Tagebuch erscheint zum Geburtstag

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Gustav Meyer mit seinen Tagebuchaufzeichnungen. Foto ga

Seeon-Seebruck - Musiker Gustav Meyer veröffentlicht sein Tagebuch unter dem Namen “Zwei Weltkriege - Schicksal eines Vaterlandverteidigers".

Fast zehn Jahre war ein kleines grünes Büchlein, versteckt zwischen Notenblättern, heimlicher Begleiter des Musikers Gustav Meyer, der am morgigen Sonntag seinen 95. Geburtstag feiert. Während des Zweiten Weltkrieges und in der Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft führte der gebürtige Hamburger, der heute in Wattenham bei Seeon lebt, Tagebuch. Dieses einmalige Zeitdokument Meyers wird unter dem Titel "Zwei Weltkriege - Schicksal eines Vaterlandverteidigers" im Rahmen einer familiären Geburtstagsfeier vorgestellt.

Braungebrannt, mit vollem weißem Haar und bestens gelaunt, holen ihn im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung gleichzeitig seine Erinnerungen an die Vergangenheit ein. Im August 1939 wurde der damals 25-jährige Berufsmusiker mitten aus den Meistersingerproben an der Berliner Volksoper herausgerissen und zum Kriegsdienst im Musikkorps verpflichtet. Von da an nahm das Schicksal seinen Lauf: Deutschland, Polen, Luxemburg, Belgien, Frankreich und schließlich drei Jahre Kriegsgefangenschaft in Lettland und Russland.

Immer in der Rocktasche mit dabei ein kleines grünes Notizbüchlein, das ihm seine erste Frau an die Front geschickt hatte, damit er alle seine Erlebnisse aufschreibe. "Ich habe dies Büchlein für Dich gekauft im Gedanken an die schönen traulichen Stunden, wo du mir die in ihm aufgezeichneten Erlebnisse vorlesen wirst", schrieb seine Frau im Feldpostbrief. Von diesem Tag an hat er die alltäglichen Grausamkeiten des Krieges und das scheinbar ganz Nebensächliche darin fein säuberlich in Sütterlin-Schriftzeichen aufgeschrieben. "Jeden Abend und in den Ruhepausen habe ich etwas aufgezeichnet", erinnert sich Meyer.

So konnte er sich gleichermaßen in dem heute noch erstaunlich gut erhaltenen Büchlein die Erlebnisse ganz nah an den Ereignissen von der Seele schreiben, sie los werden. Selbst seine Leidenschaft am Komponieren hat er in den Kriegswirren nicht verloren. Die Originalnoten, die er vor der Zensur der Russen retten konnte, weil, wie er sagte, die Russen viel für Kunst und Musik übrig gehabt hätten, sind ebenfalls in dem 150-seitigen Buch abgebildet.

Gustav Meyer wurde am 13. September 1914 sozusagen in den Ersten Weltkrieg hineingeboren. Nach dem Schulabschluss studierte er Komposition und Oboe am Hamburger Krüss-Färber Konservatorium und war später Erster Oboist an der Volksoper Berlin. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 musste er seinen Frack gegen die Uniform tauschen. Nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft bekam er 1949 ein Engagement beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, bei dem er nach 30-jähriger Orchestertätigkeit nach Erreichen der Altersgrenze ausgeschieden ist. Zahlreiche Kompositionen für Orchester, Kammermusik, Lieder und Parforcehornbläser tragen seine Handschrift.

In den Chiemgau hat es den damals passionierten Reiter in den 1970er-Jahren verschlagen. Mit großem Glück konnten er und seine Frau Karin ein kleines Häuschen in Wattenham erwerben, das sie nach und nach ausgebaut haben.

Karin Meyer und ihrer Schwester Ingeborg Fahrenkamp-Schäffler ist es eigentlich zu verdanken, dass dieses einmalige Zeitdokument jetzt veröffentlicht wurde. Durch Zufall habe sie das Büchlein entdeckt und ihren Mann dazu ermutigt, die authentischen Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Eigentlich sollte das Buch eine Überraschung zum 95. Geburtstag werden. Strenge Geheimhaltung war über lange Zeit angesagt: "Zeigen wir es ihm oder nicht?" Die Schwestern entschieden, das Geheimnis vorzeitig zu lüften, "sonst wäre er am Geburtstag durchgedreht".

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