"Zu kompliziert für Ja oder Nein"

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Prien - Kritik an der Informationspolitik der Marktgemeinde und die Risiken eines Heizkraftwerks standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion der Priener CSU.

Gegner des Projekts warben in einer zeitweise hitzigen Debatte unter anderem für Gebäudesanierungen zur Energieeinsparung als Alternative. Die etwa 150 Besucher standen am Dienstagabend bis in den Flur des „Bayerischen Hofs“. Vier Podiumsteilnehmer legten eingangs in jeweils rund 20-minütigen Referaten ihre Positionen dar. Moderator war CSU-Ortsvorsitzender Andreas Becker.

Vorstand Sebastian Stephan stellte das Konzept Wärmeversorgung Grassau vor. Die Anlage arbeite kostendeckend und soll heuer erweitert werden. Bisher werden 500 Haushalte mit Nahwärme versorgt, die durch Hackschnitzelverbrennung erzeugt wird. 17 000 so genannte Schüttraummeter seien dafür im Jahr erforderlich.

Elektrotechniker Alois Zimmermann aus Sondermoning, Betreiber eines Heizkosten-Vergleichsportals im Internet, konnte zum Priener Projekt „keine Aussage machen, ob es sinnvoll ist oder nicht, weil die Daten im Internet nicht vollständig sind“. Generell halte er Fernwärme bei großen Gebäuden im Vergleich zu anderen Alternativen für „wahrscheinlich am günstigsten, wenn der Preis nur moderat steigt“. Ein Einfamilienhaus sei dagegen der „ungünstigste Fall“ für einen Anschluss, verwies er auf hohe Umrüstungs- und Umbaukosten.

Ludwig Maier vom Waldbesitzerverein Rosenheim berichtete, es „wird um das Produkt Hackschnitzel gerungen“. Der Preis sei zudem „gewaltig“ nach oben gegangen. Derzeit liege er zwischen 14 und 20 Euro pro Schüttraummeter. Holz sei im Landkreis genug da, aber es werde auch schon „genug verwendet. Die Frage ist, ob man gutes Bau- und Nutzholz verhacken soll“.

Wolfgang Wagner, Energieberater und Kaminkehrermeister aus Freilassing, machte seine Meinung mit Fotos von gerodeten Wäldern deutlich. Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter energetischer Sanierungs- und Einsparmaßnahmen an Gebäuden zur Senkung des Verbrauchs. Wagner warb unter anderem für Dämmungen und Wärmepumpenanlagen sowie grundsätzlich für den „dezentralen Einsatz modernster Technik“. Nach seinen Informationen entsprechen lediglich 37 Heizanlagen in Prien derzeit nicht dem Standard.

Zum „Geschäftsmodell Fernwärme“ warnte er unter anderem vor einem „Monopol durch langfristige Verträge“. Verluste allein in den Leitungen von über 20 Prozent, die auch Zimmermann bestätigte, führte Wagner als weiteres Argument gegen solche Anlagen an. Stephan indes berichtete von belegten 13 Prozent Wärmeverlusten in Leitungen im neun Killometer langen Grassauer Netz. Die Wärme würde im Winter mit 90 Grad an den Häusern ankommen.

Dass ein Heizkraftwerk wie das in Prien geplante niemals wirtschaftlich sein könne, sagte zu Beginn der Diskussion Norbert Müller-Laser. Er zog außerdem den von Gemeindeseite propagierten Betrieb mit Hackschnitzeln in Zweifel, weil im Text des Bürgerentscheids das Wort „Holz“ fehle.

Martin Cretnik warnte, dass Hackschnitzel schon heute knapp seien und 30 Kommunen allein in Oberbayern derzeit solche Anlagen planen würden. Er kritisierte zudem, dass viele Fragen bisher nicht beantwortet worden seien, darunter auch ein Teil der 40 Fragen, die die CSU-Fraktion zusammengetragen hatte.

Deren parteiloses Mitglied Georg Fischer wies die Kritik zurück, die Priener Gemeinderäte hätten sich vor ihrer Zustimmung nicht genau informiert. Auch gebe es Aussagen staatlicher Förster, dass diese ausreichend Holz liefern könnten.

Scharf kritisierte Hans Axenböck die „Verkaufsveranstaltung“ der Gemeinde. „Das Heizkraftwerk hat man uns übergestülpt“, die Ingenieure hätten schon Hundertausende Euro daran verdient und obwohl sich der Gemeinderat seit Jahren damit beschäftige, seien die Bürger noch nicht gefragt worden, ob sie sich anschließen würden. „Wir sind dagegen, dass man hier in Prien nach Gutsherrenart regiert.“ Auch Dr. Andrea Kühnel monierte, dass es bisher kein Kataster über die vorhandenen Heizanlagen und über Anschlusswillige gebe.

Die Komplexität des Themas brachte Georg Wagenhuber auf den Punkt, als er feststellte: „Der Sachverhalt ist viel zu kompliziert, um nur mit Ja oder Nein abzustimmen.“

db/Chiemgau-Zeitung

 

Rubriklistenbild: © dpa

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