Jahrhundertbauwerk sorgt für Sauberkeit

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Die Chiemsee-Kläranlage im Rimstinger Ortsteil Stiedering war 1988 eine riesige Baustelle. Im Chiemsee wurden derweil Leitungen versenkt.

Chiemsee - Der Chiemsee Ende der 1970er Jahre: Das Bayerische Meer droht umzukippen, Mengen von Abwässern schwemmen Nährstoffe im Überfluss. Zeit zu handeln und der Beginn eines Jahrhundertbauwerks.

Lesen Sie hier den Bericht der Chiemgau-Zeitung vom Dienstag:

Klärung im Verborgenen

Der Chiemsee drohte umzukippen, Mengen von Abwässern schwemmten Nährstoffe im Überfluss ins Bayerische Meer. Dessen Wasser war eher eine Brühe und im Sommer voller Algen. Das war Ende der 70er Jahre die dramatische Ausgangslage für die Idee, einen Ringkanal zu schaffen, um die Abwässer aller Anliegergemeinden zu sammeln und zu reinigen. Heute vor 20 Jahren, am 24. November 1989, ging das Jahrhundertbauwerk in Betrieb.

Die Abwässer von bis zu 70.000 Menschen fließen mit Hilfe von 30 Pumpwerken in einem 80 Kilometer langen Leitungsnetz zusammen und gelangen über einen 4,7 Kilometer langen und fast dreieinhalb Meter hohen Stollen vom See nach Stiedering am äußersten westlichen Rand des Gemeindebereichs Rimsting. Dort, in einer Lichtung mitten im Wald, steht die riesige Kläranlage, in der jedes Jahr fünf Millionen Kubikmeter Abwässer in einem 30-stündigen Prozess und einem komplizierten System gereinigt werden. Umgerechnet 95 Millionen Euro hat die Ringkanalisation seinerzeit gekostet, rund 80 Millionen kamen vom Freistaat. Zusätzlich wurden nochmal etwa 50 Millionen in die Erweiterung örtlicher Kanalnetze investiert.

Solche Zahlen lassen die Dimensionen erahnen. Die Ringkanalisation selbst ist fast unsichtbar. Das Meiste spielt sich im Untergrund ab - allein 128 Kilometer Leitungen liegen auf dem Grund des Bayerischen Meeres - und nach Stiedering kommt nur, wer dorthin muss.

Dabei kann ein Blick hinter die Kulissen durchaus auch eindrucksvoll sein. In der Schaltzentrale hat Betriebsleiter Franz Mayer, ein Mann der ersten Stunde, ein waches Auge auf Dutzende Lämpchen und Digitalanzeigen, die dokumentieren, welche Stoffe in welcher Menge sich in welchem Becken befinden.

Bei der Einweihung am 24. November 1989 öffneten Edmund Stoiber, Richard von Weizsäcker, Max Streibl und Peter Gauweiler die Schieber (von links).

Die Arbeit auf der Kommandobrücke ist eine Wissenschaft für sich. Mayer und seine Kollegen beschäftigen sich unter anderem mit Belebung, Prozesswasser, Faulbehälter und Nacheindicker. Fachkraft für Abwassertechnik ist ein Ausbildungsberuf, in dem wegen der anspruchsvollen Kenntnisse in Chemie, Physik und Mathe die Mittlere Reife vorausgesetzt wird.

Der AZV beschäftigt 16 Mitarbeiter. Ein Team umrundet Tag für Tag den Chiemsee und überprüft die 30 Pumpanlagen. Nach 20 Jahren Dauerbetrieb verschleißen immer öfter Teile, zuletzt ein "Räumer", also ein riesiger Schieber in einem der Klärbecken. 10.000 Euro kostete die Reparatur.

Sollten in der Nacht Probleme auftauchen, werden jeweils zwei Mann, die Bereitschaft haben, von der Anlage automatisch per SMS über dier Störung informiert.

In den riesigen Becken im Freien, die zusammen fast 19.000 Kubikmeter fassen, helfen Unmengen unsichtbarer "Mitarbeiter", das Abwasser zu säubern. An dem Reinigungsprozess wirken unter anderem Bakterien und Geißeltierchen mit. Sie fressen buchstäblich Dreck. Die Menge der winzigen Helfer gibt dem Experten im hauseigenen Labor Aufschluss über die Zusammensetzung der Abwässer.

Die werden in drei Stufen gereinigt - mechanisch werden unter anderem Fremdstoffe wie Hausmüll und Windeln ausgesondert, dann werden biologisch Kohlenmonoxid und Stickstoff abgebaut. Am Ende wird auf chemischem Weg Phosphor ausgesondert, bevor das saubere Wasser 2,5 Kilometer durch einen Stollen unter einem Berg hindurchfließt und bei Pietzenkirchen in einen zehn Kilometer langen abschüssigen Kanal zum Inn gelangt.

Die Kläranlage erzeugt fast die Hälfte ihres Strombedarfs selbst in zwei Blockheizkraftwerken (BHKW). Sie sollen laut AZV-Geschäftsführer Thomas Weimann im nächsten Jahr für rund 100.000 Euro saniert werden. Mit der Abluft der BHKWs werden auch mehrere Betriebsgebäude geheizt.

Die mit Abstand größte Investition seit der Inbetriebnahme der Ringkanalisation war 1999 der Bau eines zusätzlichen Belebungsbeckens zur Eliminierung von Stickstoff aus den Abwässern. Er war nötig, um neuen gesetzlichen Grenzwerten gerecht zu werden.

Der AZV hat in den vergangenen Jahren meist wegen anderweitiger Aktivitäten auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt durch die Neukonzeption für den Chiemsee-Rundweg. Trotzdem bleibt die Abwasserbeseitigung das Kerngeschäft des Verbands. Das lässt sich an Zahlen ablesen. In diesem Jahr zahlen die zehn Mitgliedsgemeinden 2,1 Millionen Euro Betriebskosten und 350.000 für Investitionen im Abwasserbereich, dagegen "nur" 165.000 für Umweltbelange. Seit knapp zehn Jahren gehören letztere zu den Aufgaben.

Dass der Chiemsee heute Trinkwasserqualität hat, ist in erster Linie zwei Männern zu verdanken. Die damaligen Bürgermeister von Prien und Rimsting, Lorenz Kollmannsberger und Josef Mayer senior, der Vater des heutigen Verbandsvorsitzenden, gelten als "Väter des Ringkanals". Sie brachten die zehn Kommunen zusammen und fanden in Stiedering den idealen Standort für die zentrale Kläranlage. Ihre Vision wurde nach dreijähriger Bauzeit am 24. November 1989 Wirklichkeit. Die Bedeutung des Ringkanals lässt sich auch daran ermessen, dass der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zur Einweihung kam.

Chiemgau-Zeitung

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