"Hilferufe" aus der Schlucht

"Dramatische" Bilder vom Einsatz an der Kampenwand: Retter kämpfen um das Leben der scheinbar schwer verletzten 30-Jährigen, holen sie per Seilwinde aus der Schlucht und fliegen sie ins Krankenhaus nach Harlaching. Fotos rehberg

Bad Endorf - Mal setzt sie den Notruf in der Schlucht selbst ab, mal schüttet sie sich Ketchup über den Kopf: Seit zwei Jahren inszeniert eine 30-Jährige aus dem Chiemgau einen Unfall nach dem anderen.

Lesen Sie hier den Bericht aus der Chiemgau-Zeitung:

"Hilferufe" aus der Schlucht

Mal setzt sie den Notruf in der Schlucht selbst ab, mal stellt sie sich am Fuß eines Hangs bewusstlos, mal schüttet sie sich Ketchup über den Kopf und legt sich an den Straßenrand: Seit zwei Jahren schon erfindet und inszeniert eine 30-jährige Frau aus dem Chiemgau einen Unfall nach dem anderen - meist in der heimischen Bergwelt. Schon achtmal mussten die Bergretter wegen der jungen Frau ausrücken, die an einer seltenen Krankheit leidet.

Getrieben vom Münchhausen-Syndrom, sucht sich die Frau immer neue Schauplätze für ihre inszenierten Notfälle: An diesen acht Bergen wurde sie schon von Bergwacht-Mannschaften "gerettet". Grafik Kartographischer verlag Huber & steuerer GbR

Bad Endorf - Bei erfundenen Geschichten denkt man sofort an die Lügenmärchen des Freiherrn von Münchhausen, der auf Kanonenkugeln ritt und sich samt Pferd am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zog. Doch es gibt auch ein seltenes Krankheitsbild, das diesen Namen trägt: das Münchhausen-Syndrom, bei dem Menschen Krankheiten, körperliche Beschwerden und Notfälle selbst inszenieren, um Aufmerksamkeit und Zuspruch zu erfahren (siehe Kasten).

Die Frau aus dem Chiemgau leidet daran - Polizei und Retter stehen dem Phänomen fassungs- und ratlos gegenüber. "So etwas hat es bei uns noch nie gegeben", sagt Hans Feistl, Einsatzleiter der Bergwacht Sachrang-Aschau.

"Um ihre vermeintlich schweren Verletzungen zu heilen, war keine Operation notwendig, sondern lediglich eine Portion Shampoo", erklärte die Priener Polizei zum jüngsten "Unfall": Anfang der Woche fand ein Ehepaar die Frau, die scheinbar von einem Auto angefahren worden war und an der Gemeindeverbindungsstraße zwischen Rimsting-Bahnhof und Hemhof (Gemeinde Bad Endorf) lag. Die Ersthelfer kümmerten sich um das "Unfallopfer" - aber nach dem Eintreffen einer Polizeistreife kamen schnell Zweifel auf, dass es sich um echte Blessuren handelte. Als ein paar Meter weiter im Wald eine leere Ketchup-Plastiktüte gefunden wurde, war der Schwindel aufgeflogen.

Bei den "Bergunfällen" - nichts anderes als Hilferufe einer seelisch kranken Frau - lief es anders. Meist kamen erst die Notärzte in den Kliniken dahinter, dass sie es mit einer Simulantin zu tun haben. So wie beim letzten "Absturz" im November im Kampenwandgebiet. Das "Unfallopfer" hatte sich im Steilgelände in eine Bachschlucht gelegt und bewusstlos gestellt - zehn Meter unterhalb der Fußgängerbrücke, die über den Bach führt. Von dort sahen Bergwanderer die Frau und setzten einen Notruf ab.

Sofort rückten Bergwacht-Mannschaften aus Aschau und Wasserburg aus - ebenso wie der Notarzthubschrauber. Es lief eine dramatische Rettungsaktion an. Der aus München herbeigeeilte Helikopter Christoph 1 setzte seinen Notarzt mit der Rettungswinde direkt an der "Absturzstelle" ab. Noch im Bachbett wurde die Patientin intubiert und beatmet, dann bei Einbruch der Dunkelheit im Luftrettungssack mit Seilwinde erst aus dem Steilgelände und dann ins Krankenhaus München-Harlaching geflogen. Fassungslos mussten die Retter einen Tag später, als sie sich nach dem Befinden der Frau erkundigten, zur Kenntnis nehmen, dass es überhaupt keinen Bergunfall gegeben hatte.

Wie unsere Zeitung herausfand, war das "Kampenwand-Drama" bereits der achte Bergwacht-Einsatz innerhalb von zwei Jahren, den die Frau ausgelöst hat - stets getrieben vom Münchhausen-Syndrom. Sie lag schon am Jochberg in Tirol, am Seeleinsee 1200 Meter etwa über dem Königssee, an der Benediktenwand nahe Bad Tölz, am Schwarzenberg im Mangfallgebirge, am Petersberg bei Flintsbach und am Karwendel bei Mittenwald - immer neue Schauplätze, immer neue Retter, immer neue Kliniken.

Immerhin: Für ihre "Notfälle" begab sich die 30-Jährige nach Angaben von Helmut Weidel, Leiter des alpinen Einsatzzugs des Polizeipräsidiums Süd, zwar in teilweise schwer zugängliches Gelände, aber nie in den hochalpinen Bereich, wo die Gefahr für Retter und Gerettete zunimmt. Dass das Münchhausen-Syndrom die Frau immer wieder in die Berge treibt, ist nicht nur das Pech der Bergwachtler, sondern auch einer Krankenkasse in Prien. Sie muss für die Einsatzkosten aufkommen - und dabei handelt es sich nicht um Kleingeld: Wenn Bergwachten, Rettungshubschrauber-Besatzungen und Krankenhäuser abrechnen, können mehrere tausend Euro zusammenkommen. Nur die Polizei kommt "gratis".

Laut Polizei befindet sich die 30-Jährige in ärztlicher Behandlung - offenbar ohne durchschlagenden Erfolg. Dass die unglaubliche Geschichte weitergeht, ist zu befürchten.

Ludwig Simeth/Chiemgau-Zeitung

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