Schwierige Vergangenheits-Bewältigung

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Der frühere GWC-Vorstand Otmar Steßl.

Bad Endorf - Wirtschaftlich ist die Gesundheitswelt Chiemgau auf dem aufsteigenden Ast, doch schwelende Gerichtsverfahren rund um die Kündigung des früheren Vorstandes Otmar Steßl belasten die GWC noch.

Der Konzern Gesundheitswelt Chiemgau (GWC) hat 2010 das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr seit Gründung vor acht Jahren erlebt. Trotz weiterer Konsolidierung zeigte die Hauptversammlung im Bad Endorfer Kultursaal, dass sich die AG nach wie vor mitten in einer schwierigen Vergangenheitsbewältigung befindet. Die noch schwelenden Gerichtsverfahren rund um die Kündigung des früheren Vorstandes Otmar Steßl sowie weitere „Altlasten“ erschweren den Geschäftsalltag.

Die personelle Neuaufstellung der Managementebene in der GWC mit Therme, zwei Kliniken, Hotel sowie ambulantem Reha- und Gesundheitszentrum wird 2011 abgeschlossen. Wie Aufsichtsratsvorsitzender Hieronymus Stockinger in der Aktionärsversammlung mitteilte, steht ein Vertrag mit einem zweiten Vorstand kurz vor dem Abschluss. Damit wäre die vor zwei Jahren mit der Berufung von Dietolf Hämel als Vorstand begonnene Neustrukturierung mit dem Ziel, die Schlagkraft für das operative Geschäft und die Finanzen weiter zu erhöhen, abgeschlossen.

Hämel hat in den ersten zwei Jahren seiner Tätigkeit als Vorstand - trotz schwieriger Rahmenbedingungen aufgrund von noch laufenden juristischen Auseinandersetzungen - den Weg in eine wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftspolitik bereitet, verdeutlichte die grundsätzlich positiv geprägte Stimmung während der Hauptversammlung. Die emotionalen Tumulte vergangener Jahre blieben aus. Trotzdem mussten sich der zum Teil ebenfalls neu besetzte Aufsichtsrat und der Vorstand erneut kritischen Fragen der Aktionäre stellen. Bereits zu Beginn der Versammlung hatte eine technische Panne für einen verzögerten Start gesorgt: Das Scannen der anwesenden Aktionäre, die etwa 85 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertraten, misslang. Alle mussten sich neu registrieren lassen.

Der weitere Verlauf war jedoch durch die Präsentation eines Geschäftsjahres, das die Ergebnisziele nach Einschätzung von Hämel "gut und zuverlässig" erreicht hat, geprägt. 2010 erwirtschaftete der Konzern einen Jahresüberschuss von 1,933 Millionen Euro - eine deutliche Verbesserung gegenüber 2009, als der Überschuss 778.000 Euro betrug. Die Gesamtleistung der Gesundheitswelt Chiemgau betrug 42.287.000 Euro, 525.000 Euro mehr als im Vorjahr. Mit dem Geschäftsabschluss 2012 wird sogar erstmals eine "Dividendenfähigkeit" erwartet, wagte Hämel eine vorsichtige Prognose.

Seine Ausführungen in der Hauptversammlung, die vom neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Stockinger souverän geleitet wurde, zeigten jedoch auch deutliche Schwankungen bei der Erfolgsbilanz der einzelnen Geschäftsfelder. Neben umsatzstarken Töchtern wie der Simssee Klinik, die 2010 zu 91,8 Prozent belegt war und ebenfalls in der Führungsebene einen chefärztlichen Leitungswechsel vollzogen hat, und der ebenfalls auf der Gewinnseite operierenden Klinik St. Irmingard in Prien sowie dem boomendem Thermenhotel "Ströbinger Hof", das das erfolgreichste Geschäftsjahr seiner Geschichte feierte, gibt es defizitäre Bereiche wie das ambulante Reha- und Gesundheitszentrum in Rosenheim und das "Sorgenkind", die Chiemgau Thermen. Letztere schlossen das Jahr 2010 mit einem Minus von 695.000 Euro ab - auch eine Folge des Besucherrückgangs, der sich im vergangenen Jahr weiter fortsetzte. 2011 hofft Hämel angesichts optimistischer Entwicklungen jedoch darauf, dass dieser gestoppt werden kann. Der Vorstand kündigte eine kritische Überprüfung einzelner Geschäftsbereiche innerhalb der Thermen an. Als Angebot, das beide Kernkompetenzen des Konzerns, Gesundheit und Tourismus, gleichermaßen bedient, ist die Therme jedoch ein bedeutendes Aushängeschild der AG - auch wenn Großinvestitionen wie Brandschutz finanziell belasten.

Bei der Generaldebatte vor der mit großer Mehrheit durchgeführten Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat legten einige Aktionäre, die insgesamt etwa 84 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertraten, die Finger in Wunden, die noch lange nicht geheilt zu sein scheinen: Erneut ging es um die Frage, ob beim Umbau der Therme angesichts der Kostenüberschreitungen der Aufsichtspflicht ausreichend nachgekommen worden ist. Die Tatsache, dass der Aufsichtsrat im vergangenen Jahr 14-mal getagt hatte, führte zum Vorwurf, nicht effektiv genug zu arbeiten. Stockinger trat dem mit dem Hinweis entgegen, wie nach den Vorkommnissen im Jahr 2008 gefordert der Aufsichtspflicht intensiver nachgegangen zu sein.

Manchen Aktionären geht auch die Planung des Parkhauses nicht schnell genug voran. Sie sorgen sich um die Kosten, die durch die notwendige Sanierung der Bohrung II auf den Konzern zukommen und fordern eine "Entflechtung" der Besitzverhältnisse. Die Marktgemeinde Bad Endorf ist nach wie vor Hauptaktionärin mit 76 Prozent der Anteile. Ein Verkauf oder Teilverkauf an einen Investor steht zur Diskussion.

Während das Ende der juristischen Auseinandersetzungen rund um die Kündigung des früheren Vorstandes Steßl nach wie vor in einigen Punkten offen ist, läuft bereits die von der Marktgemeinde geforderte Sonderprüfung, in der die Pachtverträge zwischen Kommune und Chiemgau Thermen sowie Abwasserzahlungen an die Gemeinde im Mittelpunkt stehen. Die Kosten für das Verfahren wurden von Hämel auf Nachfrage eines Aktionärs auf 5000 bis 10.000 Euro geschätzt. Trotz dieser und vieler weiterer Altlasten aus den vergangenen Jahren appellierte Aufsichtsratsvorsitzender Stockinger dafür: "Wir sollten nach vorne schauen und uns nicht von der Vergangenheit aufarbeiten lassen."

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser