Klimawandel im Seebettenhaus

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"Bedside-Monitor" nennt der Hersteller die kleinen, schwenkbaren Fernsehbildschirme samt Fernbedienung (rechts oben im Bild), mit denen jedes Bett im Neubau ausgestattet ist.

Prien - Im Ersten kommt Fußball, im Zweiten Rosamunde Pilcher. Die Patienten im Seebettenhaus der Romed-Klinik müssen sich nicht streiten, welches Programm laufen soll.

In den Doppelzimmern hat jeder seinen eigenen Fernseher samt Kopfhörer am Bett. Das ist eine von vielen Verbesserungen für Personal und Patienten, die mit der Inbetriebnahme des Neubaus einhergehen.

Silvia Dengel und Gabriele Michel haben ein Problem weniger. Die Frage "Was ziehe ich heute an?" stellt sich ihnen nicht mehr. Die beiden Empfangsdamen haben zum Umzug erstmals dunkelblaue Dienstkleidung bekommen. Information und Beratung gibt es bei ihnen jetzt an einer offenen, hellen und geschwungenen Theke in der Halle hinter dem neuen Haupteingang der Klinik.

Wo früher Besucher das Haus betraten, hieß der Empfang noch "Pforte". Der winzige Raum hatte mit seiner Vollverglasung etwas von einem Hochsicherheits-Hamsterkäfig. Am alten Eingang wird ab Februar umgebaut, kündigt Baubeauftragter Albert Stelzer im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung an. Wo früher Zeitschriften und Wurstsemmeln am Kiosk verkauft wurden, werden später Handwerker Quartier beziehen, wenn es an Abriss und Neubau des Südbettenhauses geht, den letzten großen Bauabschnitt. Mindestens drei Jahre wird es wohl noch dauern, bis die Klinik komplett generalsaniert ist.

Drei Jahre nach dem Gesundheitszentrum (GHZ) war das Seebettenhaus vor zwei Monaten eingeweiht worden. In der Folge zogen nacheinander mehrere Stationen in den 20-Millionen-Bau um. Die letzte war kurz vor Weihnachten die schwierigste - die Intensivstation. Mit doppelter Besetzung beim Pflegepersonal und künstlicher Beatmung per Hand gelang die hausinterne Reise. Die Acht-Betten-Station im Untergeschoss ist aber auch nur eine Übergangslösung. Am Ende werden Intensivpatienten im Südbettenhaus liegen.

Weil dort in den nächsten Jahren auch wichtige Lagerräume erst entstehen, müssen sich die Mitarbeiter auf den Stationen mit zum Teil etwas beengten Verhältnissen bescheiden. Die Freude über das verbesserte Arbeitsumfeld wiegt das aber offenbar mehr als auf. Heller und freundlicher sind zwei der meistgenannten Beschreibungen, die Schwestern und Pfleger über die Lippen kommen - zum Beispiel in der Belegstation unter der Leitung von Christian Simo im ersten Stock. Dort freut sich das Personal vor allem über die Glasfront mit Blick nach Süden in ihren Pausenraum. Früher gabs die Brotzeit in einem fensterlosen Raum im Keller. Der oder die ein oder andere muss sich nur noch ein bisschen an neue Arbeitsabläufe gewöhnen. Beispielsweise sind die Arzneimittel nun, um Platz zu sparen, in waagrecht aus der Wand herausziehbaren Schränken gelagert, wie man sie aus Apotheken kennt.

Viele Details im Neubau sind erst auf den zweiten Blick erkennbar. In den Zimmern, die auf drei Etagen verteilt sind, muss das Bett nahe der Tür nicht mehr wegen der Enge zur Seite geschoben werden, wenn der Patient aus dem hinteren Bett zur OP oder Untersuchung geschoben wird, demonstriert beim Rundgang Pflegedienstleiterin Doris Hoffmann. Die Türen der Kleiderschränke können nicht mehr zuknallen, weil sie eine "Lärmdämpfung" haben, also automatisch abbremsen kurz vor dem Aufprall auf den Rahmen.

Ein Volltreffer ist der Romed-Gruppe offenbar mit der neuen Cafeteria gelungen. Seit sie mit einer größeren Speisenauswahl als früher eröffnet wurde, hat sich die Zahl der Mittagessen, die über die Theke gehen, mehr als verdoppelt, freut sich Verwaltungsleiter Klaus Papke. Nicht nur das Klinikpersonal, das dank eines neuen Chipsystems bargeldlos vergünstige Preise bezahlt, findet sich mittags zahlreich in dem Raum mit drei vollverglasten Seiten auf hellgrünen Stühlen ein, auch die Rettungskräfte vom Roten Kreuz haben das Kliniklokal mit Chiemseeblick schon für sich entdeckt. Vor der Tür parken die Sankas.

In den Gängen ist vom sonst oft typischen Krankenhausgeruch nichts zu spüren, die Luft und ihre Temperatur sind angenehm. Das Klima ist ein anderes als im früheren Bettenhaus, das sein Baujahr in den 1960er Jahren nicht verleugnen konnte.

Schon mehr als ein Jahr vor dem Umzug hatte die Vorbereitung darauf in Abstimmung mit dem Personal begonnen. Trotzdem kann bei einem Bau dieser Größe nicht jedes Detail im Voraus bedacht werden. Da kam es dann zum Beispiel vor, dass Stelzer in einem Grassauer Fachgeschäft mal schnell eine zusätzliche Stationsglocke gekauft hat, die auf der Wunschliste stand. Improvisation ist für alle Beteiligten ein Stück weit Selbstverständlichkeit, bis in ein paar Jahren auch das neue Südbettenhaus stehen wird.

Kaum ein Besucher oder Patient lässt sich bisher auf einer der Holzbänke zwischen den vielen Grünpflanzen im größten Wintergarten des Landkreises nieder. Das drei Stockwerke hohe Verbindungsstück zwischen Alt- und Neubau ist meist menschenleer. Nun wird schon überlegt, die Atmosphäre etwas einladender zu gestalten.

Wie sehr sich das Arbeitsklima gewandelt hat seit dem Umzug, belegt eine Episode, die Hoffmann erzählt. Da stand eine Schwester mit dem Rücken zur Tür in einem Patientenzimmer und reagierte erstmal nicht, als sie von der Pflegedienstleiterin angesprochen wurde. Sie blickte fasziniert aus dem Fenster auf das Bayerische Meer. Früher hatte sie jahrelang immer nur auf die Böschung an der Harrasser Straße geschaut.

db/Chiemgau Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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