Wut, Verzweiflung und Trennungsängste

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Der 33-jährige Überseer stand vor Gericht

Übersee/Traunstein - "Seine Augen waren wie leer und von Hass erfüllt." So die Erinnerung der 25-Jährigen, die von ihrem Ex-Freund fast getötet wurde. Gestern wurde ihm im Landgericht Traunstein der Prozess gemacht.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Chiemgau-Zeitung:

Trennung endet fast tödlich

Die Beziehung zwischen einem Mechaniker (34) und seiner Freundin (25) lag schon lange in den letzten Zügen. Als die junge Frau aus Übersee den Mann aufforderte, endlich aus ihrer Wohnung auszuziehen, drehte er durch: Der 34-Jährige würgte sein Opfer bis zur Bewusstlosigkeit, kümmerte sich nicht um die halbtot auf dem Bett liegende Studentin und flog stattdessen nach Thailand.

Gestern wurde dem Mann am Landgericht Traunstein der Prozess gemacht. Er hatte sich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu verantworten. Über drei Jahre wohnte der Mechaniker bei seiner Lebensgefährtin in Übersee, zahlte weder Miete noch für das Essen. Zuletzt unternahm er nichts mehr mit ihr, saß in der Freizeit Bier trinkend vor dem PC bei Computerspielen. Folge: Die 25-Jährige machte Schluss mit ihm.

Am Fronleichnamstag, 11. Juni 2009, rief er sie ins Schlafzimmer, erklärte, man könne die Beziehung "wieder hinkriegen" und forderte sie auf, mit ihm zu schlafen. Als die Studentin ablehnte, griff ihr der Mann an den Hals, schubste sie rücklings aufs Bett und setzte sich auf sie.

Dann packte der 34-Jährige zu. Das Opfer erinnerte sich: "Seine Augen waren wie leer und von Hass erfüllt." Ob er sie mit einer Hand oder mit beiden Händen am Hals gewürgt hat, weiß sie nicht mehr. Alles sei sehr schnell gegangen. Sie habe einen stechenden Schmerz im Hals gefühlt, Todesangst empfunden, nicht mehr atmen können. Ihr sei ganz heiß geworden: "Dann weiß ich nichts mehr."

Ungefähr eine Stunde war die Frau bewusstlos. Dann hörte sie ihren Hund bellen, immer lauter. Sie habe "komisch" auf dem Bett gelegen, erst nach und nach kam sie zu sich: "Dann bin ich aufgesprungen und habe gesehen, dass sein Auto weg war. Ich habe den Hund gepackt und bin zu meiner Mutter gefahren. Dort wurde mir schwindlig und schlecht."

Per Sanka wurde die Verletzte ins Klinikum Traunstein gebracht. Eine Woche lang waren die Würgemale am Hals und andere Verletzungen an Hals, Kopf und Oberarmen zu sehen. Schluckbeschwerden plagten sie. "Ich hatte das Gefühl, alles wäre zu", schilderte die Zeugin gestern vor dem Schwurgericht mit Vorsitzendem Richter Karl Niedermeier. In psychologischer Behandlung ist sie noch heute. Sie traue sich bei Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus.

Während die Studentin bewusstlos auf dem Bett lag, fuhr der Angeklagte mit dem Auto zum Flughafen München. Noch in Übersee warf er sein Handy aus dem Fahrzeug. Unterwegs holte er sich Geld aus einem Automaten. Am Flughafen ließ er sich ein Ticket nach Bangkok reservieren, dann machte er einen Abstecher von mehr als 100 Kilometern an die Donau, um dort bei einem Autosattler ihm angeblich zustehendes Geld abzuholen. Dem 33-Jährigen erzählte er von privaten Problemen, habe er seine Freundin doch mit einem anderen Mann erwischt.

Dazu der Zeuge, der ihm damals 950 Euro aushändigte: "Wenn ich gewusst hätte, was er gemacht hat, hätte er kein Geld gekriegt." Nach einer guten Stunde Fahrzeit nach München zahlte der Angeklagte das Ticket, blieb einige Tage in Bangkok und Pataya. Dort entdeckte er im Internet eine Meldung, wonach seine Ex-Freundin die Attacke überlebt hatte und gegen ihn ein Haftbefehl ergangen war. Der 34-Jährige dazu vor dem Schwurgericht: "Da wollte ich bloß noch zurück." Am Flughafen München klickten die Handschellen. Seither saß er in Untersuchungshaft.

Was von Verteidiger Dr. Mark-Alexander Grimm aus Gunzenhausen als Geständnis seines Mandanten angekündigt wurde, war nur eine Selbstrechtfertigung, gepaart mit Selbstmitleid und einer halbherzigen Entschuldigung. Er habe sich von der 25-Jährigen "verarscht gefühlt", erklärte er, berief sich auf einen "Blackout". Dass er die Frau möglicherweise irreparabel verletzt habe durch das Würgen, habe ihn "aus der Bahn geschmissen". Zu seiner Flucht sagte er: "Wenn ich mich schon umbringe, dann dort, wo mich keiner kennt."

Der Angeklagte, der 1989 aus Mecklenburg-Vorpommern mit seiner Mutter in den Westen zog, hat drei Kinder.. Die zwei Kinder aus seiner geschiedenen Ehe leben in der Türkei. In den Chiemgau kam er, weil er in Übersee einen neuen Arbeitsplatz fand.

Dr. Fabio-Carlo Monticelli vom Institut für Gerichtsmedizin an der Universität Salzburg sprach gestern von "akuter Lebensgefahr" der 25-Jährigen. Die massive Gewalteinwirkung gegen den Hals durch Würgen habe deutlich mehr als 20 Sekunden gedauert. Die festgestellten Symptome seien ein "Stadium des Erstickens". Der psychiatrische Gutachter, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, bezeichnete den "leicht kränkbaren, selbstbezogenen" 34-Jährigen als voll schuldfähig - trotz einer gewissen "affektiven Beeinträchtigung" zur Tatzeit. Er sehe ein "Motivbündel aus Wut, Verzweiflung und Trennungsängsten". Ein Urteil lag gestern bis Redaktionsschluss nicht vor.

kd/Chiemgau-Zeitung

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