Sucht: "Schütten alles maßlos in uns rein"

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Markus Tettenhammer (links), Polizeihauptkommissar und Jugend- und Präventionsbeamter beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd, informierte in Grabenstätt über die ernsten gesellschaftlichen Probleme „Alkohol“, „Drogen“ und „Sucht“. Am Ende gab es dann mit Pater Augustin (rechts) und Pfarrgemeinderat Karl-Heinz Austermayer, einem Polizeikollegen von Tettenhammer, (Mitte) doch noch etwas zu lachen.

Grabenstätt - Suchtabhängige gibt es überall, nur nicht bei uns: Polizeihauptkommissar Markus Tettenhammer weiß es besser und informierte in einem Vortrag über Alkohol und Co.

„Das geht mich nichts an, das gibt es irgendwo anders, aber nicht bei uns“, höre er immer wieder, wenn er dienstlich oder auch privat unterwegs sei, aber „in Wirklichkeit ist das Thema ´Alkohol, Drogen und Sucht´ in unserer Gesellschaft unglaublich verbreitet, das ist schon atemberaubend“, meinte Polizeihauptkommissar und Jugend- und Präventionsbeamter beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd, Markus Tettenhammer, bei seinem Vortrag „Sucht, Alkohol und Drogen – die polizeiliche Sicht der Dinge zu neuen Drogen und neuen Gefahren“ im Pfarrsaal.

Aus seiner langjährigen beruflichen Erfahrung wisse er, dass allein der Alkohol „ganze Familien zerstören kann“. Vor allem das Kampftrinken nehme immer bedrohlichere Ausmaße an. „Wir schütten einfach alles maßlos in uns rein“, so Tettenhammer. Gerade die Vorbildfunktion der Eltern sei hier das Allerwichtigste.

15 Millionen Tabaksüchtige und 1,5 Millionen Alkoholjunkies

Während seiner 40-jährigen Dienstzeit habe er viele grausame Sachen erlebt, doch am schlimmsten sei es immer gewesen, „mit einem Pfarrer an der Haustür der Eltern zu klingen und ihnen mitzuteilen, dass ihr Kind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist“. Viel zu oft seien dabei Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen. Mit erschreckenden Zahlen belegte Tettenhammer das allgegenwärtige Suchtproblem. So gebe es in Deutschland 15 Millionen Tabak-Abhängige, jeweils 1,5 Millionen Alkohol- und Medikamenten-Süchtige, sowie drei Millionen Konsumenten illegaler Drogen.

Den Herstellern und Verkäufern gehe es immer nur ums Geld. Die Konsumenten würden die Folgen aber nicht nur im Geldbeutel, sondern irgendwann auch an der eigenen Gesundheit spüren, warnte Tettenhammer mit Verweis auf schwere Lungenerkrankungen sowie Leber- und Gehirnschäden. Nach neuesten wissenschaftlichen Studien sollen bei einem Vollrausch im Gehirn eine Million Nervenzellen abgetötet werden, gab Tettenhammer zu bedenken. Die Gehirnzellen, von denen man etwa 20 Milliarden besitze, könnten sich zwar meist schnell regenerieren und neue Verknüpfungen herstellen, doch irgendwann sei der Punkt erreicht, wo dies nicht mehr funktioniere.

Shishas und E-Zigaretten keineswegs ungefährlich

Immer wieder höre man, dass die Modeerscheinung „Shisha-Rauchen“ (Wasserpfeife) weniger gefährlich sei als das Rauchen herkömmlicher Zigaretten, doch in Wahrheit filtere das Wasser keine Schadstoffe. Vielmehr werde der Rauch damit nur abgekühlt und könne dann noch tiefere Lungenbereiche schädigen, so der Jugend- und Präventionsbeamte. Hoch im Kurs stehe bei Jugendlichen derzeit auch das Rauchen mit E-Zigaretten, also elektrisch beheizte Geräte zur Verdampfung einer aromatisierten Flüssigkeit.

Im Gegensatz zur traditionellen Zigarette finde dort keine schwelende bis glimmende Verbrennung von Tabak oder anderen Pflanzen statt, betonte Tettenhammer und kritisierte die „nicht geregelte Rechtslage“. Im Jugendschutzgesetz stehe nämlich nur, dass die Abgabe, der Verkauf und die Weitergabe von Tabakwaren an Kinder und Jugendliche verboten sei. Sollten die „weichen Drogen“ wie die „Einstiegs- und Jugenddroge Cannabis“ legalisiert werden, „dann haben wir verloren, dann ist unsere Drogenpolitik endgültig gescheitert“, warnte Tettenhammer.

Hände weg von "Legal Highs"

Ungemein gefährlich seien auch die sogenannten „Legal Highs“. Darunter verstehe man Drogen, die als Kräutermischungen, Lufterfrischer, Reiniger, Badesalze oder Legal Ectasies angeboten werden. Zudem gebe es immer mehr Opfer von K.o.-Tropfen. Als „eine der gefährlichsten Drogen überhaupt“ bezeichnete der Referent die preisgünstige „Teufelsdroge Crystal Meth“. Das aufputschende Crystal gehöre zu den am schnellsten zerstörenden Drogen überhaupt, könne geschnupft, teilweise geraucht, in Wasser gelöst intravenös injiziert oder auch rektal verabreicht werden und mache sofort abhängig. Durch die offenen EU-Grenzen werde die häufig verunreinigte Modedroge aus Osteuropa fast ungehindert eingeführt.

Abschließend bedankte sich Pfarrgemeinderat und Organisator Karl-Heinz Austermayer bei seinem Polizeikollegen Tettenhammer für den „informativen Vortrag“. Auf die Bitte von Hausherr Pater Augustin, im nächsten Jahr doch unbedingt wiederzukommen, erwiderte Tettenhammer schmunzelnd: „Leider nicht, da bin ich nämlich schon in Pension“.

mmü

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