Laufen lassen oder doch anleinen?

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Übersee - Heiß diskutiert wird derzeit über eine mögliche Anleinpflicht für Hunde im gesamten Gemeindegebiet und ein Hundeverbot am Badestrand.

Ihr entsprechender Antrag führte in der jüngsten Sitzung des Gemeinderates zwar zu langen Diskussionen, aber noch zu keinen Lösungen. Ein "Runder Tisch" mit Vertretern der Landwirtschaft, der Jagd und Hundehaltern soll nun eine einvernehmliche Lösung bringen.

Das Thema ist "heiß". Das ließ sich schon an der ungewöhnlich großen Zuhörerkulisse von fast 40 Bürgern ablesen. Auf dem Tisch lag ein gemeinsamer Antrag von Landwirt Engelbert Steiner, Rudolf Steiner von der Jagdgenossenschaft Übersee, Peter Stöger vom Tourismusverein, Willi Siglreitmeier vom bayerischen Bauernverband und Jagdpächter Franz Wilk. Mit einer generellen Anleinpflicht und einem partiellen Hundeverbot wollen sie der wachsenden Zahl frei laufender Hunde und der Etablierung von Übersee als "Tummelplatz der Hundebesitzer aus der gesamten Region" entgegensteuern. Ihrer Ansicht nach muss eine entsprechende Verordnung her, die auch Sanktionen bei Verstößen beinhalte.

Als örtliche Schwerpunkte der Verunreinigungen durch Hundekot und -urin - die angebotenen Hundetoiletten würden nur mangelhaft angenommen - nannten die Antragsteller die beidseitigen Achendämme auf der Höhe von Almau sowie das Chiemseeufer nördlich des Strandbades: "Immer mehr Hundebesitzer, auch aus den Landkreisen Berchtesgadener Land und Rosenheim, kommen hierher, um ihre Hunde frei laufen zu lassen oder an den Badestrand mitzunehmen."

Neben den Verunreinigungen gebe es erhebliche Störungen für Weidevieh, Wild und Wiesenbrüter sowie die übrige Tier- und Vogelwelt. Zudem hätte es in diesen Bereichen zunehmend Angriffe auf Menschen und Pferde gegeben. Rehe seien gerissen und ein Pferd habe gar nach einer Hundeattacke eingeschläfert werden müssen.

Die zunehmenden Hundebisse sieht auch der Veterinärsdirektor Dr. Walter Lenze vom Landratsamt Traunstein als Problem: "Wenn sich Passanten fürchten und sich deshalb falsch verhalten, beißen frei laufende Hunde immer wieder einmal zu." Das größte Problem sei für ihn jedoch die Hygiene, "denn wenn Hundekot in den Futtertrog der Rinder gelangt, fressen die nicht mehr. Das Gras muss dann entsorgt und alles Maschinenzubehör von Hand gereinigt werden."

Vor den Diskussionsbeiträgen der Gemeinderäte wies Bürgermeister Marc Nitschke auf die bereits bestehende teilweise (vom 1. März bis zum 15. August) und ganzjährige Anleinpflicht in den Wiesenbrüterzonen und den Naturschutzgebieten hin. "Rein rechtlich ist die Anleinpflicht für das ganze Gemeindegebiet im Übrigen nicht zulässig", informierte der Bürgermeister. Einschränkungen des freien Umherlaufens durch eine Verordnung seien nur für Kampfhunde und für große Hunde ab einer Schulterhöhe von mindestens 50 Zentimetern möglich, wie beispielsweise Schäferhunde, Boxer, Dobermänner, Rottweiler und Deutsche Doggen.

Wie schwierig Problemlösungen sein dürften, zeigten die unterschiedlichen Argumente der Gemeinderäte. So sprach Hundebesitzer und Landwirt Hans Schönberger (Freie Bürgerliste, FBL) von "zwei Seelen" in seiner Brust. Einerseits sollte man seiner Meinung nach dem Bewegungsdrang des Hundes Rechnung tragen. Andererseits gelte der Hundekot als das giftigste Sekret von Tieren überhaupt, weshalb Rinder schon bei Spuren davon das Fressen verweigerten. Laut Schönberger sollten die etwa fünf Prozent der Hundehalter, die ihre Vierbeiner nicht unter Kontrolle hätten und auch nicht die Spielregeln der Hundetoiletten einhielten, "mal einen notwendigen Schuss vor den Bug kriegen".

Ratlos zeigte sich Wolfgang Hofmann (Bayernpartei): "Ich verstehe zwar die Nöte der Bauern, aber rechtlich haben wir wohl keine Möglichkeiten. Und ein eindringlicher Appell an die Hundehalter trifft wiederum nur die Einheimischen, nicht aber die Auswärtigen." Das Fazit von Anton Stefanutti (Die Grünen) lautete daher: "Letztendlich müssen wir bei den uneinsichtigen Hundebesitzern eine Änderung im Hirn erreichen." So könnten die so genannten "guten Hundebesitzer" die "schlechten" ansprechen, sie also quasi disziplinieren.

Während Ludwig Ertl (FBL) eine neue Bewusstseinsbildung der Einheimischen für genug erachtete, forderte Alois Huber (CSU), "dass vor allem in Almau, dem Eldorado von frei laufenden Hunden, was passieren muss. Dort drohen Hundebesitzer den Bauern ja schon mit einer Anzeige, wenn die ihr Land verteidigen." Auch Max Speckbacher (SPD) sprach von Drohungen, wenn man Leute anspräche. Dieter Schöneburg (SPD) und Leo Segin (CSU) waren sich einig, dass eine mögliche Verordnung über einen Leinenzwang in einigen Gebieten nichts bringt: "Eine Verordnung bedeutet auch Kontrolle. Und dafür haben wir schlichtweg kein Geld."

Bürgermeister Nitschke stellte fest, "dass es viele Vernünftige gibt, die ihre Hunde unter Kontrolle haben und die Hundetoiletten benutzen." Das sei auch in etlichen Schreiben von Hundehaltern an ihn zum Ausdruck gekommen. Ihm sei es wichtig, so der Rathauschef weiter, dass kein Kleinkrieg zwischen beiden Parteien in der Gemeinde entfacht werde.

Sein Vorschlag vom "Runden Tisch" erhielt uneingeschränkte Zustimmung.

vd/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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