Hauptschüler proben den Ernstfall

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Blickkontakt halten ist wichtig beim Bewerbungsgespräch. Jennifer Pelzl macht es richtig. Sie schaut Bernadette Schöttke von der AOK an.

Prien (ch-z) - Seit über einem Jahr bereiten sich die jetzigen Neuntklässler der Franziska-Hager-Hauptschule auf den Tag X vor - das erste Bewerbungsgespräch.

Jetzt konnten die 90 jungen Damen und Herren in Einzelgesprächen bei zwölf Firmenvertretern den Ernstfall proben. Das Fazit des Bewerbungstrainings fiel überwiegend positiv aus.

Obwohl es "nur" ein Test war: Die Nervosität war bei vielen Kandidaten spürbar. Unter den Trennwänden der Kabinen in der Turnhalle wippten manche Füße hektisch, während die Neunt- und Praxisklassler ihren Gegenübern Rede und Antwort standen.

Ein fester, entschlossener Händedruck, Blickkontakt, aufmerksames Zuhören und offenes Auftreten sind für Bernadette Schöttke wichtige Grundvoraussetzungen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Die Expertin der AOK Rosenheim arbeitet seit fünf Jahren mit Priener Hauptschülern. Sie kommt schon in der achten Jahrgangsstufe in die Klassen, um die Azubis von übermorgen vorzubereiten, ihnen Kniggeregeln zu erklären und den jungen Leuten Tipps für individuelle Bewerbungsschreiben mit auf den Weg zu geben.

Das Logo der jeweiligen Firma oder deren Unternehmensfarbe für einen solchen Brief zu verwenden, könne viel ausmachen, weiß Schöttke. Eindringlich appelliert sie an die Jugendlichen, sich vor einem Termin über die jeweilige Firma zu informieren, zum Beispiel im Internet, und dann mit ihrem Wissen "nicht hinterm Berg zu halten".

In fünf Jahren hat Schöttke deutliche Verbesserungen des Bewerbungsniveaus bei den Priener Hauptschülern beobachtet. Das liegt wohl auch an der Schulsozialarbeit. Maren Welkener trainiert gezielt mit den jungen Leuten, geht mit ihnen auch Bewerbungsmappen einzeln und in Ruhe durch. Heuer war es für sie nicht einfach, die 90 Kandidaten den Firmenvertretern adäquat zu potenziellen Wunschjobs zuzuordnen. Nicht weniger als 40 verschiedene Ausbildungsberufe hatten die jungen Leute im Vorfeld genannt.

Manche davon eröffnen bessere Chancen als andere, weiß Michael Niedermaier von der Rosenheimer Agentur für Arbeit. Eine Entlastung am regionalen Ausbildungsmarkt kann er derzeit noch nicht erkennnen, sagte er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Während der Sprung in einen Ernährungsberuf, also zum Beispiel Bäcker, Metzger oder Koch, seiner Einschätzung nach momentan auch für einen mittelmäßigen Hauptschüler "machbar" ist, sind vor allem in kreativen Berufen Lehrstellen rar. Am schwierrigsten schätzt Niedermaier die Chancen in "grünen" Berufen ein, also beispielsweise als Landschaftsgärtner oder Floristin (15 Stellen für 80 Bewerber/innen).

Der Fachmann erwartet einmal mehr ein "heißes Jahr" beim Versuch, möglichst vielen Schulabgängern eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Im Elektrikbereich gebe es zurzeit noch etwas mehr Lehrstellen als Bewerber, in Metallberufen sei es umgekehrt. Das Fazit der Firmenvertreter nach den Tests fiel zum weit überwiegenden Teil positiv aus. Wolfgang Tschuschner von der Volksbank-Raiffeisenbank, Alexander Klammer von der Priener Gemeindeverwaltung und Thomas Fischer von der Barmer lobten ihre Gesprächspartner, besonders deren Unterlagen. Der ein oder andere Neuntklassler muss allerdings noch etwas gesprächiger werden, wenn es wirklich ernst wird. Und auch die typische Jugendsprache sollten sich die Hauptschüler verkneifen. Die ist manchen bei der Vorbereitung in den Klassen zu oft rausgerutscht, weiß Klassleiterin Gabriele Große-Ahlert.

db/Chiemgau-Zeitung

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