Verschlossene Türen öffnen sich

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In diesem 70 Jahre alten Kessel entstehen edle Inselschnäpse.

Chiemsee - Die Herreninsel kennt jeder, das Schloss sowieso. Aber beileibe nicht jede Tür auf dem Eiland öffnet sich für Besucher. Bei der "Winterzauber"-Führung "Obstbrand und Damenphaethon" lässt sich das ändern.

Das Depot mit historischen Kutschen, die Gewächshäuser der Gärtnerei oder die Schnapsbrennerei kennen auch die allermeisten Einheimischen nur vom Hörensagen. Bei der "Winterzauber"-Führung "Obstbrand und Damenphaethon" lässt sich das ändern. Noch bis 11. Februar wird sie jeden Freitag angeboten.

Schon bei der Überfahrt um 10 Uhr von Prien-Stock zur Insel stimmt Konrad Hollerieth die Teilnehmer ein, erzählt von der Entstehung der Kreuzkapelle und der Rettung des Waldes. Die hat Herrenchiemsee Ludwig II. zu verdanken, der die Insel 1873 einer Holzverwertungsgesellschaft abkaufte.

Fünf Jahre später begann der Bau von Schloss Herrenchiemsee, der ersten Station des rund vierstündigen Rundgangs. Beim Rundgang kann auch der vermeintlich kundige Gast noch neue Details über die prunkvolle Einrichtung erfahren. Nur der letzte Teil der obligatorischen Führung muss derzeit ausfallen. Unvollendetes Treppenhaus, Tischlein-deck-dich, Bad und Ankleidezimmer des Königs sind wegen der Umbauarbeiten für die Landesausstellung gesperrt.

40.000 Stiefmütterchen werden in den Gewächshäusern der Inselgärtnerei herangezogen - ein einziges blüht schon.

Zurück im Freien wartet Sigi Angerer, der Chefgärtner der staatlichen Verwaltung. Nur ein paar Schritte vom Glanz des Königsschlosses entfernt lockt er eigens für die "Winterzauber"-Gäste "Fritz" an. Ein paar Pfiffe, Rufe und ein Eimer voll Futter - schon trabt der sechsjährige Hirsch gemächlich heran. Kurz darauf folgt auch seine 22-köpfige Herde und bringt sich für Erinnerungsfotos am Futtertrog in Stellung. Natürlich kann Angerer nicht garantieren, dass der Lockruf jedesmal Erfolg hat. Bei der ersten Tour der Saison haben die Teilnehmer doppelt Glück - denn auf dem Fußweg in Richtung ehemaliges Augustiner Chorherrenstift zeigen sich am Waldrand auch noch die fünf Tiere, die vor einiger Zeit aus dem Gehege ausgebüchst sind und seither über das Eiland streunen.

Spontan nimmt Angerer die Besucher mit zu einem kurzen Abstecher in die Gewächshäuser. Palmen, riesige Kakteen, Orangen- und Zitronenbäumchen lassen das eher durchwachsene Wetter draußen kurz vergessen. Und die 40.000 zarten Stiefmütterchen-Pflänzchen, die fein säuberlich aufgereiht darauf warten, im Frühling draußen eingepflanzt zu werden, geben in der Masse ein imposantes Bild ab.

Nicht minder beeindruckend ist das, was die Besucher ein paar Meter weiter zu sehen bekommen, wenn Helmut Meidert die Türen des Kutschen-Depots öffnet. Dort steht ein knappes Dutzend historischer Kutschen, allesamt aus dem späten 19. Jahrhundert und bestens in Schuss. In den 1950er-Jahren wurden sie angeschafft, als immer mehr Touristen kamen, denen der Fußweg vom Dampfersteg zum Schloss und zurück zu beschwerlich war. Meidert kann jede Menge über die Geschichte der Karossen und deren Technik erzählen - auch über den "Damenphaethon", der für den Titel der Führung Pate stand.

So viel Meidert über Kutschen und Pferde weiß, so fachkundig ist Angerer, wenn es ums Schnapsbrennen geht. Von 220 tragenden Bäumen, in der Mehrzahl Apfel und Birnensorten, bezieht er die Rohstoffe für edle Tropfen. In 22 Jahren auf der Insel hat er seine Kenntnisse ebenso verfeinert wie die Endprodukte, die in einem 70 Jahre alten Kessel mit Holzheizung destilliert werden.

So erklärt Angerer den staunenden Zuhörern beispielsweise, dass die Walnüsse spätestens am Thomastag, dem 14. Juli, geerntet werden müssen, damit sie ihr volles Aroma entfalten.

Bis zu 3000 Liter Hochprozentiges entstehen im Jahr, die zwar nur handverlesen verkauft werden. Aber natürlich dürfen die Teilnehmer der Führung kosten - und genießen ein 40-prozentiges, aber trotzdem mildes Stamperl Inselschnaps. Und gleich wechseln ein paar Flaschen gegen Bares den Besitzer.

Auch im Augustiner Chorherrenstift gibt es unter Hollerieths sachkundiger Leitung noch einiges zu entdecken, nicht nur die Wohnräume von Ludwig II., den Raum, in dem das Grundgesetz geschrieben wurde, Barock- und Fürstensaal mit ihren farbenprächtigen Wandmalereien. Auch über die Entstehung der Künstlerkolonie Frauenchiemsee, die ihren Ursprung 1828 nahm, als der Münchener Kunststudent Max Haushofer sein Herz an die Wirtstochter Anna Dumbser verlor, können die Teilnehmer beim Gang durch die Chiemseemaler-Ausstellung noch so manches lernen.

von Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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