Jugendstation für Magersüchtige eröffnet

Prien - Die Schön-Klinik Roseneck hat eine spezielle Jugendstation für Magersüchtige oder von Bulimie betroffene Kinder eingerichtet. Bereits jetzt sind alle Behandlungsplätze belegt.

Die Mitschüler hänseln, die beste Freundin macht Stress und der erste Freund war eine Enttäuschung. Das sind drei typische Auslöser, die Mädchen in die Magersucht treiben können. Weil Magersüchtige immer jünger werden, hat die Schön Klinik Roseneck jetzt eine neue Abteilung eröffnet, in der speziell 14- bis 18-Jährige therapiert werden.

24 Therapieplätze gibt es in der Jugendstation. Sie sind voll und es gibt Wartelisten. Das zeugt nicht nur vom bundesweiten Renommee der Schön Klinik Roseneck bei der Behandlung von Essstörungen, die seit der Eröffnung vor 26 Jahren zu den Spezialgebieten gehört. Es belegt auch, dass die Patientinnen immer jünger werden.

Für den Ärztlichen Direktor, Professor Dr. Ulrich Voderholzer, war es daher nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine „Herzensangelegenheit“, Patientinnen schon ab 14 Jahren auf dem Weg aus der Magersucht oder Bulimie (Ess-Brechsucht) helfen zu können.

Auch Dr. Silke Naab, die Leiterin der Station, kennt die Probleme aus langjähriger Therapieerfahrung nur zu gut. Der hohe Leistungsdruck, gepaart mit einem mangelnden Selbstwertgefühl in der pubertären Zeit körperlicher und seelischer Veränderungen, ist für die beiden Mediziner eine Kombination, die die Krankheit oft auslöst.

„Die Patientinnen sind sehr perfektionistisch, sie haben einen hohen Anspruch an sich selbst“, sagt Voderholzer. Deshalb kann es durchaus sein, dass zu Beginn der Krankheit die schulischen Leistungen besser werden und die Mädchen anfangen, mehr Sport zu treiben. Der vermeintliche Zwang, abnehmen zu müssen, wird oft kaschiert, zum Beispiel durch weitere Klamotten, unter denen die körperlichen Veränderungen verborgen bleiben. Daher merken auch die Eltern oft erstmal nichts – und machen sich später Vorwürfe. „Ihr hattet keine Chance, ich habe alles getan, damit ihr es nicht merkt“, zitiert Naab die Aussage einer Patientin bei der Familientherapie. Die Angepasstheit, die die Mediziner bei den meisten Mädchen feststellen, lässt sie auch hellhörig werden, wenn eine Therapie allzu glatt verläuft. Nicht selten kommt es vor, dass die Patientinnen auch den Therapeuten versuchen, etwas vorzuspielen.

Die Einbindung der Angehörigen ist gerade bei den 14- bis 18-Jährigen ein wichtiger Baustein der Therapie. „Was wir als Krankheit erleben, ist nach einigen Monaten das Ergebnis dessen, was die Mädchen in sich spüren“, beschreibt Naab den Weg in die Magersucht. Den einen Auslöser wie einen vielleicht nicht einmal ernst gemeinten Satz über den etwas zu „dicken Hintern“ gibt es nach der Erfahrung der Spezialisten nicht. Es ist eine Kombination mehrerer Faktoren.

Deshalb muss auch die Therapie sehr individuell sein. Sie dauert meist acht bis zwölf Wochen. Die Mädchen werden pflegerisch rund um die Uhr betreut, ein Team aus erfahrenen Fachleuten arbeitet nach einem genau festgelegten Plan mit ihnen – von Jugendpsychologen über den Bewegungsund Gestaltungstherapeuten bis zum Neurologen und Ökotrophologen. Letztere arbeiten in der Lehrküche mit den Mädchen daran, ausgewogene Mahlzeiten selbst vor- und zuzubereiten. Bei der gestalterischen Arbeit mit Farben und Materialien lernen die Mädchen, Zugang zu ihren Gefühlen und dem eigenen Körperbild zu finden. Sport hilft ihnen, ihren Körper besser wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Weil die meisten Patientinnen 14 oder 15 Jahre jung sind, kommt auch dem spielerischen Element in der Therapie besondere Bedeutung zu. Rollenspiele und der Austausch untereinander gehören deshalb auch zu den Erlebnissen, die von den Mädchen selbst als besonders hilfreich empfunden werden (über die persönlichen Erfahrungen von drei Betroffenen berichten wir noch gesondert).

Die Behandlung bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine Chance auf Heilung, sondern auch eine wochenlange Unterbrechung ihres Alltags. Deshalb ist Voderholzer froh über die gute Zusammenarbeit mit den Priener Schulen. Dort haben die Patientinnen die Möglichkeit, am Unterricht teilzunehmen.

Weil die Krankheitsbilder zu komplex, die Symptome zu vielschichtig sind, steht für die Ärzte fest, dass das Ende des Aufenthalts in der Schön Klinik Roseneck nicht das Ende der Behandlung sein kann und darf. „Eine ambulante Folgebehandlung ist dringend notwendig“, weiß Naab, „das ist ein langfristiger Prozess.“ Und Voderholzer ergänzt: „Wir arbeiten an einer weiteren Verbesserung der Nachsorgekonzepte.“

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Rubriklistenbild: © dpa

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