"Haben es verdammt gut"

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Heidi Schulte arbeitete als Sanitäterin der Malteser in einem Lazarett in Haiti.

Prien (CH-Z) - Vor wenigen Tagen ist die Prienerin Dr. Heidi Schulte aus Haiti zurückgekehrt. Eine Woche lang arbeitete sie dort als Malteser-Sanitäterin in einem Lazarett in der Nähe der Stadt Leogane im Norden der Insel, 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Port-au-Prince.

Das Lazarett war eine Wellblechhalle ohne Fenster, nur mit ein paar kleinen Luken. "Zum Glück hatten wir Beleuchtung und Generatoren mitgebracht, die allerdings einen Höllenlärm machten", erzählt Heidi Schulte im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

Rund um die Uhr operierten dort Ärzte und nahmen in erster Linie Amputationen vor. Die Erdbebenopfer hatten fast allesamt Wundinfektionen, bedingt durch das Dengue-Fieber, das wiederum durch Insekten und das feuchte Klima ausgelöst wird. Die Patienten, darunter auch viele Kinder, wurden Tag und Nacht von ihren Angehörigen auf deren Armen oder auf Handkarren ins Lazarett gebracht.

Im Lazarett befanden sich drei so genannte Operationsräume, wo neben Bein- und Armverletzungen auch viele Beckenbrüche behandelt wurden. Die Ärzte waren hauptsächlich Orthopäden und die OP-Ausstattung stammte von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie sowie vom Deutschen Ärzte- und Apothekerverband, finanziert aus Mitgliederbeiträgen und Spenden.

Die operierten und amputierten Patienten erhielten aus diesem Fonds ebenso Krücken. "An Prothesen war zunächst gar nicht zu denken, denn die Wunden müssen ja erst verheilen", sagt Schulte.

Dank der Hilfsorganisation Unicef, deren Helfer die kleinen Mädchen und Buben im nahe gelegenen Kinderhaus betreuten, waren einheimische Frauen in der Lage, im Lazarett mitzuhelfen. Sie reinigten beispielsweise die OP-Bestecke. "Wir arbeiteten in Schutzanzügen und mit Mundschutz, dennoch war der Gestank oft unerträglich", berichtet Schulte. "Wir", das bedeutetet ausgebildete Sanitäter von den Maltesern und vom Roten Kreuz.

Heidi Schulte hatte bereits vor ihrer Abreise Verbandszeug und Erste-Hilfe-Kästen gesammelt, wo sie nur konnte. Zum Beispiel bei den Mitgliedern des Kirchenchors von Mariä Himmelfahrt, wo sie seit Jahren im Sopran singt. "Und im ,NKD' habe ich alle Flip-Flops und T-Shirts aufgekauft."

Darüber seien die Haitianer überglücklich gewesen, denn sie besaßen weder Schuhe noch Hemden. Auch in der St.-Irmingard-Klinik, wo die Sportwissenschaftlerin Patienten, aber auch Externe trainiert, beispielsweise an Osteoporose Erkrankte, hat Schulte für "ihre" Haitianer gesammelt.

Die schrecklichen Eindrücke aus Haiti hat sie längst noch nicht verarbeitet. Immer wieder sagt sie zu ihren Bekannten: "Wir haben es so verdammt gut hier." Doch obwohl oder weil sie so Furchtbares in Haiti erlebt hat, möchte sie so bald wie möglich, spätestens im Juni, dorthin zurückkehren und erneut als Sanitäterin helfen. Im Sportreferat des Münchner Kultusministeriums, wo die promovierte Sportwissenschaftlerin arbeitet, wird sie sicher, wie auch beim letzten Mal, beurlaubt werden.

Die Hilfsaktion in Haiti war nicht der erste Einatz für Schulte als Sanitäterin. Seit sie ihre Ausbildung als Rettungssanitäterin vor 18 Jahren bei den Maltesern absoviert hat, war sie bereits dreimal in armen Ländern tätig, zunächst in Tansania, dann zweimal in der Dominikanischen Republik.

"Das Helfersyndrom ist mir wohl in die Wiege gelegt worden", sagt die gebürtige Ostfriesin. "Meine Mutter hatte, nachdem ihre Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, stets an Hilfsaktionen teilgenommen und war mit der Albert-Schweitzer-Medaille ausgezeichnet worden", erzählt Schulte.

Für sie selbst ist es selbstverständlich, dass sie alljährlich dabei ist, wenn im "Hofbräuhaus" von ehrenamtlichen Helfern Essen an Obdachlose ausgeteilt wird. Ebenso gehört Schulte der Münchner Unicef-Gruppe an. Dort werde im Moment alles dafür getan, um in Haiti weitere Häuser für Waisenkinder errichten zu können. Unicef möchte damit verhindern, dass Kinder, die beim Erdbeben ihre Eltern verloren haben, die Beute von Kinderhändlern werden.

Spenden für diesen Zweck sind auf das Konto 303040400 der Dresdner Bank München, BLZ 70080000, möglich. Ansprechpartnerin bei der Unicef München ist Barbara Illner, Neumarkter Straße 21, 81673 München.

Gertie Falk/Chiemgau-Zeitung

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