu fassen, Halt zu finden und Kraft zu tanken. Den Aufenthalt am Chiemsee haben die Kinder nicht nur ihrem prominenten Betreuer und der Stiftung zu verdanken, sondern auch den Lesern der OVB-Heimatzeitungen. Sie hatten den Umbau mit ihrer überwältigenden Spendenbereitschaft vor zwei Jahren auf den Weg gebracht.

Schellenberg ist nicht der erste ehemalige Spitzensportler auf dem Hof. Erst wenige Wochen zuvor hatte sich Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner mit "Blümchen", der Therapie-Eselin auf dem Anwesen, angefreundet (wir berichteten). Auch wenn es für den Turmspringer bei Olympia "nur" zu Silber reichte, kann man den heute 33-Jährigen, unter anderem zweifacher Europameister und 24-facher deutscher Meister, als Goldjungen bezeichnen.

Noch zu seiner aktiven Spitzensportler-Zeit hatte der gebürtige Leipziger in seiner Heimatstadt die Geschwister von krebskranken Kindern betreut. Die "Sprungstunden" gab er ehrenamtlich - ein bemerkenswertes Engagement, wenn man bedenkt, dass der Vater eines gesunden Buben (6) täglich sechs Stunden trainierte.

"Beim Wasserspringen lernen die Kinder, Ängste zu überwinden, an ihre Grenzen zu gehen und Selbstvertrauen zu gewinnen", sagt der Diplom-Sozialpädagoge, der seit 2006 für die Björn-Schulz-Stiftung arbeitet.

Erlebnispädagogische Erfahrungen prägen auch das Ferienabenteuer im Chiemgau. Ob beim Klettern, Einkaufen und Kochen - es geht um Sicherheit, Vertrauen und Teamgeist. Und eine prägende Erkenntnis für die Schattenkinder: Sie sind mit ihren Problemen nicht allein, andere empfinden exakt wie sie. Es ist der erste kleine Schritt hin zur Sonnenseite.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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