Hoffen und Bangen

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Komplizierter als angenommen wird die acht- bis zehnstündige Operation von Agnesa am Mittwoch. Unser Bild zeigt die Siebenjährige mit ihrem Vater Sherif (links) und ihrem Onkel Ben Osmani.

Chieming - Schüchtern sitzt Agnesa auf dem Ledersofa in der Wohnung ihres Onkels. Sie trägt ein rosarotes Shirt mit einer kunterbunten Kette, gelben Spangerln im Haar und spielt mit einem Prinzessinnenschloss.

Die täglichen Krampfanfälle, die starken Medikamente, die das Mädchen seit fünf Jahren nimmt, haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Agnesa leidet an einer schweren Form der Epilepsie. In ihrer Heimat, dem Kosovo, hatte man sie schon aufgegeben.

Seit Anfang Juli ist das Mädchen nun aber zusammen mit ihrem Vater Sherif (46) in Deutschland. Am Mittwoch, 11. August, wird sie in der Schön-Klinik in Vogtareuth operiert. Ermöglicht haben das viele Menschen in ihrer Heimat, aber vor allem aus der Region, die in einer einzigartigen Welle der Hilfsbereitschaft innerhalb weniger Wochen das Geld für die lebenswichtige Operation des kleinen Mädchens gesammelt haben. Dabei waren knapp 100.000 Euro zusammen gekommen. Alles, was nach der OP von Agnesa und der Nachbehandlung übrig bleibt, wird in der Klinik anderen Kindern in ähnlicher Lage zur Verfügung gestellt.

Ein schwerer Eingriff steht der Siebenjährigen nun bevor. Knapp einen Monat war sie bereits zu Voruntersuchungen in der Diagnostik-Abteilung des Epilepsiezentrums für Kinder und Jugendliche in Vogtareuth, um festzustellen, wo die "Gewitterzentren" in ihrem Gehirn liegen. Dabei stellten die Ärzte fest, dass große Gehirnareale betroffen sind.

"Es wird auf jeden Fall komplizierter als zunächst angenommen", sagt Christiane Bahner, Sprecherin der Schön-Klinik. Acht bis zehn Stunden werde die Operation dauern, um das kaputte Gewebe aus Agnesas Kopf zu entfernen. Die Höhlen werden mit Gehirnflüssigkeit wieder aufgefüllt. Operieren wird der stellvertretende Chefarzt Dr. Manfred Kudernatsch. "Die Chancen für Agnesa stehen nach wie vor gut, auch wenn es komplizierter wird", ist sich Bahner sicher. Zu 50 Prozent werde das kleine Mädchen anschließend frei von Anfällen sein.

"Agnesa hat bisher nur mit der rechten Gehirnseite gelebt", berichtet Agnesas Onkel Ben. Er hat die Ärzte immer und immer wieder gelöchert, um möglichst alles über den Eingriff zu erfahren. Dass Agnesa bislang geistig normal entwickelt sei, liege daran, dass die rechte Gehirnhälfte Funktionen der linken gelernt und übernommen habe. "Das ist selten."

Familie Osmani durchlebt im Hinblick auf die Operation eine Berg- und Talfahrt, eine Mischung aus Angst und Vorfreude, wie Ben und Sherif es der Chiemgau-Zeitung schildern. "Ich habe Angst, große Angst. Aber ich habe vor allem Hoffnung und ich weiß, dass es für Agnesa keine Alternative gibt", so ihr Vater. Ihm steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Er habe seine Tochter in all den Jahren so viel leiden sehen, und nun gebe es die große Chance, dass sie gesund wird. "Sie ist sehr stark", sagt er und streichelt seiner Tochter liebevoll über das Haar. Agnesa weiß nur begrenzt, was auf sie zukommt. "Das ist besser so."

Über die große Hilfsbereitschaft für seine Tochter ist Sherif noch immer überwältigt. "Keiner hat gefragt, wer sie ist, was sie für einen Glauben hat. Die Menschen haben einfach geholfen. Und darüber bin ich sehr glücklich. Danke." Auch sein Bruder Ben, der seit 1993 mit seiner Familie in Chieming lebt und die Hilfsaktion in Deutschland ins Rollen gebracht hatte, gesteht: "Ich habe schon Angst, klar. Das ist eine große Operation, eine Hirnoperation. Aber es ist auch ihre große Chance." Schließlich möchte er, dass der große Wunsch seiner Nichte endlich in Erfüllung geht: "Sie will in die Schule gehen."

auk/Chiemgau-Zeitung

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