"Heute lasse ich das erste Glas stehen"

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Prien - Seit 20 Jahren trifft sich in Prien die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA). Alois hat das offene Treffen geholfen, als sein Leben aus dem Ruder geriet.

Hier nahm auch Alois (alle Namen geändert) erstmals an einem offenen Treffen teil. "Ich dachte mir, so ein Quatsch, was die da erzählen. Ohne mich. Ich habe meine Bierchen getrunken wie jeder andere auch." Das war kurz nachdem er seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgeben musste, die Frau ihm einen neuen Partner präsentierte und die Scheidung einreichte.

Dass an allem der Alkohol schuld war, wollte der Bernauer damals nicht wahrhaben. Trotzdem trank er munter weiter. "Jetzt erst recht, keiner schimpft mehr", dachte er sich. Es ging weiter nach unten mit ihm, der Führerschein war bald zum zweiten Mal weg, eine weitere Partnerschaft in die Brüche gegangen. Nun kündigte ihm die Firma die Entlassung an und er litt an starken Depressionen. Irgendwann nach einer tagelangen Sauftour kam die Wende. "Ich konnte nicht mehr, ich war fertig" erinnert sich Alois. Er beschloss, wieder zu den AA zu gehen - drei Jahre nach seinem ersten Kontakt zu der Selbsthilfegruppe. Seine neue Partnerin hatte sich zwischenzeitlich der Angehörigengruppe (Al-Anon-Familiengruppe) in Traunstein angeschlossen, in der sie Kraft und Hoffnung fand, um ihr Leben mit einem alkoholkranken Menschen zu bewältigen.

Alois besucht nun regelmäßig die "Meetings" in Prien. Seitdem ist er trocken. "Auf einmal habe ich es kapiert, um was es den AA-Freunden geht", erzählt Alois, "dass es entscheidend ist, heute das erste Glas stehen zu lassen". Früher habe er ja auch aufhören wollen, aber erst morgen, am Wochenende oder nach dem Urlaub. "Hier zählt nur, die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben".

Dass dieser Leitsatz es leichter macht, von der Flasche wegzukommen, bestätigen auch die anderen AA-Freundinnen und -Freunde, die sich an diesem Abend im Gruppenraum im Caritaszentrum in der "Alten Post" treffen. Silvia zum Beispiel meint: "Mir hat es sehr geholfen, dass ich erst einmal wusste: Es ist nur für heute und nicht für immer". Denn ein Leben ohne Alkohol habe sie sich gar nicht vorstellen können. "Es gab tausend Gründe, um zu trinken: Freude, Wut, die blöde Schwiegermutter, den doofen Chef", schmunzelt sie heute.

Schritt für Schritt habe sie lernen müssen, die täglichen Schwierigkeiten ohne Wein und Whisky zu bewältigen. "Und noch etwas habe ich bei den Anonymen Alkoholiker gelernt, sich einzugestehen, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leide, die jedoch zum Stillstand gebracht werden kann, indem ich heute das erste Glas stehen lasse. Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will", betont Silvia.

Für die meisten AA-Mitglieder sind die regelmäßigen "Meetings" lebenswichtig, auch wenn sie schon mehrere Jahre trocken sind. Walter zum Beispiel, der kürzlich zugezogen ist und sich der Priener Gruppe angeschlossen hat, denkt oft wochenlang nicht an die Droge. Trotzdem besucht er regelmäßig die "Meetings", nicht nur in Prien, sondern auch in Traunstein, Traunreut, Rosenheim.

Im südostbayerischen Raum gibt es über 25 AA-Gruppen und etwa zehn Al-Anon Familiengruppen (für Angehörige). "Bei uns geht es nicht nur um den Alkohol", erklärt Walter, "sondern dass wir lernen, ohne ihn zurechtzukommen." Da sei es eben hilfreich, sich einfach auszusprechen. Gerade das schätzen viele AA-Mitglieder an der Gruppe. "Ich weiß, hier kann ich mir meine Probleme von der Seele reden", sagt Beate, "und zwar ohne dass ich ausgelacht oder zur asozialen Alkoholikerin abgestempelt werde." Hier treffen sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Arbeiter, Akademiker, Hausfrauen, Beamte und Angestellte, Jung und Alt.

Alle Mitglieder bleiben anonym

In Prien treffen sich die AA seit 1992, um miteinander Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen - wie es in der Präambel der Selbsthilfegruppe heißt. Die einzige Voraussetzung zur Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Alle Mitglieder bleiben anonym, sie sprechen sich nur mit dem Vornamen an. Alter, Beruf, soziale Stellung und Herkunft bleiben unangesprochen.

re/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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